Ein Leserbrief von peterpan, eingegangen am 29. Januar 2012:
>>Tolltoll,
wenn der Sound nicht gefällt, schau’n wir uns auch den Inhalt nicht an.
Ernsthaft: man muss TD nicht schätzen (resp. ihre Texte, die Person kennt ja ohnehin niemand), aber echte Auseinandersetzung sieht anders aus.
Es ist der übliche Reflex: Da ist ne aktuelle Debatte, an der man sich ohne Sachkenntnis mal locker beteiligen kann. Ein paar Platitüden lassen sich immer finden. (Doppelkinn, Haarfarbe!! Geht’s noch??!!)
Am besten das neue Buch zur Hand nehmen und gründlich reinschauen. Und ggfs. Abbitte leisten.
Schöne Woche anschließend dann.
peterpan<<
Ich gebe peterpan insofern recht, dass man Meinungen, Ansichten, Statements, Urteilen nicht dadurch begegnen sollte, indem man äußert, dass diejenige, welche solche Meinungen von sich gibt, ein Doppelkinn hat, Übergewicht, ein Fistelstimme oder umgefärbte Haare.
Peterpan erhebt aber auch den Vorwurf mangelnder Sachkenntnis. Zwar hat er ebenfalls dahingehend recht, dass ich das Gemeinschaftswerk von Dorn und Wagner nicht gelesen habe (ich vermute, dass er das mit dem neusten Werk meint). Meine Kritik an Thea Dorn geht allerdings auch aus einer Enttäuschung hervor, denn ich war von Frau Dorns erstem Krimi sehr angetan, den ich vor einigen Jahren gelesen habe. Was mich enttäuscht, ist die Diskrepanz zwischen der Intelligenz der Autorin, die sich in ihrem Krimi zeigt, und der FDP-nahen Ansicht, die sie über Arbeitslose in jenem Rundfunkgespräch vom 30. 12. 2011 äußerte.
http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2011/12/30/dlf_20111230_1916_2c190967.mp3
Es geht darum, dass Thea Dorn Tanja Dückers meint widersprechen zu müssen, und zwar in Richtung der These: Wer arbeitslos ist, ist lediglich zu faul zum Arbeiten. Wenn eine Person mit einer durchaus nicht geringen Medienpräsenz solchen Unsinn verbreitet, spielt es für mich zunächst keine Rolle, was sie sonst in ihren Büchern zu sagen hat.
Eben höre ich im Hintergrund einen Bericht über die Insolvenz von Schlecker, in dem es heißt: Gerade im ländlichen Raum werden die Schlecker-Verkäuferinnen es schwer haben, einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Über Schlecker hinaus ist ja momentan ständig die Rede vom Arbeitsplatz-Abbau, zum Beispiel bei EON*.
Bevor Thea Dorn sich auslässt über die Faulheit von Arbeitslosen, sollte sie sich kundig machen über die Zusammenhänge, welche für Arbeitslosigkeit verantwortlich sind.
Da es zwischen Dorn und Sloterdijk Übereinstimmungen gibt, und zwar in Bezug auf das Thema Anstrengung und Leistung, vermute ich, beide sind durch ihr Philosophie-Studiumvon von einem Leistungsbegriff bestimmt, der an sich richtig ist, der gleichsam idealtypisch zutrifft. Falsch ist jedoch der Kurzschluß, wer arbeitslos ist, ist es, weil er faul ist. Das darf man getrost als Schwachsinn bezeichnen.
Die empirischen Subjekte sind nicht das ins Irdische hinabgestiegene absolute Subjekt**, das sich im Modus der Anstrengung und der Mühe sich durchs Endliche hindurcharbeitet, um sich schließlich am Ende mit sich selbst wieder zusammenzuschließen.
Der allergrößte Anteil der Arbeitslosen hat eine Fülle von Anstrengungen durchlebt und ist dann vom Arbeitsgeber auf die Straße gesetzt worden.
Sicherlich gibt es Träge, Bequeme, die aller Mühe und der harten Arbeit des Benehmens aus dem Wege gehen und gegangen sind und aus denen deshalb nichts geworden ist, aber diese Tatsache ist zu dürftig, um das Problem der Arbeitslosigkeit hinreichend und zureichend zu beschreiben.
Es gibt Erfolgreiche, wie Thea Dorn, die von ihren freiberuflich erzielten Honoraren leben können, aber das berechtigt sie nicht dazu, sich über andere zu erheben, die von ihren z. B. künstlerischen Arbeiten sich nicht ernähren können. Wer die Realität von Malern, Bildhauern, Musikern, Schauspielern usw. ausblendet und sie kollektiv herabwürdigt, von dem muss ich nicht alles lesen.
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*Nachtrag heute am 31.1.2012: Nachrichten um 13 Uhr im Deutschlandfunk:
>>Nokia Siemens Networks baut in Deutschland 2.900 Stellen ab
Der Netzwerkausrüster Nokia Siemens Networks baut in Deutschland 2.900 seiner insgesamt 9.000 Stellen ab. Wie das Unternehmen mitteilte, wird unter anderem der Standort München komplett geschlossen. Das Geschäft solle auf Berlin, Bonn, Bruchsal, Düsseldorf und Ulm konzentriert werden. Der finanziell angeschlagene Konzern hatte Ende November angekündigt, weltweit 17.000 Stellen zu streichen.<<
Wenn ich Thea Dorn im besagten Gespräch vom 30.12.2011 richtig verstanden habe, sollen die Entlassenen ihr Anspruchsdenken aufgeben und etwas leisten?
Bezogen auf die Tatsache, dass Frau Dorn Kriminalschriftstellerin ist, wäre noch zu sagen, dass es eine Reihe von Kriminalromanen gibt, die ich gern und mit Gewinn gelesen habe, weil in diesen Romanen eine Reflexion der Wirklichkeit stattfindet, eine gedankliche Durchdringung der Realität und des Lebens der Menschen, die man in der Philosophie meist vergebens sucht….
Möglicherweise sollten Philosophen keine Krimis schreiben.
**So kann man es noch im Vorwort der Meiner-Ausgabe von Schellings System des transzendentalen Subjekts lesen. Gott steigt auf die Erde herab und arbeitet sich durch die Widrigkeiten der Realität hindurch zum absoluten Subjekt empor, das er aber immer schon war. Selbst bei Hölderlin ist davon die Rede, dass die Götter der Sterblichen bedürfen, weil jene nichts von selbst fühlen.