Im Museum Fridericianum hat der in Frankreich geborene Künstler Kader Attia einen dunklen fensterlosen Raum gestaltet, in dem die einzelnen Objekte durch Strahler beleuchtet werden. Neben festgeschraubten Büchern besteht der hauptsächliche Inhalt der Industrie-Regale aus Köpfen, aus Gesichtern, deren Beschädigungen die „Kunst“ des Chirurgen versucht hat, zu mildern.

Meine erste, mehr flüchtige Wahrnehmung war, in diesen Köpfen Kriegsopfer gesehen zu haben, Männer, denen man zum Beispiel den Unterkiefer weggeschossen hat, Männer, die ein Loch in der Wange aufweisen, von Kriegseinwirkungen entstellte Gesichter, welche Ärzte, so gut es ging, „repariert“ haben.

Bei einem zweiten Besuch dieses Raums von Kader Attia entdeckte ich in einer Vitrine ein aufgeschlagenes Buch, das ich eigentlich nur deshalb fotografierte, weil ein Pfarrer den Krieg nicht als Unglück bezeichnete, sondern ihn als Glück pries. Es war für mich eine merkwürdige Koinzidenz zu Gaucks Äußerung über die glückssüchtige Gesellschaft.

Einer meiner Leser, siggimüller,  wies mich darauf hin, dass die von mir fotografierte Buchseite aus dem Band „Krieg dem Kriege“ stammte, der erstmals 1924 erschien. Autor des Buches war und ist Ernst Friedrich.

Obwohl man meinen könnte, dass die Darstellung von Zerstörung, Verletzungen, Verwundungen (Zeige deine Wunde, formulierte Beuys), von Destruktion und der daraus resultierenden Hässlichkeit (in der Musik wären es die Dissonanzen, die im Ohr schmerzen) mittlerweile zu etwas Selbstverständlichem geworden ist, gab es doch bezüglich des Raums von Kader Attia die Reaktion, wegen solcher Grausamkeit schicke ich keinen mehr in diese documenta. Das kann man doch niemanden zumuten.

Das Hässliche in der Kunst mochte auch Hegel nicht. In seinen Vorlesungen über Ästhetik geiselt er E. T. A. Hoffmann wegen dessen Darstellung grotesker, entstellter Menschen wie Klein Zaches, genannt Zinnober. Meine Eingangsfrage aber, Opfer oder Täter, bezieht sich auf Shakespeares Richard III., der sich in der damaligen Gesellschaft der Königshäuser mit Intrigen und Morden nach oben arbeitet. Das Entstellte, das wir so gern als Opfer sehen, ist oft genug auch Täter.

Aber zurück zu Kader Attia. Hier zunächst ein weitere Skulptur aus seinem Raum:

„The Distortion of the Face“ ist Hauptthema in der Malerei von Francis Bacon, und zwar nicht in einem fotorealistischen Sinne:

Bacon hat aber nicht die real schon vorhandene Verletzung (mimetisch) nachgeahmt, er hat sie „erfunden“, was an einem Porträt von Lucien Freud deutlich wird. Der Maler Freud hat in realiter nie so ausgesehen:

Was Schussverletzungen betrifft, so ist das berühmte Bild aus Sergej Eisensteins Film zu erwähnen, dass Francis Bacon zeitlebens – man könnte sagen, unterm Aspekt, THE BRUTALITY OF FACT – beschäftigt hat:

.In einem Interview, das mit Bezug auf Bacons Teilnahme an der documenta 9 im Fernsehen gesendet wurde, antwortete Bacon auf die Frage, warum er Gesichter entstelle, warum er Rinderhälften male: „To bring back in paintings the shock, the shock you get from reality.“

Francis Bacon: The Nurse in the Battleship Potemkin.

Ein weiterer Kopf und ein weiteres Gesicht in Kader Attias Raum:

Siehe im folgenden ab 0:57 (Don’t go near the brambles). Filmausschnitt aus Sauras Carmen-Film.

Woran mich diese Inszenierung von Attia erinnert, geht nun weit über das Motto der documenta 13 >Collapse and Recovery< hinaus. Ich erwähnte bereits anderenorts, dass Menschen, die derartig heftige Verletzungen erlitten haben, sich nur bedingt wiederherstellen lassen, da zwar dass Äußere sichtbar „repariert“ worden ist, aber die seelischen Verletzungen bleiben. Man spricht heutzutage von posttraumatischen Störungen.

Mit „weit hinaus“ meine ich „Verletzungen“, die nicht durch äußere Einwirkungen gleichsam im Nachhinein zugefügt worden sind, sondern Entstellungen, die angeboren sind. Ich habe das in einem meiner Essays thematisiert: Die Probleme, die ein Kind mit einer Hasenscharte hat (am Beispiel von Heiner Kipphardts MÄRZ) und die intensiven Leiden des Elefantenmenschen (am Beispiel des Film THE ELEPHANT MAN von David Lynch).

Das obige Bild zeigt John Hurt und Ann Bancroft im Film THE ELEPHANT MAN. Das folgende Bild ist wikipedia entnommen und zeigt Joseph (John) Merrick auf einem Foto von 1889:

Ich möchte diesen kleinen kunst- beziehungsweise ästhetik-historischen Rekurs mit zwei Zitaten aus Büchners Lenz abschließen:

Lenz erwiderte: >>Die Dichter, von denen man sage, sie geben die Wirklichkeit, hätten auch keine Ahnung davon, doch seien sie immer noch erträglicher, als die, welche die Wirklichkeit verklären wollten. Er sagte: Der liebe Gott hat die Welt wohl gemacht wie sie sein soll, und wir können wohl nicht was Besseres klecksen, unser einziges Bestreben soll sein, ihm ein wenig nachzuschaffen. Ich verlange in allem Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist’s gut; wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es häßlich ist, das Gefühl, daß Was geschaffen sei, Leben habe, stehe über diesen Beiden, und sei das einzige Kriterium in Kunstsachen.<< >>Man muß die Menschheit lieben, um in das eigentümliche Wesen jedes einzudringen, es darf einem keiner zu gering, keiner zu häßlich sein, erst dann kann man sie verstehen; das unbedeutendste Gesicht macht einen tiefern Eindruck als die bloße Empfindung des Schönen ((…))<< Otto Dix. >>Dix meldete sich im Ersten Weltkrieg freiwillig zum Kriegsdienst. Er war bei der Feldartillerie und als MG-Schütze an der West- und Ostfront eingesetzt. Sein zuletzt erreichter Dienstgrad war Vizefeldwebel. Während des Krieges entstanden futuristische Zeichnungen und Gouachen, die das Kriegsgeschehen zum Gegenstand haben.<< (wiki)

dix-distortion-of-the-face

Quelle: http://www.ottodix.org/index/catalog-item/133.040.html

Und wer Dix erwähnt, darf von George Grosz nicht schweigen. Bei Grosz ist der Herrenmensch seiner Zeit zur maskenhaften Fratze erstarrt. Eines sollte man aber noch erwähnen: Die Beschädigung des Gesichtes galt auch als Status-Symbol, und zwar als Schmiss unter den Burschenschaften und späteren Akademikern. Wenn ich das folgende Bild von Grosz richtige deute, haben wir im Vordergrund den Herren mit Schmissen, den Soldaten als Krüppel und den gesichtslosen Arbeiter.

Last but not least sei an Picasso erinnert. The distortion of the face ist keine Erfindung von Bacon gewesen. Wenn man die National Gallery in London aufsucht, dort nach rechts geht, an Seurats Badenden vorbei, hängen im nächsten Raum Bilder von Picasso. Mein erster Reflex war vor zwei Jahrzehnten: Bacon muss sie gesehen haben und hat sich von ihnen inspirieren lassen:

Um jedoch auf das Ausgangsthema zurückzukommen, muss Picassos Guernica erwähnt werden. Hier waren die Betroffenen eindeutig die Opfer.

Quelle: http://www.jkrweb.com/art/guernica.php

Und zum Abschluß noch ein Zitat von Ross Macdonald aus einem seiner Archer-Romane:

Eine der Situationen, in der sich Lew Archer seiner Hinfälligkeit bewußt wird, ergibt sich beim Besuch einer Frau, von der er bestimmte Hinweise haben möchte. Diese wohnt in einer schäbigen Gegend, in einem schäbigem Zimmer, in dem ein schmutziger Spiegel an der Wand hängt, dessen Widergabe verschwommen und verzerrt ist. Archer benutzt zur Beschreibung des gespiegelten Bildes jenen Begriff, der für die Art der Darstellung von Gesichtern in der Malerei von Francis Bacon verwendet wird: the distortion of the face, die Verzerrung, Verdrehung und Verwischung des Gesichts. Bacons Malerei ist eine Kombination der Zerstückelung und Neuzusammensetzung der Gesichter bei Picasso und der wolkigen Unschärfe der Bilder Turners. Archer schreibt über seinen Anblick:

ZITATOR: “Der Mann im Spiegel war riesig und hatte einen flachen Körper, sein Gesicht war hager und verbogen. Eines seiner grauen Augen war größer als das andere, es schwamm und schwankte hin und her wie das Auge des Gewissens. Das andere Auge war klein, verkniffen und durchdringend. Für einen Augenblick hielt ich inne, eingefangen durch mein eigenes, verzerrtes Gesicht (my own distorted face), und das Zimmer changierte wie ein Kippbild, das Psychologen bei Wahrnehmungstests verwenden. Einen Moment lang war ich ein Mann im Spiegel, eine schattenhafte Figur ohne eigenes Leben, eine Figur, die angestrengt mit einem großen und einem kleinen Auge durch schmutziges Glas auf das schmutzige Leben der Menschen in einer schmutzigen Welt starrte. (…) Ich setzte mich auf die Kante eines der schmalen (…) Betten. Die Bewegungen im Spiegel waren schnell und präzise wie die eines jungen Mannes, doch es fehlte ihnen der Enthusiasmus der Jugend. Und nun war seine Stirn so dick und eiförmig wie die eines Intellektuellen in einer Karikatur, sein Mund war schmal, streng und grausam. Zur Hölle mit ihm.”

SPRECHER: So wie die Widergabe des Raums, so wie das Bild im Spiegel schwankt, so schwanken auch Archers Eindrücke: er ist ein anderer, und der andere ist er selbst, er betrachtet sich wie einen Fremden und erkennt darin seine eigene Person. Distanzierung ist eine Bedingung von Selbsterkenntnis.
Archer fasziniert dieses Vexierspiel. Und er ist entsetzt, denn in der Verzerrung offenbaren sich wie in der Übertreibung der Karikatur charakteristische Züge der Realität, seiner Realität. Es wird eine Wahrheit sichtbar, die, wie es an anderer Stelle heißt, weh tut. Das Wahre ist nicht ungebrochen das Schöne und Gute, es beginnt zuallererst mit der Erkenntnis der Deformation des Menschen, mit dem Erschrecken über sich selbst. Archers Welt gleicht dem Inferno Dantes, er befindet sich bereits in jener Hölle, in die er sein Spiegelbild wünscht. Die Grausamkeit seines schmalen Mundes verleiht ihm jene Selbstgerechtigkeit, die er an anderen verachtet. Die Ermattung seiner Bewegungen, die Härte in seinem Gesicht sind Ausdruck dafür, daß er von jener Welt affiziert ist, deren Verstrickungen er durch Aufrichtigkeit, Hartnäckigkeit, Unbestechlichkeit, Klarheit des Gedankens und Festigkeit seines Charakters entwirrt. Brechts Erkenntnis, daß auch der Haß gegen die Niedrigkeit die Züge verzerrt, trifft nicht minder auf Lew Archer zu. Die Tugenden, die er gegen das Mißlingen des Lebens ins Feld führt, werden ebenso in Mitleidenschaft gezogen wie der blaue Ozean, von dem er einst glaubte, er könne nicht befleckt werden. Die dialektische Lebenskunst bestünde darin, wie Wolf Biermann es einst sang, sich nicht verhärten zu lassen durch die Verhärtungen der Zeit. Freilich ist dies nichts anderes als ein ewiges Postulat. Die Deformationen, die ich an anderen wahrnehme, sind meine eigenen.

Jimmie Durham, Skulptur, Teilansicht, documenta 9

PS.: Ich bin nicht auf den afrikanischen Aspekt dieser Arbeit von Attia eingegangen. Hier findet man einen kurzen Hinweis:

http://universes-in-universe

Mit afrikanischem Aspekt meine ich unter anderem, dass auch Darstellungen bzw. Bilder von afrikanischen Frauen zu sehen sind, die sich ihre Lippen mit tellerartigen, untertassenartigen Scheiben vergrößert haben. In gewisser Hinsicht erinnert das auch an das Aufspritzen der Lippen mit Botox. (Siehe hierzu das Foto.)

On the other hand:

http://www.boredpanda.org/vanishing-tribes-before-they-pass-away-jimmy-nelson/?image_id=photographs-of-vanishing-tribes-before-they-pass-away-jimmy-nelson-2__880.jpg&fb_action_ids=501176613313264&fb_action_types=og.likes&fb_source=other_multiline&action_object_map=%5B676476699043706%5D&action_type_map=%5B%22og.likes%22%5D&action_ref_map=%5B%5D