Ein Zitat von Eckart Britsch:

„Überall auf der Welt, wo zur Zukunftsbewältigung die Nationalhymne erklingt, werden die Strophen nach einem alten gleichförmigen Rezept komponiert: 1. Liebe zum Vaterland: bedingungslos, 2. Geschichte als Schicksal: unreflektiert, und 3.Verherrlichung der Opfer: affirmativ. Aus denselben Zutaten wird das Bindemittel „nationale Identität“ zusammengerührt, um dann in Überbau-Zement zum Bau der Nation verwandelt zu werden. Nach dem Eintrocknen bleibt als Gewinn ein neurotisches Bollwerk. Damit wird eine Ersatzwelt geschaffen. Eine Schwebebahn, auf der die Heimatvertriebenen der Moderne zwischen den Welten dahingleiten. Für alle, die das Gewicht der Welt erdrückt, mit seinen Widersprüchen und Verwirklichungen, und die nicht wissen, wohin der Hase läuft im Dschungel der Komplexität, ist die Nation eine Rettungsinsel. Ich vermute, es ist einfacher und gesünder , eine verstellte Wirklichkeit auszuhalten, als sich der Wirklichkeit zu stellen. Die Nation wird als Ersatzwelt ausgelobt, um unter Ausschaltung aller Differenzen von der sozialen Struktur mit ihren Klassen bis zur Geschlechterspannung eine Einheit herzustellen. Die Absolution des Deutsch-Seins wird allen erteilt: vom Millionär bis zum Tellerwäscher, von rot-grün bis grün-schwarz, von der Trümmerfrau bis zu „Deutschlands Bleiche Mutter“. Hier herrscht Eindeutigkeit, die Welt ist sauber und in Ordnung.
Allerdings wird diese Festung, so die Analyse Paul Tillichs, teuer bezahlt. Der Kompromisscharakter der Ersatzwelt führt zu Realitätsverlust und Reduzierung von Potentialitäten. Das Misslingen ist für die neurotische Selbstbehauptung konstitutiv. So sehr das Subjekt – das Ich, die Gruppe, die Nation – sich auch abkapselt und einigelt, es kann der Welt und ihren Konflikten nicht entgehen: Zum Sein gehört das Nicht-Sein, zum Ich der Andere, zur Nation die Welt. Gelungene Identität entsteht aus der Balance zwischen dem, was man ist, und dem, was man nicht ist. Zwischen Innen und Außen. Identität ist der sich selbst zuerkannte Ort, und sie ist gleichzeitig jener Ort, der von den anderen zugewiesen wird.“
Eckart Britsch, „Wunschmaschine Deutsche Nation“, Kursbuch „Blüh im Glanze“, Seite 90 ff., Rotbuch Verlag 1987.

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