“Ich vergebe nicht und ich vergesse nicht. Das ist das Motto, das meine Arbeit nährt.“

“I got peace of mind, only through the study of rules nobody could change.”

(Louise Bourgeois)

Der unten verlinkte Text von 1995, verfasst für den Süddeutschen Rundfunk, ist eine Überarbeitung meines Beitrages für den Band MATERIALIEN ZUR DOCUMENTA IX von 1992. Der ursprüngliche Titel des Essays, der seit kurzem als pdf online ist lautete: “Die geschichtsphilosophische Deutung der Kunst machen wir mit links – das genaue Hinsehen üben wir noch”.

Dieser Titel verdankt sich einer Begegnung mit Bazon Brock, der eines Tages – kurz vor Beginn der documenta 9 – mit einem weißhaarigen Herrn von Bertelsmann im Büro von Jan Hoet auftauchte, mit dem Begehren, eine Variante seiner Besucherschule auf der d 9 zu starten und das Ganze dann in einer Publikation zusammenzufassen, die bei Bertelsmann erscheinen sollte. Brock und seinem Begleiter war offenbar das Peinliche ihres Auftritts nicht klar, weil sie sich in etwas hineindrängten, dessen Organisation abgeschlossen war, denn der “Führungsdienst” war längst etabliert und alle, die Führungen machen sollten, waren bereits engagiert.

Brock rechtfertigte sein Begehren damit, dass er schließlich etwas von der geschichtsphilosophischen Deutung der Kunst verstünde, ohne mich überhaupt wahrzunehmen. Was er nicht wissen konnte, war, dass ich spätestens seit 1968 begonnen hatte (mal abgesehen von meiner Fotografiererei seit 1957 und Eindrücken der documenta 1964), Erfahrungen innerhalb des Kunstbetriebes zu sammeln.

Als ich nach meiner Tätigkeit als Fotograf für Christo und für Geldmacher/Mariotti auf der documenta 4 im Herbst 1968 in Hamburg an der Kunsthochschule zu studieren begann, besuchte ich auch die Seminare von Brock. Als ich mich einmal von ihm beraten lassen wollte, weil ich mir das Kunststudium keinerlei Orientierung bot, drückte er mir einen Sammelband der Satirezeitschrift PARDON in die Hand und schob mich damit zur Tür seines Büros hinaus. Später erlebte ich ihn, als ich bereits an der Uni in Hamburg Philosophie studierte, in einem Seminar gemeinsam mit Reiner Wiehl, dem Philosophen. So weit ich mich erinnere, hat Brock sich Wiehl gegenüber derart arrogant aufgeführt, dass Wiehl sich von ihm distanzierte.

Dieser Brock tauchte nun im Büro von Jan Hoet auf und wollte erneut sein Revier beanspruchen, dass er einst mit seiner Besucherschule auf früheren documenta-Ausstellungen innehatte. Brock pflegte in seinem „Klassen“-Raum nach den Unterrichtsstunden Tannenduft zu versprühen.

Da ich nun – nach all den Jahren seit 68 – über Geschichtsphilosophie und Ästhetik, denn diese ist Geschichtsphilosophie, promoviert hatte, habe ich dann meinen Essay eben so getitelt: Die geschichtsphilosophische Deutung der Kunst machen wir mit links …..

Impliziert war darin, sehr leise gesprochen: Dazu brauchen wir Brock nicht.

Der Kunstbetrieb, und nicht nur dieser, ist extrem bestimmt vom Konkurrenzverhalten, in dem nur der überlebt, der andere am besten zur Seite drängen kann. Ich habe ja in vielen Lebens- und Arbeits-Bereichen Erfahrungen sammeln können, aber die größten Widerlinge finden sich im Kunstbetrieb, in dem gleichzeitig aber unentwegt ethische Maximen verkündet werden.

Kunst, so eine der häufigsten Phrasen, erweitert das Bewußtsein. Man fragt sich nur: Welches? Und: Wessen? Es handelt sich um Personen, die so tun, als gäbe es einen Automatismus: Geh in eine Austellung, und du kommst mit einem größerem Kopf wieder heraus. Rauch eine Zigarette, und du kannst besser kacken.

Der Grund, warum ich diesen Essay wieder hervorhole, ist der, dass immer noch die Auffassung dominant im Umlauf ist, die DOCUMENTA IX hätte keine Struktur gehabt. Richtig ist, dass Jan Hoet kein vorgefertigtes Konzept hatte und haben wollte, in das er die Künstler und ihre Werke eingepasst hätte, aber es hat sich trotz aller Offenheit des Ausstellungsmachers eine Struktur ergeben, die man als “Polarität”, als Gegenüberstellung einer formalen, konstruktivistischen bzw. bloß farbkompositorischen und einer inhaltlich orientierten, existentiellen Kunst bezeichnen kann.

Dass die Kunstexperten wie Jean Christoph Amman nach der DOCUMENTA IX immer noch behaupteten, die Ausstellung hätte keine Struktur gehabt, verrät ihre Betriebsblindheit.

Hier geht es nun zum Radioessay, der 1996 auf SDR 2 mit nur einem Sprecher lief. Redaktion hatte Bernd H. Stappert und Regie Stefan Hilsbecher:

https://klausbaum.wordpress.com/vincent-van-gogh/das-nicht-festgestellte-tier-anmerkungen-zur-gegenwartskunst-1995/