Das Grimmsche Wörterbuch, das auf der documenta 11 im Museum Fridericianum per Beamer-Projektion einem breiteren Publikum vorgestellt wurde, versammelt Begriffe in ihrem Kontext. So gibt es nicht nur eine einzige Definition oder eine eindeutige Bedeutung, sondern der Begriff, ein Begriff wird in seinem möglichen Bedeutungsspektrum, in der Vielfalt seiner Bedeutungen vorgestellt.

Je mehr ich in den letzten Tagen über Elite gelesen habe, um so deutlicher wird mir seine schillernde Verwendung. Albrecht Müller, ich glaube es war das erste Buch der Nachdenkseiten, hatte im Untertitel die Formulierung: Wie eine mittelmäßige Elite unser Land ruiniert.

Ich fand das damals merkwürdig, da Mittelmaß und Elite sich gegenseitig ausschließen. Müller kann dann mit Elite nur gemeint haben, dass die politische Führung dieses Landes Elite ist, weil sie die Führung ist, also Kanzler, Kanzlerin, Minister, Ministerinnen usw. Sie führen zwar, sind aber im Grunde genommen politische und wirtschaftliche Dilletanten, Pfuscher, Blunderer.

Ein Leserbrief, der mich heute erreichte, sieht den Begriff der Elite so:

>>Ich habe mir  gerade deinen Eintrag von gestern zum Thema “Funktionselite” durchgelesen.

Der überwiegend in der Soziologie verwendete Terminus selber vereint zwei Elemente miteinander:
a) das Herausgehobene, Herausragende
b) das Funktionieren
Beides passt zueinander, es zu sagen, ist beinahe überflüssig, da bei einem Herausragenden seine Fähigkeit in der Sache, sein Funktionieren in seinen Fachgebieten  selbstverständlich ist, denn gerade wegen dieses Merkmals ragt er ja heraus.

“Funktionselite” ist ein hierarchischer Terminus, er will eine Dienstleistungsklasse begrifflich markieren, die unterhalb der “eigentlichen” Elite Spezialaufgaben löst. Angela Merkel wäre danach “Elite”, der Staatssekretär im Kanzleramt wäre “Funktionselite”. Ob diese Unterscheidung nützlich ist? Keine Ahnung.

Unabhängig von diesen Unterscheidungen läuft auf einer kategorial zu trennenden Ebene die von dir angeschnittene Frage nach der Fähigkeit des “Heraustretens als Teil des Gesamten”, die Fähigkeit zur Rückwendung, Rückbeugung des Menschen auf den Sinn seines Daseins, seiner Arbeit, dem Sinn des speziell Geleisteten im Zusammenhang mit der Sinnhaftigkeit des Ganzen. Selbstreflexion ist kein Merkmal der Elite, sondern markiert die jedem Menschen mitgegebene Fähigkeit, nicht nur wie ein Rädchen im Getriebe zu funktionieren, sondern herauszutreten und die Sinnfrage zu erörtern. Und es es ist kein Merkmal der “Elite” ob sie die  Fähigkeit zur Selbstreflexion nutzt. Es gibt endlos viele Beispiele aus Kunst und Philosophie (Hans Jonas z.B.) – hier ist Selbstreflexion, das “Heraustreten aus dem Gesamten”, geradezu ein Merkmal der Produktion, eine conditio sine qua non, die aber nicht in jedem Fall zum tragenden Element wird – siehe Sloterdijk. Im Bereich von Wirtschaft und Politik vermisse ich die Fähigkeit der kritischen Rückbeugung, des “Heraustretens”, fast vollständig (Willy Brandt? Herbert Wehner? von Weizsäcker? Köhler?). Ob die Elite “Verantwortungselite” genannt werden kann, ist nochmal ein eigens zu untersuchender Aspekt. “Verantwortungselite” erscheint mir als ein unnützer Begriff. Denn “Verantwortlichkeit” verlange ich von Jedermann –  wehe mir, mein Krankenpfleger handelt unverantwortlich.

Eichmann, Himmler, Freisler brauche ich nicht, wenn ich mich gedanklich mit dem Thema “Elite” beschäftige, sie erscheinen mir auch nicht erforderlich, um den Begriff der “Funktionselite” zu reflektieren. Diese drei bekleiden in der Geschichte der Dissozialität Spitzenpositionen. Das dissoziale Verhalten von Eliten, ihr Rekurs auf Massen, ihre Organisation einer Massenbasis, ihre Fähigkeit, das Destruktive in uns, die Lust auf Zerstörung und Tod zu mobilisieren, ist ein ganz anderes Thema, bei dessen Erforschung allerdings der soziologische Begriff der Elite kaum eine Rolle spielt. Ich kenne keine Untersuchung zu diesen Typen, die mit einer Exegese zum Begriff der Elite anfängt oder endet.

Voller Bedauern sehe ich sehr viele meiner Zeitgenossen ohne Selbstreflexion durch die Gegend laufen. Sie lieben das Zweidimensionale (da stimme ich dir zu), sie werden da nicht hineingezwungen, sie begeben sich freiwillig in diesen Käfig, sie nutzen die Offenheit der Gesellschaft nicht, in der sie leben (“selbst verschuldete Unmündigkeit”) Und darin sehe ich die Ursache vieler Übel.<<

Ich hoffe, ich komme Morgen dazu, einige Gedanken von Gerhard Roth, dem Präsidenten der Studienstiftung des deutschen Volkes, zu referieren. Er hat sich im Jahresbericht der Studienstiftung von 2010 Gedanken zum Begriff der “Verantwortungselite” gemacht.