>>Ein bedrückendes Kammerspiel

Heideggers berühmtes Spiegel-Interview zu seiner Nazi-Vergangeheit als Rekonstruktion

Von Stefan Monhardt

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In den Sechziger Jahren gab der Philosoph Heidegger dem „Spiegel“ ein lange vorbereitetes Interview. Autor Lutz Hachmeister rekonstruiert das Gespräch sorgfältig und zeigt auch, welches ganz eigene Ziel einer der Redakteure damit verfolgte.

Am 23. September 1966 empfängt der Philosoph Martin Heidegger Redakteure des Nachrichtenmagazins Der Spiegel zu einem lange und intensiv vorbereiteten Gespräch; dabei sind der Herausgeber Rudolf Augstein und sein Ressortleiter für Geisteswissenschaften, Georg Wolff.

Als erster NS-Rektor der Freiburger Universität in den Jahren 1933-34 hatte sich Heidegger als einer „der stärksten nationalsozialistischen Vorkämpfer unter den deutschen Gelehrten“ profiliert, wie es eine Zeitung im Dezember 1933 durchaus zutreffend formulierte. Er verfasste denunziatorische Gutachten und befeuerte seine Studenten mit Aufrufen wie diesem:

„Nicht Leitsätze und ‚Ideen‘ seien die Regel Eures Seins. Der Führer selbst und allein ist die heutige Wirklichkeit und ihr Gesetz…“

Nach Diktatur und Krieg zunächst mit einem Lehrverbot belegt, stand der Denker der medialen Öffentlichkeit skeptisch gegenüber, zunehmender Kritik begegnete er mit Schweigen, die „Journaille“ verachtete er. Lutz Hachmeister rekonstruiert, wie es dann doch zu jenem „legendären“ Spiegel-Interview kam und wie es verlief. Er konnte dabei Quellen heranziehen, die bislang nicht zugänglich oder nicht ausgewertet waren.

Ein exklusives Gespräch mit einem weltberühmten Denker

Das Hamburger Magazin sichert sich die „Trophäe“ eines exklusiven Gesprächs mit dem weltberühmten Denker. Heidegger erhält dafür die Plattform zu einer – so Augstein – „Klar- und Wahrstellung“. Er darf, von kritischen Nachfragen unbehelligt, seine Version seiner Rektoratszeit präsentieren.

Lutz Hachmeister: Heideggers Testament

Lutz Hachmeister: Heideggers Testament (promo)Und die Bedingung, das Interview dürfe erst nach seinem Tod abgedruckt werden, verlieh seinen Aussagen den Nimbus eines „Testaments“ und ultimativen Bekenntnisses – einen Nimbus, der ihnen keineswegs zukommt, wie der Medienwissenschaftler nüchtern feststellt.

„Heidegger hatte nicht vor, irgendeine Beichte abzulegen. Das Protokoll des ‚Bereinigungsausschusses‘ vom Dezember 1945, Heideggers Schrift ‚Das Rektorat 1933/34 – Tatsachen und Gedanken‘, diverse Heidegger-Briefe an Jaspers und Marcuse und das Spiegel-Interview bilden einen geschlossenen Block der Selbstbehauptung des deutschen Philosophen. Er erweist sich damit als ausgesprochenes Talent für Halbwahrheiten und härteste kognitive Konsonanz.“ 

Spektakulärer wird sein Buch, sobald Lutz Hachmeister den Spieß umdreht und darstellt, in welchem Umfang der frühe Spiegel NS-Personal, insbesondere ehemalige Kader des nationalsozialistischen Sicherheitsdienstes, als Mitarbeiter rekrutierte. Mit ihren Verbindungen und ihrem Wissen verhalfen sie Rudolf Augstein und seinem Nachrichtenmagazin zum Ruf präzisester Recherche.

Georg Wolff, Heideggers zweiter Interviewpartner, wird damit unversehens zur eigentlichen Hauptperson des Buches. 1914 geboren, studiert er Zeitungswissenschaft und Philosophie, kommt 1940 zum SD-Einsatzkommando Oslo, das eng mit der Gestapo zusammenarbeitet.

Auf bestimmte Fragen antwortet der Philosoph nicht

1951 findet er zum Spiegel und prägt zusammen mit Augstein entscheidend die politische Leitlinie des Blattes. Mitte der Sechziger Jahre wird für ihn das Ressort Geisteswissenschaften eingerichtet. Hachmeister konnte Wolffs nicht publizierte Lebenserinnerungen auswerten. Er beschreibt daraus eine komplexe Persönlichkeit, die Blindheit und Einsicht verbindet. Immer wieder geht es dem Spiegel-Mann um das Bewusstsein der eigenen Schuld während der NS-Zeit:

„Ohne dieses Bewusstsein wäre ich kein Mensch, sondern nur ein Faktor. Ich will ein Mensch sein. Ich will es.“ 

Vor diesem Hintergrund gewinnt das Gespräch in der Gelehrtenstube des Hauses im Freiburger Rötebuckweg den Charakter eines bedrückenden Kammerspiels, bei dem sich der Interviewer vergeblich Antwort auf eigene Lebensfragen erhofft, wie Lutz Hachmeister resümiert.

„Indem Heidegger das Spiegel-Interview nutzt, das System der NS-Herrschaft auf ‚Technik‘ zu reduzieren, wird der Nationalsozialismus vollständig entindividualisiert. Jede Form moralischer Reflexion lehnt Heidegger konsequent ab. Auf die schüchternen und fast gestammelten Fragen Georg Wolffs, der auch eine Art persönlicher Erlösung sucht, nach ‚Hitler‘ und dem Massenmord an den Juden, will der Philosoph nicht antworten. Er verweist lieber auf Hölderlin.“

Lutz Hachmeister: Heideggers Testament. Der Philosoph, der Spiegel und die SS

Propyläen Verlag Berlin, März 2014

368 Seiten, 22,99 Euro<<

Anmerkung von mir (kb):

Zwei Äußerungen im obigen Text folgen meiner Einschätzung nach dem Verhaltensmuster: Rede so, wie es gerade konform ist.

Einmal das Zitat:

„Nicht Leitsätze und ‚Ideen‘ seien die Regel Eures Seins. Der Führer selbst und allein ist die heutige Wirklichkeit und ihr Gesetz…“

Und zum anderen die Einschätzung von Heideggers Äußerungen in dem Interview:

“Indem Heidegger das Spiegel-Interview nutzt, das System der NS-Herrschaft auf ‘Technik’ zu reduzieren, wird der Nationalsozialismus vollständig entindividualisiert.

Die Philosophie, soweit ich sie noch erinnere, macht einen Unterschied zwischen Ontologie und menschlichen Setzungen, wobei Ontologie in erster Linie das dem Menschen vorgegebene Sein meint, physei im gegensatz zu thesei. Oder das vom Menschen Nicht-Gemachte im Gegensatz zum vom Menschen Gemachte. Bei Kant heißt es unter anderem, Freiheit sei Einsicht in die Notwendigkeit, wobei sich mit dem Begriff dieser Einsicht in die Notwendigkeit auch der Begriff des richtigen Handelns verbindet, genauer gesagt, der einer Bemühung um das richtige Verhalten. Was notwendig ist, muss erst gefunden werden, erst erkannt werden. Heidegger hat als Befürworter und philosophischer Prediger des 3. Reiches die nicht-personalisierte Ontologie personalisiert, mit anderen Worten, er hat ihr einen heruntergeholt, und was dabei herauskam, war der Führer.

„Nicht Leitsätze und ‚Ideen‘ seien die Regel Eures Seins. Der Führer selbst und allein ist die heutige Wirklichkeit und ihr Gesetz…“

Die ontologische, erst noch zu erkennende Notwendigkeit wird durch Heidegger verkörperlicht und verlegt in die Gestalt Hitlers. Seinskonformes beziehungsweise ein dem Sein angemessenes Verhalten ist hitlerkonformes Verhalten, ist hintlerkonforme Ontologie.

Wenn es aber dann um die Frage geht, wer für die Greuel des 3. Reiches verantwortlich ist, weicht Heidegger ins unbestimmte Sein aus. Indem er den Nationalsozialismus entindividualisiert, war auch Hitler nicht eine der Ursachen, sondern keiner, genauer gesagt, es war das Schicksal.

Was wir übrigens heute erleben, geht nicht auf die Akteure des Neoliberalismus zurück, sondern auf das Schicksal.

Und wer hat Journalistinnen in Russland ermorden lassen? Es war das Schicksal.

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