Wer ist es, der tausende von Arbeitslosen produziert? In der Regel sind es die großen Firmen, Nokia zum Beispiel.
Werner Holzer, einst Chef der Frankfurter Rundschau, schrieb Anfang der 80er Jahre in einem seiner kritischen Kommentare, dass Arbeiter und Angestellte nicht als Menschen, sondern als Dispositionsmasse betrachtet und auch so behandelt werden.
Damit aber am besten schnell wieder vergessen wird, wem die Schuld für die Massenarbeitslosigkeit zukommt, hat man mit Hartz IV auch die Sanktionen erfunden. Der Arbeitslose ist Opfer, und damit das nicht so auffällt, behandelt man ihn so, als wäre er der Täter, das heißt, man sanktioniert ihn. Die Sanktionspraxis ist eine Art potemkinscher Veranstaltung, die der Öffentlichkeit vorgaukeln soll, Arbeitslosigkeit ist das Ergebnis der Faulheit, der Hinterlist und der Schmarotzergesinnung einzelner. So macht man aus dem Arbeitslosen einen Straftäter, den man bestrafen, also sanktionieren muss.
Ich habe infolge dieser Überlegungen von gestern abend diesen äußerst treffenden Kommentar von Reinplatzer wieder gefunden:
>>Adorno schrieb: “Es gehört zum Mechanismus der Herrschaft, die Erkenntnis des Leidens, das sie produziert, zu verbieten”
… und wo die Erkenntnis verschleiert wird, da wird das Leid zum selbstverschuldeten Defizit uminterpretiert, das die Opfer zu rechtfertigen hätten.
Wieviele Presseberichte gibt es eigentlich, wie gut es den Hartzern doch geht, und wie sehr sie sich in ihrem niederen, asozialen Gebaren suhlen?
Zum Beispiel Hartz IV: Schon allein die Tatsache von H-IV Sanktionen, die ja das Existenzminimum unterschreiten – ein Ding der Paradoxie – zeigt, dass nicht das Gesetz und die Herrschaftsmechanismen, die dazu führen, sich zu rechtfertigen haben, sondern diejenigen, denen man auf Gedeih und Verderb das Defizit als Eigenschuld anlastet.
Kürzlich bekam ich wieder eine sog. Einladung zum Gespräch mit der Fallmanagerin. Wenige Zeilen darunter stand auch gleich die Rechtsbelehrung, ich hätte mit Sanktionen zu rechnen bei Nichteinhaltung. – Das ist so derart verdreht: Es wird von Einladung gesprochen als handle es sich um ein großzügiges Entgegenkommen der Machthaber. Durch die Sanktionsdrohung wird eine Unterwürfigkeit verlangt, die mit existenzieller Bestrafung erzwungen wird. Es ist also gar keine Einladung sondern eine Vorladung, wie vor Gericht.
Dass man hier in eine permanente Rechtfertigungsspirale gerät, wird dadurch gut ersichtlich.
Ich habe mich übrigens für’s nicht Erscheinen entschieden; inzwischen liegen der Sanktionsbescheid auf meinem Tisch. Auch hier dasselbe Spiel: Der Schrieb weist einen Freiraum auf, mich zu rechtfertigen – also das Existenzminimum auch noch verteidigen zu müssen.
Was für eine Verdrehung von Tatsachen! – So formt man Opfer.<<
Sanktionen sind unerlässlich, sonst müsste man ja zugeben und eingestehen, dass es Wirtschaft und Staat in guter Zusammenarbeit sind, die die hohe Arbeitslosigkeit zu verantworten haben.
PS.: Die Sanktionen sind Teil der Propagandastrategie der Regierung. So wie vor allem die Privat-TV-Sender oder BILD das Märchen vom Schmarotzer verbreiten, so suggeriert die ARGE (Jobcenter) mit Hilfe der Sanktionen, dass der Arbeitslose die Peitsche benötigt, sonst würde er nicht arbeiten.

Als Reaktion auf Deinen Artikel und unter Einbezug des gegenwärtigen Trends hin zu „lohnloser Erwerbsarbeit,“ stelle ich hier mal ein Gedicht von mir in den Raum. (Erstveröffentlichung war ursprünglich für den nächsten KEA, der Zeitung der „Kölner Erwerbslosen in Aktion,“ angedacht…)
Titel: Sozialverträglich abgelebt…
Eines Tages werd ich des Nachbarn Einkauf tragen.
Doch nicht Heute!
Eines Tages stell ich dann auch mal wieder Fragen.
Doch nicht Heute!
Eines Tages lass ich mir auch die Meinung sagen.
Doch nicht Heute!
Denn Heute war ich Arbeiten.
Ich könnte ja durchaus mal ein Kulturfest planen.
Doch nicht Morgen!
Ich möcht noch die Umsetzung meiner Träume wagen.
Doch nicht Morgen!
Ich hätt auch was zum wachsenden Unrecht zu sagen.
Doch nicht Morgen!
Denn Morgen muss ich Arbeiten.
Die Einsamkeit ist praktisch nicht mehr zu ertragen.
Doch nicht am Ersten!
Die Weltflucht ist ein naher Freund in diesen Tagen.
Doch nicht am Ersten!
Die Angst vor Konsequenzen lähmt und lässt verzagen.
Doch nicht am Ersten!
Denn am Letzten erhalte ich – hoffentlich – mein Hartz.
Alexis of Silverfang
„Sozialverträglich abgelebt…“
Das bedeutet wohl, dass sich eine Gesellschaft von Links bis Rechts aus ihrer Verantwortung stiehlt. Dies aus ihrer Unfähigkeit, ihr eigenes Wirtschaftssystem begreifen zu wollen , sich notwendige Fragen zu stellen. Wo keine Fragen gestellt werden, sind auch keine Antworten zu erwarten.
Statt Fragen und Antworten gibt es dann Zuweisungen. Wo die Menschen ihre gesellschaftlichen Beziehungen in der Produktion als naturwüchsig, als unveränderbare ansehen, können Krisen nur als Versagen von Personen oder gesellschaftlichen Gruppen erkannt werden, als persönliches Versagen.
Für die Abgehängten bedeutet dies, sich einerseits in den Verhältnissen einzurichten, sich mit ihrem Leben in sozialer Notdurft abzufinden, andererseits aber den Schein der Gesellschaft als funktionierende Arbeitsgesellschaft, in der die Zukunft eines jeden nur von seinem eigenen Willen abhängt, aufrechtzuerhalten.
Sozialverträglich meint dann wohl, das (all)gemeine Wohlbefinden der Gesellschaft nicht weiter zu stören, eigene Zukunftsängste von ihm fernzuhalten.
Die Opfer werden so zu Schuldigen gemacht.
Kritik an der Lohnarbeit wird umgedeutet zu freier Willensentscheidung: „Das muss doch jeder selber entscheiden, ob er für Lohn arbeiten will“ oder der Mangel an Arbeitsmöglichkeiten: “ Wollen die oder der denn wirklich arbeiten.“ (Aussagen aus meinem näheren Bekanntenkreis).
Ich habe fertig.
Eine gute Analyse der Aussenperspektive, mit Aussnahme der Trennung von „Sozialverträglich“ zu „abgelebt“. (In welchem Kontext wird der Terminus „sozialverträgliches Ableben“ nochmals verwendet? 😉 ) Doch warum nur ein tangieren der Innenperspektive und so keine weitere Gegenüberstellung zur Aussenperspektive?
Dazu nochmal aus einer theoretischen Perspektive ohne subjektives Innen oder Aussen: Zum Begriff der Arbeit!
Arbeit wird wohl in allen kapitalistischen Gesellschaften, ob von Links bis Rechts als historisch übergreifende Konstante gesehen, als etwas Notwendiges, das alle Menschen in ihrer Evolution mit uns schon immer geteilt haben.
Dabei wird übersehen oder gerne unterschlagen, das der Begriff der Arbeit eine Abstraktion ist, die nur für den Kapitalismus zutrifft.
Diese setzte voraus, dass Menschen von ihren Lebensmitteln enteignet wurden, also nichts weiter zu besitzen als ihre Arbeitskraft, in Arbeitshäuser gesteckt wurden, um sie zur Arbeit zu erziehen. Auch die Unterwerfung unter den Zeittakt der Maschinen haben sie sich nicht freiwillig unterzogen
(sh. Weberaufstand).
Abstraktion bedeutet Abzug von etwas. Der Abzug ist das Private von der Arbeit, das Getrennte. Wie die Gewerkschaften früher gerne sagten: Arbeit und Freizeit.
Freizeit die Zeit, die einem für sich selbst zur Verfügung steht, und Arbeit die Zeit, von der der Mensch von sich selbst getrennt wird, um sich dem Diktat der Zeit zu unterwerfen, also der abstrakten Arbeit.
Als extremes Beispiel wohl Discounter, die ihren Mitarbeiterinnen Windeln verpasst haben, damit keine Minute der Arbeitszeit verloren geht, in der sie sich nicht um das Geschäft kümmern können.
Zum Abschluss: Eigentlich sollten Menschen aufatmen, wenn sie von dem Leid der Arbeit befreit sind. Können sie aber nicht, weil es die einzige Quelle ihres Broterwerbes ist. Und so erweist sich die Arbeit immer mehr als Quelle der Verelendung, denn als Quelle zur Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum.
Gruss Troptard.
Sehr treffender Beitrag,bringt es genau auf den Punkt.
Diese Form der Hetze ist schon professionell und durchdacht,der Erfolg zeigt sich tagtäglich in den Kommentarspalten.
Wenn ich mir das hier bei LVZ-online täglich so ansehe,kann man nur noch mit dem Kopf schütteln.Faschistisches,diskriminierendes,brutales Gedankengut . Das ist mit Vorurteil,Beleidigungen noch sehr gewählt umschrieben.
http://www.lvz-online.de/nachrichten/mitteldeutschland/trotz-job-sozial-schwache-familien-in-leipzig-haben-200-euro-weniger-als-mit-hartz-iv/r-mitteldeutschland-a-198069.html
Einer dieser aktuellen Hetzartikel,diesmal von Bertelsmann.
Teilweise derartig dämliche Kommentare,da sträuben sich einem die Nackenhaare….
oder hier:
http://www.lvz-online.de/leipzig/wirtschaft/hochwasserschaeden-beseitigen-jobcenter-leipzig-foerdert-zusaetzliche-arbeitskraefte/r-wirtschaft-a-198444.html
Die Kommentare sind auch interessant,es schwankt zwischen Vollidioten und Vernünftigen,teilweise recht lesenswert.
Was links und rechts schon von je her unterschieden hatte, war die Unterscheidung zwischen einer Belohnungs- und einer Bestrafungsmentalität. Beides kann man wohlfeil so organisieren, dass beim Ersten die Belohungen die erhalten, welche auch den meisten Einfluss haben, und beim Zweiten die Bestrafungen die, welche den geringsten haben. Somit bleibt das Profitdenken in beiden Fällen erhalten, wird genährt und gefördert, und dies unverändert von denen, – die den meisten Einfluss haben. Dies, – nennt man heute die Mitte, die sich für letzteres entschieden hat. Und dort fühlen sich alle wohl, die in ihrer bürgerlichen Doppelmoral nach Einfluss gieren. Dass sie ihn damit aufgeben und sich selber zu Bütteln der eigenen Eitelkeiten machen, merken sie nicht mal. Wenn’s zu sanktioniert eng wird Klaus, dann häng eine Spendenoption in diesen blog rein. Wenn schon alle nach Symbolen schreien, dann lasst uns wenigstens Leuchttürme unterstützen.
„Wenn’s zu sanktioniert eng wird Klaus, dann häng eine Spendenoption in diesen blog rein.“
Gute Idee! Dann kann ich mal für misshandelte Menschen spenden und nicht nur für misshandelte oder für ausgesetzte, lästig gewordene Tiere.
Die Zusammenhänge sind auch nicht immer leicht zu verstehen:
These: Wer arbeiten will, findet auch Arbeit!
Beweis: Ausländische Arbeitskräfte sollen nach Deutschland kommen, also gibt es genug freie Stellen!
Gegenbeweis: Millionen Inländer suchen händeringend nach einer Arbeit, von der sie sich und ihre Familie ernähren können.
Der Import ausländischer Arbeitskräfte dient ausschließlich dazu, die Lohnkonkurrenz noch weiter anzuheizen, um damit die inländischen Löhne noch weiter abzusenken.
Ich erlaube mir da zu Lutz’ens absolut berechtigtem Einwand noch etwas zusätzlich hinzu zu fügen. Die Arbeit ist es nicht alleine, deren Ausbau dringend erforderlich wäre, – auch die Auswahlmöglichkeiten. Das Geschwätz von der Selbstverwirklichung, hält man ja unverändert und sehr merkwürdig immer noch hoch.
„Die Demokratie teilt die Menschen in Arbeiter und Faulenzer. Für solche, die keine Zeit zur Arbeit haben, ist sie nicht eingerichtet.“ (Karl Kraus)
Eine Rücknahme der Sanktionspraxis in zumindest halbwegs absehbarer Zeit halte ich für komplett ausgeschlossen. So ein „geiles“ Er- und Abpressungsinstrument für Arbeitsuchende als auch (noch) Arbeit habende Menschen geben „die da oben“ garantiert nicht mal soeben wieder her. Notfalls können sie sich auch darauf berufen: „Das Volk will es aber so!“, wie man es ja auch in den medialen Kommentarbereichen immer wieder nachlesen kann.
Deshalb stehe ich auch der Einführung von Volksabstimmungen teilweise recht skeptisch gegenüber. Mal angenommen, es würden tatsächlich Volksabstimmungen über eine mögliche Aufhebung der Sanktionspraxis und/oder der Erhöhung der Regelsätze „angeboten“. Das mediale Trommelfeuer in eine bestimmte Richtung seitens der einschlägig bekannten Medienmächte, das im Vorfeld einer solchen Abstimmung auf den „anständigen, ehrlichen, aufrechten und hart arbeitenden Steuerzahler“ einprasseln würde – auha, das möchte ich mir erst gar nicht ausmalen.
Das Endergebnis einer solchen Volksabstimmung, sprich „Volkes Wille“, dürfte dann wohl eher eine Verschärfung der Sanktionspraxis und/oder eine Absenkung des Regelsatzes sein…
Einen großen „Daumendrücker“ für Klaus Baum, dass seine „Rechtfertigung“ von seiner „Fallmanagerin“ als „begründet“ anerkannt wird! Vielleicht hat sie dann ja ihren „guten“, sprich „sozialen“, Tag…
Die Umsetzung des SGB II gegen die Menschenwürde als Organigramm 😉
Welchen Weg im Irrgarten der BRD mußt Du laufen, um keine Sanktion zu erhalten?

-Aufgewachter-
Auf den Punkt: Adorno schrieb: “Es gehört zum Mechanismus der Herrschaft, die Erkenntnis des Leidens, das sie produziert, zu verbieten
@julia etc.: danke für dieses treffende zitat.
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