Klaus Baum: Notizen aus der Unterwelt.

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Der Verleger Kurt Wolff …. — 3. März 2012

Der Verleger Kurt Wolff ….

…. der als erster Texte von Kafka veröffentlichte, sagte einst:

“Man verlegt entweder Bücher, von denen man meint, die Leute sollen sie lesen, oder Bücher, von denen man meint, die Leute wollen sie lesen. Verleger der zweiten Kategorie zählen für uns nicht – nicht wahr?”

Den Würstchen vom WDR, ich meine die Direktoren, ist diese Sichtweise offenbar unbekannt. Für sie zählt, was Lisbeth Müller sehen und hören will. Es ist eine Art Realo-Einstellung: Wir passen uns an, an das, was mächtig werden könnte. Dadurch wird, was mächtig werden könnte, dann tatsächlich mächtig.

Höre gerade auf Deutschlandfunk etwas über dien WDR. Erwähnt wurde auch die Seite www.die-radioretter.de. Dort findet sich der folgende offene Brief:

>>Sehr geehrte Frau Intendantin,

die Informationen aus den WDR 3-Redaktionen und auch die Berichte in der Presse über weitere Streichungen im Programm machen uns keine Sorgen, denn Sie werden derart undurchdachte Pläne sicher nicht zulassen und mit einem Federstrich verhindern: die Streichung von täglich 32 Minuten politischer Berichterstattung im „Journal“, das Verschwinden eines wöchentlichen Feature-Platzes für Musik und Literatur, die Verwandlung des werktäglichen aktuellen Kulturmagazins „Resonanzen“ in ein Wiederholungsprogramm und das Aus für das sonntägliche Auslandsmagazin „Resonanzen weltweit“ – um nur einige der als Organisationsreform angekündigten „Kleinigkeiten“ zu nennen.

Wir hoffen, dass Sie sich als Intendantin dem öffentlich-rechtlichen Programmauftrag verpflichtet fühlen und sich zudem den Blick für die Verhältnismäßigkeit der Mittel bewahrt haben: Die Einsparungen im WDR 3-Radio wären ja nur ein Klacks im Vergleich zu den Unsummen, die für den Profi-Fußball im Fernsehen ausgegeben werden. Oder die der gebührenfinanzierte Selbstfindungsprozess teurer Moderatoren im Vorabendprogramm kostet. Um nur zwei Beispiele zu nennen.

Schon die in den letzten zehn Jahren vorgenommenen Veränderungen im WDR-Kulturradio bedeuten eine große Schwächung: Gestrichen, gekürzt, abgebaut oder ausgelagert wurden das politische Feuilleton des „Kritischen Tagebuchs“, die literarischen Lesungen, Rezensionen, Originaltonmitschnitte in „Dokumente und Debatten“, Gesprächssendungen wie „Zeitfragen/Streitfragen“ oder „Funkhausgespräche“ sowie Features und Hörspiele.

Die Wirkungen dieser Programmpolitik sind katastrophal. Ein Kulturprogramm verarmt und nicht einmal das Argument, man könne mit weniger Qualitäts-Einschaltradio und mit mehr Begleitmusik auch mehr Hörer gewinnen, stimmt. Im Gegenteil: Die Hörerzahlen sind weiter gesunken. Auch Sie kommen deshalb an der Erkenntnis nicht vorbei: Die allmähliche Zurichtung eines anspruchsvollen Kulturprogramms in ein leicht konsumierbares Häppchenangebot („Kultur to go“) ist nicht nur schädlich, sondern auch gescheitert. Und die Fortsetzung falschen Denkens löst nicht die Probleme, die es schuf. Wir vertrauen deshalb darauf, dass Sie die neuesten Abbau-Pläne für WDR 3 längst in den Papierkorb geworfen haben. Sie sollten es nur noch öffentlich machen. Und zwar sofort. Indem Sie zum Beispiel die folgenden fünf Punkte als Maßstab ihrer Programmpolitik unterstreichen:

  1. Das Kulturradio muss dem Hörer zugewandt sein; es darf ihn nicht unterfordern oder ruhig stellen, es muss sein Interesse wecken und Zusammenhänge wie ungewöhnliche Perspektiven vermitteln. Das Kulturradio füllt einen umfassenden Kulturbegriff mit Leben.
  2. Das Kulturradio muss dabei den Gegenstand seiner Berichterstattung und Reflexion ernst nehmen und sich auf die Komplexität der Gegenstände einlassen. Das erfordert kompetente Autoren und Redakteure, aber auch die Verteidigung der entsprechenden Sendeplätze.
  3. Das Kulturradio muss Anstöße geben. Es vermittelt Kultur, produziert Kultur und ist ein Teil der Kultur. Dazu gehören Konflikt, Streit, Brisanz. Es kann nicht nur Service bieten, denn Kunst, Literatur, Theater, Musik und Wissenschaft sind mehr als nur Konsumgüter. Rezension und Kritik begleiten die kulturelle Entwicklung und treiben sie voran.
  4. Das Kulturradio orientiert über Probleme auch der Gegenwart und Zukunft, zeigt Handlungsmöglichkeiten auf. Es ist ein Gegenwartsmedium. Die Beschränkung der Politik auf stündliche Nachrichten ist unzureichend.
  5. Das Kulturradio öffnet besondere Perspektiven auf die Politik: Das erfordert Sendeplätze für lokale und globale Berichterstattung, für Analyse und Kommentar. Deshalb unterhält der öffentlich-rechtliche Rundfunk sein Korrespondentennetz. Er überlässt die politische Meinungsbildung nicht nationalen und internationalen Medienkonzernen.

Für WDR 3 bedeutet das,

  • die politischen Journale zu erhalten und auszubauen,
  • kulturelle Berichterstattung, Rezension und Kritik zu verstärken; durch die Förderung von Fachkompetenz und durch die Schaffung neuer Sendeplätze (statt weiterer Streichungen),
  • die Erhaltung und die Weiterentwicklung des als Feuilleton konzipierten Kulturmagazins „Resonanzen“ mit seinem besonderen Blick auf die Welt aus kultureller und politischer Perspektive (statt der Umwandlung in eine Wiederholungssendung),
  • das Literatur- und Musikfeature nicht zu streichen.

WDR 3 sollte vielmehr mit seinen Stärken punkten und wieder mehr Dokumentationen und Kulturproduktionen zu günstigeren Sendezeiten präsentieren – und dafür werben.

Mit solchen und ähnlichen Maßnahmen könnten Sie der leider berechtigten Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk entgegentreten, die von Verarmung, Verflachung oder gar der Verdummung der Programme spricht. Beweisen Sie das Gegenteil.<<

Seltsame Argumentationskette —

Seltsame Argumentationskette

Fuzzi ist Kumpel von Wulffi. Fuzzi entscheidet darüber, ob Wulffi ein Ehrensold zusteht. Da dieser aber nur gezahlt wird, wenn Wulffi aus politischen Gründen aus dem Amt ausgeschieden ist, nutzt Fuzzi die Macht der Worte und sagt, die Vorteils-Annahme im Amt ist nicht kriminell, sondern politisch. Manchen könnte das als ein willkürlicher Akt erscheinen, was aber eine Fehleinschätzung wäre. So mancher wird noch wissen oder davon gehört haben, das Gottes Schöpfung eine Schöpfung kraft des Wortes ist. Gott sagte, es werde Licht, und es ward Licht. And God said let there be light, so steht es unter dem Eröffnungsbild der berühmten Fotoausstellung von Edward Steichen: The Family of Man.

Fuzzi sagte: Wir nennen den Rücktritt einen politischen, und schon kann die Schöpfung weitergehen, die Geldschöpfung, der unehrenhafte Ehrensold. And God said, we call it political …

Und weil Gott, ich meine, weil Fuzzi das so gesagt hat, ist der Ehrensold dann rechtens, meint jedenfalls ein anderer Herr, einer aus God’s own country – Bayern:

>>Geis: Wulff hat Rechtsanspruch auf Ehrensold

Die Empörung vieler Menschen in der Debatte um den Ehrensold für Ex-Bundespräsident Wulff ist nach Ansicht des CSU-Politikers Geis nachvollziehbar. Allerdings habe die Geschichte ihr Urteil noch nicht gesprochen, sagte das Mitglied im Bundestags-Rechtsausschuss im Deutschlandfunk. Man solle vielmehr abwarten, wie die Meinung in 15 Jahren sein werde.* Wulff habe einen Rechtsanspruch auf den Ehrensold und kein Gericht werde ihm diesen Anspruch aberkennen, betonte Geis. Gestern Abend hatte die Staatsanwaltschaft Hannover das Haus des zurückgetretenen Bundespräsidenten in Großburgwedel durchsucht. Gegen Wulff und den Filmproduzenten Groenewold wird wegen des Verdachts auf Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung ermittelt.<<

Wie gesagt, der Rechtsanspruch basiert allein auf der willkürlichen Definition von Fuzzi, auf dem Wort POLITISCH. Merken Sie, werter Leser, wie teuer manchmal die Wortwahl werden kann?

PS.: In dieser zu Ende gehenden Woche lief in der Krimisendereihe Heiter bis tödlich folgende Episode: Der Zuschauer sieht, wie die Fahrschülerin dem Fahrlehrer an den Oberschenkel fasst. Sie behauptet dann, er habe sie sexuell belästigt. Die Spannung des Films besteht nun darin, ob die Justiz merkt, wie es richtig herum gewesen ist?

Im Falle der Politik können wir sehen, was wir wollen, richtig ist immer nur das, was die Götter sagen. Wenn Gott spricht, also Fuzzi, können ihm die Gerichte nicht widersprechen.

*Die Hervorhebung durch Fett-Schrift ist von mir. Für Flatter müsste die Formulierung, erst in 15 Jahren können wir beurteilen, was wir heute sehen, eine Steilvorlage sein.

Integrationsverweigerer —

Integrationsverweigerer

Neben der einvernehmlichen Hausdurchsuchung gab es in der vergangenen Woche noch ein schönes Wort, das Innenminister Friedrich in Umlauf setze:

Integrationsverweigerer.

Auf facebook kursiert die folgende Grafik (click to enlarge):

Der Begriff des Integrationsverweigerers suggeriert, als gäbe es ein großes funktionierendes, in sich sinnvoll strukturiertes Gebilde, das liebend gern alles Lebendige integrierte. Nennen wir das Gebilde Gesellschaft. Dann gäbe es welche, die sich nicht integrieren lassen wollen.

Man kann die Richtung der Argumentation aber auch umwenden. Wir leben in einem System, das Millionen von Menschen einen Arbeitsplatz verweigert. Man schreibt Monat für Monat Bewerbungen, hunderte, vielleicht tausende.

Jene, welche die Absagen als Antwort auf die Bewerbungen verschicken, sind die wahren Integrationsverweigerer.

Click to enlarge!

Wulf und die einvernehmliche Hausdurchsuchung —

Wulf und die einvernehmliche Hausdurchsuchung

Nein, hier geht es nicht um Wulff, sondern darum, wie es Menschen ergeht, die nicht den Spitzen der Politik und der Wirtschaft angehören.

Ein Erfahrungsbericht von Paul Herzog:

>>Da sitz ich nun und bin fassungslos. Eine Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Korruption, bzw. Vorteilsnahme, wie es offiziell heißt, lässt eine Hausdurchsuchung absagen, weil Pressevertreter das Haus umlagern und macht anschließend einen Termin auf freiwilliger Basis.

Hätte ich auch gerne gehabt ;-)

Bei meinem ehemaligen Arbeitgeber wurde eingebrochen und die komplette EDV gestohlen. Als Praktikant, damals noch ohne eigene Flatrate, habe ich nun auf Anweisung des Chefs mit seinen Zugangsdaten über seinen Provider von Zuhause aus alle Passwörter sämtlicher Postfächer, Shops usw. ändern sollen. Leider hatte er vergessen der Polizei von diesem Auftrag zu erzählen. Eine beim Provider aktive Fangschaltung hatte nun ermittelt, dass ich mit einer “fremden” IP und offensichtlich “geklauten Zugangsdaten” unterwegs war. Beim Chef wurde nicht mehr nachgefragt, statt dessen hatte ich morgens um Punkt 8 Uhr fünf Beamte in Zivil mit Durchsuchungsbefehl vor der Tür stehen. Die haben nicht nachgefragt, wann es denn passen würde, obwohl das “Diebesgut” “nur” einen Gesamtwert von fast 2000 € hatte.

Als ich arbeitslos wurde und in Hartz-IV abgerutscht bin, wurde auch nicht gefragt, wann es passt. Da standen die Damen und Herren der ARGE unangemeldet vor der Tür und wollten prüfen, ob wir denn auch “angemessen” wohnen. Und siehe da: unsere Wohnung, Jahre zuvor bei gutem Gehalt angemietet, lag 30 € über der örtlichen Mietobergrenze. Das unser autistisches Kind ein eigenes Zimmer als Rückzugsort brauchte, war irrelevant. Auch, dass meiner Frau als Rollstuhlfahrerin unsere Erdgeschosswohnung mit ebenerdigem Zugang über den Garten sehr entgegen kam zählte nicht, da die Terrassentür nicht die vorgeschriebene Breite für eine barrierefreie Wohnung von 90 cm hatte, sondern lediglich 80 cm breit war. Kein Problem, es handelte sich um eine Flügeltür, die man zur Not auch beidseitig öffnen konnte. Die sind unangemeldet mit Fotoapparat und Zollstock durch unsere Wohnung gekrochen – da ging es um 30 € im Monat, die das Amt nicht mal zahlen musste, da wir von Anfang an gesagt hatten, dass wir diese Mehrkosten irgendwie aus unserem Regelsatz bezahlen. War denen wurscht. Erst, als wir mit einem Anwalt des VdK gedroht haben, ging es plötzlich und uns wurde großzügig erlaubt, die Mehrkosten aus dem Regelsatz zu bestreiten.

Wir leben wahrlich in einem Rechtsstaat und bei solchen Witzveranstaltungen wie freiwilligen, angemeldeten Hausdurchsuchungen bei korrupten Politikern wird mir das immer wieder klar!<<

Hier noch ein Link zum Law-Blog von Udo Vetter. Er kommentiert die VORZUGSBEHANDLUNG:

http://www.lawblog.de/index.php/archives/2012/03/02/vorzugsbehandlung/

.

Einvernehmliche Hausdurchsuchung …. —

Einvernehmliche Hausdurchsuchung ….

…. ist meine Lieblingsformulierung der Woche. Hörte ich gerade in der Presseschau des Deutschlandfunks.

Dank einer durch und durch korrupten Führungsschicht wird das Recht immer progressiver. Die Polizei ruft am Freitag beim Dealer an und erzählt ihm, sie komme am Montag zur Hausdurchsuchung, er könne bis dahin getrost noch ein wenig aufräumen.

Serienmörder wie Honka können in Zukunft damit rechnen, die Leichenteile in ihrer Wohnung noch beiseite schaffen zu können, bevor die Durchsucher kommen.

Mittlerweile fahnden die Sozialkontrolleure des Amtes in einer Junggesellenwohnung  ohne Anmeldung nach der 2. Zahnbürste.

Ich bin beruhigt, denn das sagt mir: Wir leben in einem Rechtsstaat.

 

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