In Zusammenhang mit Hartz IV und einer zunehmenden sozialen Kälte haben wir immer wieder hier auf diesem Blog die Mitmachmentalität vor allem der ARGE- und JobcenterMitarbeiter diskutiert. Im folgenden übernehme ich einen Kommentar vom Altautonomen aus dem Kommentarteil auf die Hauptseite.

Ich möchte seinem Text noch folgendes voranstellen. Als einstiger Industriekaufmanns-Lehrling verbrachte ich auch ein viertel Jahr in der Personalabteilung, so dass ich auch Zugang zu dem ansonsten verschlossenen Kellerraum mit den Personalakten hatte. Jugendliche Neugier bewirkte, dass ich mir eine Reihe von Personalakten teilweise durchlas. Als das 3. Reich installiert wurde, verlangte die Firma plötzlich und reihenweise Arier-Nachweise. Wer einen solchen nicht vorweisen konnte, wurde mit Bedauern entlassen. Als 1945 der grausige Spuk vorüber war, verlangte die Firma peu a peu Entnazifierungsnachweise.

Diese Beobachtung machte mir klar, wie rückgratlos Firmen jeden politischen Schwenk, jede administrative Maßnahme, die von oben kam, mitmachten. Und das ist im Wesentlichen heute nicht anders.

Ich hatte 2003 eine Begegnung mit einer willigen Vollstreckerin vom Arbeitsamt. Hartz IV war damals noch nicht in Kraft. Meine 2-jährige ABM-Stelle war ausgelaufen, ich wurde kurz vor Weihnachten zum Amt bestellt. Ich entschuldigte mich im Sekretariat, da ich einen Arzt-Termin hatte, und bekam dann einen Termin am 30. 12. morgens um halb 9 aufgedrückt.

Als ich an diesem Morgen das Zimmer der Vermittlerin betrat, fragte sie mich nicht, wie es denn an meiner Arbeitsstelle gewesen sei, die sie mir vermittelt hatte, sondern sie empfing mich mit den Worten, ob ich denn nicht wüsste, dass ich ein Attest vom Arzt hätte mitbringen müssen, dass ich denn auch beim Arzt gewesen sei.

Es gab keinen inhaltlich zwingenden Grund, am 22. 12. statt am 30. 12. ins Amt zu gehen. Ich erzählte ihr dann, dass ich in Hamburg-Eppendorf auf der Wohngeldstelle eine Frau erlebt hatte, die versuchte, Wohngeldantragsteller abzuwimmeln. Und dass ich später einen Herrn erlebte, der mir half und der mir Tipps gab, wie ich erneut Wohngeld bekommen könnte. Der Herr blickte dabei vielsagend zur Decke und erwähnte die da oben, denen man sich nicht unterwerfen sollte.

Ich sagte ihr dann noch, dass die willigen Vollstrecker Ähnlichkeiten aufwiesen zu den willigen Helfern im 3. Reich. Sie hatte mich sehr wohl verstanden, denn sie stand auf und öffnete die Tür zum Nebenzimmer, in dem ihr Abteilungsleiter saß.

Die Frau war eine sehr gut Angepasste, während es im Amt durchaus solche Mitarbeiter gab, die den vollen Durchblick hatten, also in ihrer Rolle nicht gefügig aufgingen, sondern sich eine Eigenständigkeit bewahrt hatten.

Hier nun der Text vom Altautonomen:

 

Es sind nicht die Vorschriften, denn eigentlich müßten auch die willigen Vollstrecker von Hartz-4 aus der Geschichte gelernt haben: “Manchmal ist es meine Pflicht, meine Pflicht nicht zu tun!”

Es ist immer noch dieselbe Mentalität des ganzen mausgrauen Beamtenapparats, wie wir ihn aus der NS-Zeit kennen. Nicht die schlichte Erfüllung von Gesetzesnormen prägt das Handeln des Jobcenter-Personals, sondern das Ergebnis aus einer Mischung von Untertanengeist, Zurichtung auf einen sogenannten Rechtsstaat in der Ausbildung, Hierarchie als Naturgesetz und Beförderungsdoping. Dies führt zu einem leidenschaftlichen Streben nach normativem Perfektionismus und bürokratischer Effizienz.

Daniel Goldhagen (“Hitlers willige Vollstrecker”) und Christopher Browning (“Ganz normale Männer”) haben nachgewiesen, dass die aus mittelständischen Bildungsschichten rekrutierten Angehörigen der Polizeibatailione auf der Suche nach Juden in Dörfern und Wäldern der besetzten Gebiete mit großem Eifer und leidenschaftlicher Hartnäckigkeit und Sorgfalt vorgegangen waren. Erdlöcher wurden aufgedeckt, Fussbodenbretter aufgerissen und doppelte Wände eingeschlagen usw,
Sie erledigten ihren Job mit einer Akribie, die nicht sein mußte.

Alexander und Margarete Mitscherlich analysieren in ihrem Werk “Die Unfähigkeit zu trauern” die deutsche Beamtenseele:

“Es scheint ein nicht weltfernes Unternehmen, ein typisches Individuum zu konstruieren, das in die Nazizeit hinein wächst, sie durchlebt, in den neuen Staat Bundesrepublik hinein wächst und sich ihm anpasst. Dieser Typus hat bis heute die Geschichte der Bundesrepublik in seinen Händen gehalten; er hat auch die heute Zwanzig- bis Dreißigjährigen erzogen. Weil er tief in sich selber gespalten ist, muss das unverkennbare Spuren in den Jüngeren hinterlassen. Denn wir alle durchlaufen Identifikationen mit den Älteren, die nach ihrer Eltern-, Lehrerrolle als Vorbilder wirken müssen, ehe wir die eigene Identität finden. Es ist deshalb illusionär, anzunehmen, eine junge Generation könne leicht das Joch von “geheiligten” Traditionen und Vorurteilen abwerfen. Sie wird das Erbe an Verhaltensmustern modifizieren, mehr nicht. Das ist ihre Chance, mehr nicht.”

Bis in die 70er Jahre hinein war in der Ausbildung des Nachwuchses für den öffentlichen Dienst das Lehrbuch für Verwaltungsrecht (10. Auflage 1973) des ehemaligen Nazijuristen Ernst Forsthoff der Standardleitfaden. Forsthoff war genauso wie der ehemalige Nazijurist Theodor Maunz Vorbild für Beamtenanwärter in Deutschland. Er (Maunz) begründete mit dem „Maunz-Dürig“ das bis heute noch im Staatskundeunterricht verwendete Standardwerk unter den Kommentaren zum Grundgesetz.