Ich hatte vor zwei Tagen gesagt, dass der Begriff der Funktionselite ein Oxymoron sei, also ein Begriff, der zwei sich einander ausschließende Eigenschaften oder Charakteristika miteinander verbindet. Ich hatte meine Bezeichnung des Begriffs Funktionselite als Oxymoron damit begründet, dass Elite immer auch beinhaltet, aus dem Gesamten, in dem ein Teil funktioniert, herauszutreten, sich als Teil dem Gesamten gegenüber zu stellen und sich zu fragen, ob das Gesamte überhaupt richtig oder ob es gar wahr ist. Das heißt, der aus dem Gesamten Herausragende ist nur dann ein Herausragender, wenn er dadurch auch einen Überblick über das Gesamte hat. Sinngemäß meinte das Nietzsche mit seinem Ausspruch: Sils Maria, wo Nietzsche sich aufzuhalten pflegte, Sils Maria heißt: 2000 Meter über dem Meer, geschweige denn über der Menschheit.
Im herrschenden Wertesystem auf diesem Planeten wird der Nobelpreis an herausragende Personen verliehen. Man könnte sagen, der Nobelpreis “adelt” sie, hebt sie hervor. Der Brauch des Adelns aufgrund exorbitanter Leistungen ist übrigens in England noch lebendig. Wer von den schauspielerischen Leistungen von Alec Guinness oder Laurence Olivier begeistert war und viellicht sogar geprägt wurde, wird den Sir vorm Namen in der Regel für gut heißen.
Worauf ich hinaus will, möchte ich am Nobelpreisträger Samuel Beckett verdeutlichen:
Beckett beginnt seinen Roman DER NAMENLOSE wie folgt:
“Wo nun? Wann nun? Wer nun? Ohne es mich zu fragen. Ich sagen. Ohne es zu glauben. So was Fragen, Hypothesen nennen. Fortschreiten, so was schreiten nennen.”
Der Sprachzweifel (siehe auch den Chandos-Brief von Hugo von Hofmannsthal aus dem Jahre 1902) ist ein Kennzeichen der Moderne, das heißt, der Zweifler benutzt die Sprache, er ist in der Sprache, die Sprache ist in ihm – und gleichzeitig tritt er mit Hilfe der Sprache aus der Sprache heraus.
Was die herrschende Funktionselite in Politik und Wirtschaft als Fortschritt bezeichnet, befragt der Nobelpreisträger für Literatur, das heißt, er fragt, ob die Bezeichnung Fortschritt für das, was hier und jetzt in der Gesellschaft, im Land, in der Welt geschieht, überhaupt angemessen ist.
Ist der Fortschritt überhaupt einer, wird das, was als Fortschritt bezeichnet wird, mit Recht so bezeichnet?
Ich will mit dieser kurzen Reflexion nur andeuten, dass das Heraustreten aus dem, was geschieht, dass das dem Geschehen gegenüber treten, ein Merkmal kritischen Bewußtseins ist. Und ohne kritische Reflexion dessen, was geschieht und worin wir alle verstrickt sind, ist die Inanspruchnahme des Begriffs Elite gänzlich unangemessen.
Etwas, das funktioniert, funktioniert als Rädchen oder Rad im Getriebe. Etwas kann nicht gleichzeitig funktionieren und Elite sein. Becketts Fragen unterbricht den Fluss der Sprache, den Fluss des Schreibens. In der Kunst ist es möglich, dass dieses Unterbrechen wiederum Teil des Schreibens ist.
Ein Banker, wenn er die ethische Dimension der Spekulation mit Lebensmitteln reflektiert, muss nicht aufhören, ein Banker zu sein, aber er muss aufhören, mit Lebensmitteln zu spekulieren.
Ich hatte vor einigen Tagen gesagt, der Begriff der Funktionselite trifft auf die Führungsfiguren im 3. Reich zu: Himmler, Freisler, Eichmann. Ich konnte das in dem Moment, als ich das spontan äußerte, nicht begründen. Ich glaube, dass es mir jetzt möglich ist.
In einer offenen Gesellschaft im Sinne Poppers, sagen wir in einer idealtypischen Demokratie, ist es möglich, Distanz zur eigenen Rolle, zum eigenen Dasein, zur Gesellschaft, in der man lebt, herzustellen. Ich habe das in diversen Aufsätzen unterm Stichwort Selbstreflexion dargestellt. In der offenen Gesellschaft ist der Begriff Funktionselite ein Oxymoron, in einem totalitären Staat ist er das nicht. Der totalitäre Staat gleicht einem zweidimensionalen Daseinsmodus, der sich und seinen Bewohnern die dritte Dimension verbietet. Wer im Sinne der Gräueltaten im 3. Reich perfekt und herausragend aktiv funktionierte, gehörte dort zur Funktionselite. Wer anfing, Distanz gegenüber der Gleichschaltung, der Einebnung in die Zweidimensionalität herstellen zu wollen, wem durch die Distanzierung die Augen aufgingen, wer sah, wie verbrecherisch das System war, der hörte auf im Sinne des Systems zu funktionieren. Ihn erwartete die Todesstrafe, die der funktionselitäre Freisler über ihn verhängte. Freisler war Schüler am Wilhelmgymnasium in Kassel und er hatte eine ZWEI in Religion.
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PS.: Erinnern möchte ich an meinen Aufsatz über die Hinwendung der Kunst zu den gesellschaftlich Schwachen und Außenseitern. Darin habe ich unter anderem geschrieben:
>>Die gesellschaftliche Elite, die Etablierten, die Lieblosen und Hochmütigen, die Selbstgerechten und Kaltherzigen, die Phärisäer aller Zeiten, kurz, die Inhaber der Macht, die andere durch Unterdrückung und diktatorische Ignoranz unter sich leiden lassen, werden in der Kunst ihres Glorienscheins entkleidet, sie werden zu Randfiguren. Und die von der Macht zur Seite Gedrängten, die von den Starken und Gesunden Mißachteten, die Schwachen, die vermeintlichen Versager, die Lädierten, die Tauge- und Habenichtse, die Verfolgten und die Opfer werden hingegen zu Protagonisten. Kunst kehrt das Unterste zuoberst, bringt jene Gestalten des Lebens, bringt die Realität zur Geltung, die der Macht und ihren Stützen lästig sind. Kunst ist die Präsenz des Übersehenen, des Un-Erhörten, des Vergessenen, Unliebsamen oder gar Tabuisierten. Literatur und Malerei zum Beispiel sind bevölkert von Säufern, Brandstifern, Mördern, Huren, Krüppeln, Arbeitsscheuen, Verbitterten, Einsamen, Selbstmördern, Ehebrechern, Landstreichern – und nicht zu vergessen: von den Müden, den Langsamen, den Melancholikern und Verzweifelten. Die Liste scheinbar negativer Charaktere verwandelt sich durch die Kunst in eine positive Liste der Weltliteratur: Werther, der Selbstmörder, Kohlhaas, der Brandstifter, Woyzeck, der Mörder, Effie, die Ehebrecherin, Lulu, die Dirne, Wladimir und Estragon, die Landstreicher, Hamm, der Krüppel. Und die Namen der Verwandler: Goethe, Kleist, Büchner, Fontane, Wedekind und Beckett.
Das Skandalon besteht in den Augen der Anständigen, Fitten, Erfolgreichen, Durchsetzungsstarken, der Glatten, Eleganten, der Täuscher und Selbstgefälligen darin, daß die Kunst die Nutzlosen, die Außenseiter nicht verurteilt, sondern sie in besonderer Weise beachtet und sie auch noch zu lieben scheint. Der Künstler, der sich zum Anwalt der Unterdrückten und Mißachteten macht, ist nicht nur gesellschaftlich ein Oppositioneller, sondern er leistet gegen alle Formen selbstzufriedener, ausgrenzender Abstraktion die Anstrengung des Konkreten, wie zum Beispiel E.T.A Hoffmann, der das Verknöcherte, Bürokratische und Puritanische an der Aufklärung kritisierte; oder wie etwa Büchner, der sich im >Lenz< gegen das idealistische Menschenbild ausspricht, das ein verkürztes insofern war, als es das reale Dasein, die Vielfalt der Existenz verdrängte.<<
Vielen Dank für diesen Beitrag, der mir gerade weiterhilft, meine Gedanken ein wenig zu strukturieren, dahingehend, dass ich ihnen folgen kann
Ich dachte z.B darüber nach, warum es mir aktuell hilft, in die Stadt zu gehen, wenn ich die Kamera dabei habe. Soll heißen, ich befinde mich in einem Zustand des inneren Rückzugs von der Welt, den ich versuche zu durchbrechen, einfach um irgendwie weiterzuleben. Dabei hilft mir die Kamera. Sie hilft mir, mich innerlich zu distanzieren und zu reflektieren anhand der Motive, die ich ablichte. Während ich, wenn ich beispielsweise in der Natur bin, selten Lust verspüre, zu fotografieren, auch auf Reisen nicht. Da will ich immer erstmal eintauchen, Teil werden, nicht reflektieren. Beim Reisen kommt das Reflektieren immer erst später, zuerst kommt das Eintauchen, das Teilwerden, ich abstrahiere mich sozusagen erstmal selbst, indem ich Teil werde – dann erst kann ich überhaupt reflektieren.. Fehlt diese Erfahrung des Eintauchens und Teilhabens, reflektiere ich nicht, sondern projeziere.
Keine Ahnung, ob ich das jetzt richtig formuliert habe. Ich bin im Moment völlig durcheinander, durch den Wind, nicht aus dem Häuschen, sondern in der Grube…Jedenfalls danke für deine für mich immer sehr hilfreichen Ausführungen.
Das Leben sollte ein Wechselspiel sein zwischen Partizipation und Reflexion. Wer den Aspekt des Partizipierens, der Teilhabe und Eintauchens betont hat, ist Morris Bermann in seinem 1995 erschienenem Buch “Wiederverzauberung der Welt”.
Gibt es ab Euro 2.– bei booklooker.
http://www.booklooker.de/app/detail.php?id=899628672&setMediaType=0&&sortOrder=
@Klaus,
ja ein komplexes Thema, zudem ich noch Einiges zu sagen hätte. momentan aber noch nicht kann.
Was anderes: ich crossposte hier mal meinen Comment, den ich eben bei >wiessaussieht< hinterlassen habe, aufbauend auf diesen hier.
"Mit dem Notebook in der Hand, reflektieren und dokumentieren wir unseren Weg zur Schlachtbank. Tag für Tag aufs Neue, Schritt für Schritt dem End-Ziel näher kommend…"
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Andererseits, wie sollte man ohne Blogs den ganzen Wahn aushalten? Ich schmachte ja auch immer nach den richtigen Worten, die irgendjemand für mich findet u. ausspricht, in der Hoffnung, sie könnten irgendetwas in mir freisetzen. Aber können sie das? Wir müssen mehr u. mehr auf die Qualität unserer Worte achten, auf die Tiefe und Klarheit. Ach ich weiss auch nicht …
Aber Sybille Berg, die will es auch nicht wirklich wissen.
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,816729,00.html
Ihr reichen ein paar Luftballons, um sich ein Urteil zu erlauben. Ein paar aufgeschreckte Kommentare, … denen sie vorwirft, sie wollten nichts wissen. Und dabei will sie selbst nicht mehr wissen, nur schreiben.