Baums Notizen aus der Unterwelt.

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DIE ERKLÄRUNG DES TOTALEN KRIEGES — 25. Februar 2012

DIE ERKLÄRUNG DES TOTALEN KRIEGES

There will be Blood

Posted by flatter under Politik
1 Comment25. Feb 2012 18:23

zombeco

Der ehemalige Vizepräsident von Goldman Sachs (London), den die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union zum Präsidenten der EZB ernannt haben, geht in die Offensive und erklärt quasi das neoliberale Armageddon. Unter der falschen Flagge des Orwellschen Begriffs “Strukturreformen” sieht er das Ende des Sozialstaates gekommen – in Europa, dem reichsten Kontinent der Erde. Dergleichen war zu erwarten, es entspricht dem aggressiven Imperialismus der Investmentbänker, insbesondere der metastasierenden Krake Goldman Sachs. In dieser Deutlichkeit hätte ich das allerdings nicht erwartet.<<
Weiter bei Feynsinn.

Wer ist hier der Präsident der EZB?

Auf youtube ansehen. Clintz Eastwood, Pale Rider:

Eine Nachbemerkung zu Marlehn Thiemes Begriff der Funktionselite —

Eine Nachbemerkung zu Marlehn Thiemes Begriff der Funktionselite

Ich hatte vor zwei Tagen gesagt, dass der Begriff der Funktionselite ein Oxymoron sei, also ein Begriff, der zwei sich einander ausschließende Eigenschaften oder Charakteristika miteinander verbindet. Ich hatte meine Bezeichnung des Begriffs Funktionselite als Oxymoron damit begründet, dass Elite immer auch beinhaltet, aus dem Gesamten, in dem ein Teil funktioniert, herauszutreten, sich als Teil dem Gesamten gegenüber zu stellen und sich zu fragen, ob das Gesamte überhaupt richtig oder ob es gar wahr ist. Das heißt, der aus dem Gesamten Herausragende ist nur dann ein Herausragender, wenn er dadurch auch einen Überblick über das Gesamte hat. Sinngemäß meinte das Nietzsche mit seinem Ausspruch: Sils Maria, wo Nietzsche sich aufzuhalten pflegte, Sils Maria heißt: 2000 Meter über dem Meer, geschweige denn über der Menschheit.

Im herrschenden Wertesystem auf diesem Planeten wird der Nobelpreis an herausragende Personen verliehen. Man könnte sagen, der Nobelpreis “adelt” sie, hebt sie hervor. Der Brauch des Adelns aufgrund exorbitanter Leistungen ist übrigens in England noch lebendig. Wer von den schauspielerischen Leistungen von Alec Guinness oder Laurence Olivier begeistert war und viellicht sogar geprägt wurde, wird den Sir vorm Namen in der Regel für gut heißen.

Worauf ich hinaus will, möchte ich am Nobelpreisträger Samuel Beckett verdeutlichen:

Beckett beginnt seinen Roman DER NAMENLOSE wie folgt:

“Wo nun? Wann nun? Wer nun? Ohne es mich zu fragen. Ich sagen. Ohne es zu glauben. So was Fragen, Hypothesen nennen. Fortschreiten, so was schreiten nennen.”

Der Sprachzweifel (siehe auch den Chandos-Brief von Hugo von Hofmannsthal aus dem Jahre 1902) ist ein Kennzeichen der Moderne, das heißt, der Zweifler benutzt die Sprache, er ist in der Sprache, die Sprache ist in ihm – und gleichzeitig tritt er mit Hilfe der Sprache aus der Sprache heraus.

Was die herrschende Funktionselite in Politik und Wirtschaft als Fortschritt bezeichnet, befragt der Nobelpreisträger für Literatur, das heißt, er fragt, ob die Bezeichnung Fortschritt für das, was hier und jetzt in der Gesellschaft, im Land, in der Welt geschieht, überhaupt angemessen ist.

Ist der Fortschritt überhaupt einer, wird das, was als Fortschritt bezeichnet wird, mit Recht so bezeichnet?

Ich will mit dieser kurzen Reflexion nur andeuten, dass das Heraustreten aus dem, was geschieht, dass das dem Geschehen gegenüber treten, ein Merkmal kritischen Bewußtseins ist. Und ohne kritische Reflexion dessen, was geschieht und worin wir alle verstrickt sind, ist die Inanspruchnahme des Begriffs Elite gänzlich unangemessen.

Etwas, das funktioniert, funktioniert als Rädchen oder Rad im Getriebe. Etwas kann nicht gleichzeitig funktionieren und Elite sein. Becketts Fragen unterbricht den Fluss der Sprache, den Fluss des Schreibens. In der Kunst ist es möglich, dass dieses Unterbrechen wiederum Teil des Schreibens ist.

Ein Banker, wenn er die ethische Dimension der Spekulation mit Lebensmitteln reflektiert, muss nicht aufhören, ein Banker zu sein, aber er muss aufhören, mit Lebensmitteln zu spekulieren.

Ich hatte vor einigen Tagen gesagt, der Begriff der Funktionselite trifft auf die Führungsfiguren im 3. Reich zu: Himmler, Freisler, Eichmann. Ich konnte das in dem Moment, als ich das spontan äußerte, nicht begründen. Ich glaube, dass es mir jetzt möglich ist.

In einer offenen Gesellschaft im Sinne Poppers, sagen wir in einer idealtypischen Demokratie, ist es möglich, Distanz zur eigenen Rolle, zum eigenen Dasein, zur Gesellschaft, in der man lebt, herzustellen. Ich habe das in diversen Aufsätzen unterm Stichwort Selbstreflexion dargestellt. In der offenen Gesellschaft ist der Begriff Funktionselite ein Oxymoron, in einem totalitären Staat ist er das nicht. Der totalitäre Staat gleicht einem zweidimensionalen Daseinsmodus, der sich und seinen Bewohnern die dritte Dimension verbietet. Wer im Sinne der Gräueltaten im 3. Reich perfekt und herausragend aktiv funktionierte, gehörte dort zur Funktionselite. Wer anfing, Distanz gegenüber der Gleichschaltung, der Einebnung in die Zweidimensionalität herstellen zu wollen, wem durch die Distanzierung die Augen aufgingen, wer sah, wie verbrecherisch das System war, der hörte auf im Sinne des Systems zu funktionieren. Ihn erwartete die Todesstrafe, die der funktionselitäre Freisler über ihn verhängte. Freisler war Schüler am Wilhelmgymnasium in Kassel und er hatte eine ZWEI in Religion.

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PS.: Erinnern möchte ich an meinen Aufsatz über die Hinwendung der Kunst zu den gesellschaftlich Schwachen und Außenseitern. Darin habe ich unter anderem geschrieben:

>>Die gesellschaftliche Elite, die Etablierten, die Lieblosen und Hochmütigen, die Selbstgerechten und Kaltherzigen, die Phärisäer aller Zeiten, kurz, die Inhaber der Macht, die andere durch Unterdrückung und diktatorische Ignoranz unter sich leiden lassen, werden in der Kunst ihres Glorienscheins entkleidet, sie werden zu Randfiguren. Und die von der Macht zur Seite Gedrängten, die von den Starken und Gesunden Mißachteten, die Schwachen, die vermeintlichen Versager, die Lädierten, die Tauge- und Habenichtse, die Verfolgten und die Opfer werden hingegen zu Protagonisten. Kunst kehrt das Unterste zuoberst, bringt jene Gestalten des Lebens, bringt die Realität zur Geltung, die der Macht und ihren Stützen lästig sind. Kunst ist die Präsenz des Übersehenen, des Un-Erhörten, des Vergessenen, Unliebsamen oder gar Tabuisierten. Literatur und Malerei zum Beispiel sind bevölkert von Säufern, Brandstifern, Mördern, Huren, Krüppeln, Arbeitsscheuen, Verbitterten, Einsamen, Selbstmördern, Ehebrechern, Landstreichern – und nicht zu vergessen: von den Müden, den Langsamen, den Melancholikern und Verzweifelten. Die Liste scheinbar negativer Charaktere verwandelt sich durch die Kunst in eine positive Liste der Weltliteratur: Werther, der Selbstmörder, Kohlhaas, der Brandstifter, Woyzeck, der Mörder, Effie, die Ehebrecherin, Lulu, die Dirne, Wladimir und Estragon, die Landstreicher, Hamm, der Krüppel. Und die Namen der Verwandler: Goethe, Kleist, Büchner, Fontane, Wedekind und Beckett.
Das Skandalon besteht in den Augen der Anständigen, Fitten, Erfolgreichen, Durchsetzungsstarken, der Glatten, Eleganten, der Täuscher und Selbstgefälligen darin, daß die Kunst die Nutzlosen, die Außenseiter nicht verurteilt, sondern sie in besonderer Weise beachtet und sie auch noch zu lieben scheint. Der Künstler, der sich zum Anwalt der Unterdrückten und Mißachteten macht, ist nicht nur gesellschaftlich ein Oppositioneller, sondern er leistet gegen alle Formen selbstzufriedener, ausgrenzender Abstraktion die Anstrengung des Konkreten, wie zum Beispiel E.T.A Hoffmann, der das Verknöcherte, Bürokratische und Puritanische an der Aufklärung kritisierte; oder wie etwa Büchner, der sich im >Lenz< gegen das idealistische Menschenbild ausspricht, das ein verkürztes insofern war, als es das reale Dasein, die Vielfalt der Existenz verdrängte.<<

Kampf um die Deutungshoheit der Gauck-Zitate —

Kampf um die Deutungshoheit der Gauck-Zitate

geschrieben am 24. Februar 2012 von Spiegelfechter, jens berger

Zumindest in einem Punkt weist der Pastor Joachim Gauck bereits jetzt eine erstaunliche Parallele zu den Evangelisten auf – um die Exegese seiner Worte ist ein heißer Streit entbrannt. NachdemPatrick Breitenbach am Montag die Metaebene betrat und sich eifrig ins Zeug legte, Gaucks Zitate in den rechten Kontext zu rücken, griff auch SPIEGEL-Online-Kolumnist Sascha Lobo die Kritik an der Kritik Gaucks am Dienstag auf. Die beiden Artikel hinterließen zwar einen virtuellen Scherbenhaufen, schrammten jedoch mit Bravour am vorgegebenen Ziel vorbei. Die umstrittenen Zitate des designierten Bundespräsidenten sind auch im jeweiligen Kontext zu kritisieren.

Was will uns eigentlich der bloggende Medienunternehmer Patrick Breitenbach mit seinem stellenweise pompös anmutenden Artikel zur „Filterbubble“ bei den Gauck-Zitaten sagen? Subtrahiert man die – oft gestelzt wirkende – medientheoretische Rahmenbetrachtung und die unverhohlene Bewunderung für den Kandidaten Gauck, erhält man die Kernaussage, dass Joachim Gauck ein Rhetoriker der alten Schule sei, der klare Aussagen meide. Stattdessen trage er in seinen Reden, Interviews und Aufsätzen Abwägungen vor, mit denen er sich dialektisch zu seiner intellektuellen Synthese vorarbeite. In seinem – nicht weniger pompös anmutenden – Folgebeitrag übersetzt Breitenbach dies mit der griffigeren Vokabel „verschwurbelt“. Die vor allem im Netz kolportierten Zitate seien demnach nur Abwägungen, die keinesfalls Gaucks Meinung widergäben, die sich nur im gesamten Kontext erschließen ließe. Ist Gauck also ein modernes Orakel von Delphi? Nein, denn Breitenbachs Metaanalyse ist selbst „verschwurbelt“ und scheitert am eigenen Anspruch.

Weiter auf den NachDenkSeiten

Hier der Text zum Nachlesen:

http://www.rationalgalerie.de/index.html

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