Kleine Vorbemerkung: Ich wollte etwas über Vorurteile und Sprache schreiben. Vor einer Stunde, als ich nach Hause kam. Dann habe ich allerdings zuerst den neuen Beitrag von flatter auf Feynsinn gelesen: Schaffen wir sie doch ab.

Es gibt Zeiten, in denen einem die „kleinen“ Dinge plötzlich ganz nichtig vorkommen angesichts der großen Schweinereien, die man täglich vorgeführt bekommt. Ich sage nicht, die man täglich erlebt, denn die großen Schweinereien betreffen einen zumeist nicht unmittelbar. Was mich unmittelbar betrifft, ist zum Beispiel die Tatsache, dass in Kassel die Städtischen Werke jährlich den Jahresverbrauch an elektrischem Strom im Oktober ablesen. Die Preise aber haben sich erst ab 1. Januar verändert, das heißt, der Strom ist erst in 2011 pro Kilowattstunde teurer geworden. Also müssten an Sylvester die Zählerstände erneut abgelesen werden. Das ist aber vermutlich den Stadtwerken zu teuer und deshalb wird der Stromverbrauch vom Mitte Oktober 2010 bis zum 31.12.2010 geschätzt. Mir kommt das so vor, als ob der Fleischverkäufer die Wurst oder das Schnitzel mit der Hand wiegt und so das Gewicht nach Gefühl bestimmt.

Szenenwechsel:

Die Nachrichten auf Deutschlandfunk vom 2.1. 2010 begannen so: Deutschen Firmen beklagen sich über Ungarn, darüber dass ……   Und ich dachte, jetzt kommt: … dass das Mediengesetz die Meinungsfreiheit beschneidet. Es war ein Irrtum meinerseits, ich habe zu gut über die deutschen Firmen gedacht. Ihnen geht die Meinungsfreiheit am Arsch vorbei. Sie beklagen sich über die Sondersteuer der Ungarn für ausländische Unternehmer.

((Flatter schreibt darüber: >>In Ungarn ist das System so rapide zu einer faschistischen Kulissendemokratie umgebaut worden, dass man sich wundert. Kritisiert wird daran nicht etwa der Abbau aller Bürgerrechte, die der Willkür überantwortet werden. Niemand schert sich über den Umgang mit Minderheiten, denen geht es in Frankreich oder Italien auch nicht besser. Nein, was Europa, seiner sogenannten “Union” und ihrer Kulturjournaille Sorgen macht, das sind die Wettbewerbsbedingungen für ihre Großkonzerne.<<))

Szenenwechsel:

Worüber ich eigentlich schreiben wollte, ist dies: eine Sendung im Deutschlandfunk über die Vorurteile (der Deutschen) gegenüber Afrikanern, gegenüber Menschen mit dunkler Hautfarbe. Inbegriff des Vorurteils ist der Schwarze als Menschenfresser, der in einem großen, kugelförmigen Kochtopf einen Weißen bei lebendigem Leibe gart.

Was mich an dieser Sendung interessiert, ist zugleich ein persönliches und – wie ich glaube – ein allgemeines Problem. Man hat an der Uni in Germanistik und in der Philosophie versucht, mir meine eigenen Wahrnehmungen abzugewöhnen, das heißt, nicht so sehr die Wahrnehmungen selbst, sondern das Bemühen, Eigenes, selbst Erlebtes, Beobachtetes, Gefühltes und Empfundenes zu verbinden mit begrifflicher Reflexion. Professor Karl Robert Mandelkow meinte noch zu meiner Dissertation: Oh, o, o – da ist zu viel Subjektives drin.

Mit anderen Worten: Das Subjekt, die Individualität, die Besonderheit des Ichs gilt wenig. Wenn ich aber urteile, ohne die eigene Erfahrung dessen, worüber ich urteile, dann kommen eben meist nur Vorurteile zustande, dann sitzt eben der Weiße im Kochtopf des Negers, der vor dem Essen noch schnell mit seiner Negerfrau in der Hütte schnackselt.

In dieser Sendung auf Deutschlandfunk wurde am gestrigen Sonntag dann ein zweites Mal Victor Klemperer zitiert, und zwar mit der Beobachtung, dass Sprache, wenn sie von der Propaganda benutzt wird, wie ein schleichendes Gift wirkt. Man merkt seine Wirkung, seinen Effekt nicht sofort. Und man müsste hinzufügen, viele merken den Effekt verlogener Sprache am Ende überhaupt nicht, weil sie neben der Unfähigkeit, Erfahrung und Begriff miteinander zu verbinden, es auch nicht vermögen, ihre eigenen Meinungen und Urteile selbstkritisch zu hinterfragen.

Und solche – selbst an den Universitäten gezüchtete – Unfähigkeit machen sich Politik und ihre willfährigen Diener zunutze, indem sie sprachlich Wirklichkeiten kreieren, die es gar nicht gibt oder die es als Teil gibt, als ein Teil, das dann zum Ganzen aufgeblasen wird. Vorhin, vor anderthalb Stunden im Supermarkt, schlägt mir die Zeile auf der Frontseite von BILD ins Gesicht: Ärzte schreiben zu schnell krank. Mein erster Gedanke dazu war: Wenn die Ärzte für eine Krankschreibung eine Stunde brauchten, könnten sie ihre Praxis schließen. Die Schlagzeile in BILD aber verrät: Die meisten Ärzte sind offenbar im Sinne der Arbeitgeber noch nicht gleichgeschaltet.

Wie ein Farbiger in Deutschland sich fühlt, beschreibt der Schauspieler Pierre Sanoussi-Bliss:

http://www.sanoussi-bliss.de/rede.pdf

Ein Zitat daraus. Pierre Sanoussi-Bliss fragt:

>>Ist es politisch korrekt, dass meine Agentin Margarita Kling, auf die Bitte, mich in diesem oder jenen Film zu besetzen, die Antwort bekommt: „Was soll`n wir denn mit `nem Mulatten?“<<