Wer das folgende Zitat von G. F. W. Hegel liest, der wird verstehen, dass dieses Bekenntnis – die DDR sei ein Unrechtsstaat gewesen – eine abstrakte Formel ist, mit der man sich freikaufen soll. Sprich mir nach: Die DDR war ein Unrechtsstaat. So ist gut mein Sohn, meine Tochter.

Sprich mir nach, denken brauchst du dabei nicht.

Denken aber ist die Arbeit des Verstehens, die Arbeit des Begreifens, wie und warum etwas zustande kam, warum es sich etablieren konnte, warum es sich halten konnte und warum es kollabierte. Möglicherweise sind jene, die unser heutiges System repräsentieren, nicht die guten, sondern die Verbohrten, die mit ihrer unermüdlichen Propaganda uns einzureden versuchen, dass, wer den Neoliberalismus kritisiert, per se ein sozialistischer Diktator ist.

Für die DDR mag jener Satz gelten, der sich bei Adorno in der Minima Moralia findet:

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

Im übrigen empfehle ich den folgenden Beitrag von Frau Lehmann:

@genova68 und ulli
Ich will mich jetzt gar nicht darüber streiten, ob die DDR den “Titel” Unrechtsstaat verdient hat oder nicht, stelle mir aber schon die Frage, ob das Erzwingen eines Lippenbekenntnisses von einer Partei, die, so weit mir bekannt ist, nicht das Ziel geäußert hat, die DDR reinzuwaschen oder sie wieder haben zu wollen, irgendeinen Zweck erfüllen soll außer das Scheckgespenst Sozialismus/Kommunismus immer und immer wieder heraufzubeschwören? Wird demnächst von jedem verlangt werden, den Satz “Die DDR war ein Unrechtsstaat” zu unterschreiben, damit er sich Demokrat nennen darf? Oder sind die automatisch Demokraten, die im “richtigen” Teil Deutschlands geboren und aufgewachsen sind oder der “richtigen” Partei angehören?
Was ist damit gewonnen und für wen, wenn statt Aufarbeitung, Auseinandersetzung, Differenzierung und Berücksichtigung der politischen Gesamtsituation, in der die Gründung und Existenz der beiden deutschen Staaten eingebettet war, einfach nur Siegermentalität waltet, die alles bewusst vereinfacht, um als “der Bessere” dastehen zu können?
Es stimmt, dass die DDR auch dann kein bisschen besser wird, wenn man bedenkt, in welch menschenverachtende Richtung sich die kapitalistischen Gesellschaften entwicklet haben und wie weit demokratische Rechte abgebaut werden. Aber mit dem Verweis auf den Urechtsstaat DDR kann diese Entwicklung kleingeredet werden.
Im Übrigen: Lippenbekenntnisse statt Einsicht, das kommt mir sehr bekannt vor.
Absurd das Ganze.

Jetzt Hegel:

>>Wer denkt abstrakt? Der ungebildete Mensch, nicht der gebildete. ((…)) Es wird also ein Mörder zur Richtstätte geführt. Damen machen vielleicht die Bemerkung, daß er ein kräftiger, schöner, interessanter Mann ist. Jenes Volk findet die Bemerkung entsetzlich: was ein Mörder schön? wie kann man so schlecht denkend sein und einen Mörder schön nennen; ihr seid wohl etwas nicht viel Besseres! ((…))

Ein Menschenkenner sucht den Gang auf, den die Bildung des Verbrechers genommen, findet in seiner Geschichte schlechte Erziehung, schlechte Familienverhältnisse des Vaters und der Mutter, irgendeine ungeheure Härte bei einem leichteren Vergehen dieses Menschen, die ihn gegen die bürgerliche Ordnung erbitterte, eine erste Rückwirkung dagegen, die ihn daraus vertrieb und es ihm jetzt nur durch Verbrechen sich noch zu erhalten möglich machte. – Es kann wohl Leute geben, die, wenn sie solches hören, sagen werden: der will diesen Mörder entschuldigen! Erinnere ich mich doch, in meiner Jugend einen Bürgermeister klagen gehört zu haben, daß es die Bücherschreiber zu weit treiben und Christentum und Rechenschaffenheit ganz auszurotten suchen; es habe einer eine Verteidigung des Selbstmordes geschrieben; schrecklich, gar zu schrecklich! – Es ergab sich aus weiterer Nachfrage, daß „Werthers Leiden“ verstanden waren.
Dies heißt abstrakt gedacht, in dem Mörder nichts als dies Abstrakte, daß er ein Mörder ist, zu sehen und durch diese einfache Qualität alles übrige menschliche Wesen an ihm zu vertilgen.<<

Zum „Schluss“ noch folgende Bemerkung:

Wer die Pauschalaussage als Bekenntnis fordert, die DDR sei ein Unrechtsstaat gewesen, die tabuisiert letztlich das Nachforschen und Nachdenken darüber, was Unterdrückung, Ausbeutung, Menschenschinderei, die Benutzung der Vielen zum Zwecke des Reichwerdens der Wenigen bedeutet. Wenn Kant schreibt, der gewiss kein Linker war, dass der Mensch niemals bloß als Mittel zum Zweck für andere dienen darf, dann ist das aber in den Augen der derzeit Herrschenden schon der Beginn des Unrechtsstaates.

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