Es gibt, wenn es um Menschen geht, nirgendwo einen Automatismus, eine mechanische Kausalität. X wurde als Kind geprügelt, also prügelt er später auch. 

 

Möglicherweise klärt der folgende Essay von mir einige der Fragen hinsichtlich dessen, was ich unter Selbstreflexion verstehe:

Selbstreflexion am Beispiel des Anton Reiser von Karl Philipp Moritz

 

SPRECHER: Es gibt Menschen, die, wenn sie mißhandelt werden, glauben, das geschehe ihnen gerade recht, seien sie doch minderwertig und hätten nichts besseres verdient.
Andere wieder werden mißachtet, zur Seite gedrängt, mit Herablassung und Arroganz behandelt; auch von ihnen glauben viele, das müsse so sein, denn es geschehe bestimmt nur deshalb, weil sie doch schon froh sein müßten, unter den Lebenden überhaupt geduldet zu werden.
Das Ungeheuerliche wird das Selbstverständliche, ist das Übliche. Das Ungeheuerliche ist derart alltäglich, daß es häufig gar nicht mehr als ungeheuerlich empfunden wird. So sehr haben nicht nur die Täter sich daran gewöhnt, sondern auch die Opfer.

Die Menschheit besteht also noch immer aus mindestens zwei Klassen: Die einen dominieren, bestimmen, verfügen, diktieren die Bedingungen nach Maßgabe ihrer Durchsetzungskraft. Wenn es hochkommt, bewahren sie zumindest noch eine gewisse Freundlichkeit. Sie gleichen Erwachsenen, so formulierte es einst Kafka, die über das Geplauder eines Kindes hinweghören: grundsätzlich wohlwollend, aber unerreichbar. Die Erfolgreichen, also – metaphorisch gesprochen – die Erwachsenen, ziehen es vor, unter sich zu bleiben, denn was sie betreiben, ist so ernsthaft und bedeutungsvoll, daß die vermeintlich Wertlosen, und das ist die andere Klasse, nur stören würden. Das Wohlwollen gegenüber den Unwichtigen, den “most unimportant persons”, ist das äußerste Zugeständnis, das diese Prominenz macht, um ihre Unerreichbarkeit – mit gutem Gewissen vor sich selbst – bewahren zu können. Doch in den meisten Fällen sind die Durchsetzungsstarken nicht einmal wohlwollend. Die meisten derer, die Karriere machen, haben eines gemeinsam: Je mehr sie sich Mitmenschlichkeit leisten könnten, desto weniger halten sie diese für nötig. Hat man erst einmal erreicht, was man erstrebte, scheint Humanität zu nichts mehr nutze. Diejenigen, denen die gesellschaftlich anerkannte Stellung alles ist, zeichnet vor allem eines aus: Einfühlungsvermögen für ihre Klasse, die Klasse der Täter und Sieger.
Im öffentlichkeitsorientierten Kulturbetrieb etwa gilt nicht die Wahrheit, die ja ohne Gerechtigkeit nicht existiert, als das Wahre, sondern dasjenige, was sich durchsetzt, was von einer möglichst großen Zahl von Etablierten goutiert, diskutiert, für wichtig gehalten und deshalb propagiert wird. Je häufiger zum Beispiel Texte eines abstrakt denkenden Philosophen, der sich den Anschein gesellschaftlicher Aktualität gibt, je gestreuter seine Aufsätze und Reden publiziert werden, desto bedeutender erscheint er. Der zu Einfluß und Ansehen gekommene Theoretiker, dessen Stärke die Generalisierung, das Denken in großen Zügen ist, ein solcher Theoretiker münzt seine Schwäche in eine Tugend um: Er kann die Stärke eines anderen, der von der Erfahrung und der Anschauung her zu denken vermag, der sich von der Spontanität unmittelbarer Eindrücke inspirieren läßt, eine solche Stärke kann der abstrakt denkende Philosoph dank seiner großen öffentlichen Reputation herabsetzen und sie als “Feier des Konkreten” verächtlich machen. Wer aber konkretes Erfahren und Denken als Feier seiner selbst bezeichnet, offenbart einen Teil seiner eigenen Unfähigkeit: Denn wer das Konkrete wirklich erfährt, weiß, daß es da wenig zu feiern gibt. Es gehört jedoch zu den Kennzeichen etablierter Macht und zu den Merkmalen der Herrschaft partikularer Fähigkeiten, all das, was die universelle Gültigkeit einseitiger Wahrheiten in Frage stellen könnte, auszugrenzen und zu tabuisieren.

Die Rede ist von einer sich zu allen Zeiten wiederholenden Erfahrung, unterdrückt zu werden. Dabei macht es keinen Unterschied, ob – wie heutzutage – der Wert spontaner, also noch nicht gefilterter Empfindungen als mögliches Substrat des Denkens durch die herrschende Wissenschaft lächerlich gemacht wird oder ob – wie vor zweihundert Jahren – einflußreiche pietistische Sekten jeglichen Impuls der Freude, jegliche Regung der Lust fanatisch ächteten. So beklagt Hermann Samuel Reimarus, der Autor jener von Lessing veröffentlichten Fragmente eines Ungenannten, in seiner erst 1972 erstmals veröffentlichten Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes, daß der christliche Glaube in der kleinbürgerlich-religiösen Praxis des 18. Jahrhunderts nicht auf die Vernunft und die Einsichtsfähigkeit des Menschen gegründet wurde: Dieser Glaube wurde vielmehr durch die Androhung ewiger Höllenqualen erzeugt. Repression und Gewalt, Demagogie und Pathos von den Kanzeln herab waren die Mittel, um die Menschen an solche Religion zu binden. Aber psychisch noch um vieles gewalttätiger als die kirchliche Verkündigung der Furcht vor dem Teufel und das Auswendiglernen katechetischer Formeln in den Schulen waren die damaligen christlichen Sekten. Zu diesen gehörte der Pietismus; und der mystische Quietismus der Madame Guyon war eine verschärfte Form des protestantisch geprägten Pietismus. Das jedenfalls wird deutlich, liest man den Anton Reiser von Karl Philipp Moritz, der 1785 erstmals veröffentlicht wurde. Anton, der Protagonist, leidet unter seinem Vater; der mißbraucht den Quietismus, um seine Familie zu terrorisieren, um über sie eine eifernde Kontrolle auszuüben.

Karl Philipp Moritz, ein Zeitgenosse Goethes, hat seinem Anton Reiser nicht nur den Untertitel Ein psychologischer Roman gegeben, er kann auch als Begründer des psychologischen Romans als Sujet angesehen werden, des Romans als einer Kunstform, in der sich sein Autor einer Selbstanalyse unterzieht, in der eben dem scheinbar Unbedeutenden und Geringen endlich jene Aufmerksamkeit zuteil wird, die ihm das Kulturestablishment bis heute weitgehend verweigert. Selbst die Redaktion von Kindlers Literatur-Lexikon wirft Karl Philipp Moritz mit dem Unnahbarkeits-Ton ichloser Literaturwissenschaft vor, er betreibe “Selbstentblößung”; die Lexikon-Redaktion demonstriert damit genau jene Arroganz, unter der Moritz schon zu Lebzeiten zu leiden hatte. Bis auf den heutigen Tag ist es – trotz psychoanalytischer Einsichten – vielerorts verpönt, sich selbst zu beobachten, Introspektion oder gar Autovivisektion zu betreiben, sich selbst zum Gegenstand eines Gespräches oder selbstkritischer Reflexion zu machen. Sich selbst vor anderen zu analysieren – und sei es in Form eines Buches – ist ebenso anrüchig wie auf dem Marktplatz seinen Darm zu erleichtern. Das eigene Ich – so scheint es – stinkt, indem es sich zeigt. Selbst eine Schriftstellerin wie Elfriede Jelinek, die Sexuelles und Anales literarisch auslebt, zieht die Verschleierung vor: Wenn ein Autor “Ich” sagt, soll er nicht von sich selber sprechen. Jelinek rät, Autoren zu lesen, “die zwar ich sagen, sogar unaufhörlich, […] aber nicht sich damit meinen.” Doch gerade das Gegenteil sollte der Fall sein: Nicht vom Ich zu sprechen, aber das Ich zu meinen. Wenn man die Hölle umgestalten will, darf man nicht so tun, als sei das Ich, von dem man spricht, immer nur das eines anderen. Das Ich existiert nicht außerhalb des einzelnen Menschen als fiktionales Sündenbock-Ich, als kollektives Phantom, auf das man alles Böse projizieren kann, sondern es existiert nur im Individuum und mit dem Individuum.

So hat Karl Philipp Moritz “Er” gesagt, aber “Ich” gemeint. Er, das ist Anton Reiser; doch Reiser ist kein anderer als Moritz selbst. Ohne das konkrete Ich bliebe das Allgemeine, das durch Kunst beziehungsweise Literatur angestrebt wird, nur ein leerer Schatten. Alexander Pope hat einmal geschrieben: “The proper study of mankind is man.” – “Wer die Menschheit, wer das Allgemeine kennenlernen will, muß vom Einzelnen ausgehen.” Diese Einsicht, die sich Moritz zu eigen machte, ist auch heute noch gültig, denn wer außer mir selbst kann in mich hineinsehen. Mein Inneres, die ganze Fülle an seelischen Regungen, von spontaner Zuwendung bis hin zu instinktiver Abwehr, ist für mich an mir und in mir selbst am besten wahrnehmbar. Mein Inneres, das heißt, das Innere eines jeden Menschen ist ein komplexer Kosmos, bestehend aus Triebregungen, Bedürfnissen, Abhängigkeiten, Empfindungen, Gefühlen, Gedanken und Träumen; und indem ich mein Inneres nach außen hin sichtbar werden lasse – durch künstlerische Darstellung oder durch philosophische Reflexion -, spreche ich nicht nur über mich selbst, sondern ich spreche über einen Teil des menschlichen Lebens ganz allgemein: das eigene Ich hat stellvertretenden, exemplarischen Charakter. Die Kunst bietet zwar eine Reihe von Techniken, um das eigene Ich zu verfremden, um den Anschein zu erwecken, wenn man als Schriftsteller namens Moritz Reiser sagt, auch Reiser zu meinen; aber diese Technik, obwohl sie das Ich von sich selbst distanziert, führt doch wieder auf das Ich zurück.

Friedrich von Blankenburg, ein Zeitgenosse von Moritz, hat die erste selbständige Romantheorie im deutschsprachigen Raum verfaßt. Der moderne Roman, so fordert Blankenburg, muß das Ich ergründen.

ZITATOR: “Wenn der Dichter nicht das Verdienst hat, daß er das Inn[e]re des Menschen aufklärt, und ihn sich selber kennen lehrt: so hat er gerade – gar keins … Aber, wenn er dies tut, wenn er uns sehen läßt, wie wir gut oder böse, wie wir wahrhaft glücklich oder unglücklich werden können: wenn er uns unsern inner[e]n Zustand, worauf alles dies beruht, als das wichtigste ansehen und ihn uns kennen lehrt, damit wir an anderen lernen können, wie wir uns selbst, und wie wir andere […] ausbilden sollen: – so hat er ein Verdienst ums menschliche Geschlecht.”

SPRECHER: Blankenburg verbindet mit dem Gedanken, daß der Schriftsteller seine Aufmerksamkeit auf das Innere des Menschen richten solle, den der Aufklärung und damit trifft er in ihr Zentrum: denn nicht die Außenwelt sollte in erster Linie erhellt werden, sondern die Vorstellungen, die wir von ihr haben, und diese Vorstellungen finden im Inneren des Menschen statt. Unsere Wahrnehmung der Außenwelt ist abhängig von unseren Vorurteilen, die Bilder, die wir von den Dingen und Menschen haben, entspringen primär unseren Gefühlen und Empfindungen. Die Gefühle nähren die Phantasie, und die Phantasie stimuliert die Empfindungen. Und wer aus seinen Vorurteilen und Phantasien nicht hinausgelangt, lebt in Projektionen, bleibt in seiner Subjektivität befangen, erreicht noch nicht einmal annähernd die Objektivität. Blankenburg nimmt mit seiner Formulierung von der Aufklärung des Inneren eine der wichtigsten Forderungen der Psychoanalyse vorweg, nämlich Freuds Postulat: “Wo Es ist, soll Ich werden.” Das Es fundiert das Ich, bestimmt es unbewußt. Wie aber sollen die Marionetten-Fäden zwischen dem Es und dem Ich ergründet werden, wenn nicht durch Introspektion, also dadurch, daß der Einzelne zuallererst in sein eigenes Ich hineinblickt und nicht in das von anderen. Das Ich des anderen kann ein jeder von außen ohnehin bloß bedingt erkennen, und nur wer sensibel genug ist, wird den Gemütszustand eines anderen vielleicht erspüren, wird den Ausdruck seiner Augen möglicherweise lesen können; doch ohne die Hilfe des anderen, die darin besteht, daß er durch Sprache sein Inneres offenbart, wird dem bloßen Gespür vieles verschlossen bleiben. Je klarer und transparenter das Verhältnis zwischen dem eigenen Bewußtsein und den eigenen Instinktreaktionen ist, umso besser kann ein jeder dasjenige, was im anderen vorgeht, verstehen.

Wenn aber durch das geistige Klima, das eine historische Epoche beherrscht, die Selbstwahrnehmung tabuisiert und im Lichte der Anrüchigkeit gesehen wird, wenn statt dessen die Rede über das Allgemeine der Menschheit favorisiert wird, dann werden Menschen mit einer besonderen Geschichte gewaltsam an den Rand gedrängt und mißachtet, nämliche solche, die durch Erziehung und ungünstige Umstände in ihrem Verhalten derart unsicher geworden sind, daß sie die anderen nur verschwommen wahrnehmen, gleichsam nur mit gesenktem Blick. Vor lauter Unsicherheit gegenüber den anderen Menschen beobachten sie primär sich selbst. Sie entwickeln einen besonderen Blick, eher der Not gehorchend als der Tugend, einen Blick, der nach innen geht, der auf die eigene Unbeholfenheit, Schüchternheit und Scham gerichtet ist.

So schreibt Karl Philipp Moritz in der Vorrede zum ersten Teil seines Reiser-Romans auch – halb um Verständnis heischend, halb erklärend –
Zitator -: “Wer den Lauf der menschlichen Dinge kennt, und weiß, wie dasjenige oft im Fortgang des Lebens sehr wichtig werden kann, was anfänglich klein und unbedeutend schien, der wird sich an die anscheinende Geringfügigkeit mancher Umstände, die hier erzählt werden, nicht stoßen. Auch wird man in einem Buche, welches vorzüglich die innere Geschichte des Menschen schildern soll, keine große Mannigfaltigkeit der Charaktere erwarten: denn es soll […] den Blick der Seele in sich selber schärfen. – Freilich ist dies nun keine so leichte Sache […], aber wenigstens wird doch vorzüglich in pädagogischer Hinsicht das Bestreben nie ganz unnütz sein, die Aufmerksamkeit des Menschen mehr auf den Menschen selbst zu heften und ihm sein individuelles Dasein wichtiger zu machen.”

SPRECHER: Karl Philipp Moritz geht es in erster Linie also darum, durch seine Tätigkeit als Schriftsteller die eigene fragile Kraft zu konzentrieren, das heißt, “den Blick der Seele in sich selber schärfen”. Schreibend realisiert Moritz, was Freud erst über hundert Jahre später auf die Formel brachte: “Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten.”
Die Forderungen, die Blankenburg und Moritz an die Poesie stellen, daß nämlich der Schriftsteller das Innere des Menschen zum Gegenstand seiner Darstellung machen solle, werfen ein Licht auf das in der bürgerlichen Gesellschaft ihrer Zeit, und nicht nur ihrer Zeit Übliche: die Tabuisierung der Innenwelt, die gleichzusetzen ist mit ihrer Verdunkelung. Bemühte man sich hingegen ganz selbstverständlich darum, die Motive eines anderen zu verstehen, etwa die Handlungen eines Kindes, gehörte es zum Alltäglichen, sich die inneren Beweggründe eines Menschen gleich welchen Alters zu vergegenwärtigen, dann brauchte man die Beschäftigung damit weder zu fordern noch zu rechtfertigen. Es gibt ein in der Geschichtsphilosophie sich hartnäckig haltendes Klischee, daß die früheren Zeiten vom Christentum bestimmt und damit einheitlich gewesen wären. Ein Geist und ein Glaube hätten die Welt zusammengehalten und vor ihrer Zersplitterung in einen heillosen Relativismus bewahrt. Nimmt man aber das Christentum beim Wort, betrachtet man jene angeblich so religiösen Zeiten unter ihrem wesentlichen Aspekt, dem der Nächstenliebe, die die Kälte in der Welt tilgen sollte, dann wird man bereits vor Beginn der Moderne, die die Religion säkularisierte, wenig Liebe in jener Welt finden. Anton Reiser, die literarische Verkörperung seines Autors Karl Philipp Moritz, hatte gerade unter der Lieblosigkeit und dem mangelnden Verständnis seiner Eltern zu leiden; sie gehörten gewissermaßen unterschiedlichen Konfessionen an: Die Mutter war Lutheranerin mit pietistischem Einschlag, eine einfache, plattdeutsch sprechende Frau; der Vater war Anhänger der quietistischen Lehren der Madame Guyon, die er im Sinne seiner Herrschsucht instrumentalisierte; das führte dazu, daß die Kindheit des Anton Reiser zur Hölle wurde, zu einer nicht enden wollenden Tortur, in der jegliche natürliche Regung, jeder kindliche Impuls massiv, wenn nicht sogar fanatisch unterdrückt wurde. Antons Vater drangsalierte den kleinen Buben gemäß einer Devise der Madame Guyon, daß die Menschen “in ihr Nichts […] wieder einzugehen” hätten.
Dieser Asketismus bedeutete in letzter Konsequenz, daß jeder Einzelne, ja bereits das Kind, alle Leidenschaften in sich abzutöten und alle Eigenheit und Eigenliebe in sich auszurotten hatte. Was zunächst nach Selbstbeherrschung klingt, ist in Wahrheit eine Religion des Selbsthasses; denn nicht erst die Begierde, sondern schon die kleinste Lebensregung, der natürliche Impuls, war zu geißeln. Wenn es denn stimmt, daß nur derjenige wahrhaft lieben kann, der sich selbst akzeptiert, der sich selbst gegenüber Souveränität besitzt, dann kann eine Religion der Selbstverneinung keine Liebe hervorbringen. Forderte die Aufklärung auf dem Niveau eines Immanuel Kant die Internalisierung der Moral, damit das Subjekt verantwortlich aus sich selbst heraus zu handeln vermag, so ist der Quietismus, den Moritz und seine Figur, der Anton Reiser, erlebte, vergleichbar mit der Internalisierung der Gestapo: Dem Ich wird ein Überwachungssystem implantiert, das noch die unschuldigste Freude registriert und durch Gewissensbisse ahndet.

Moritz schreibt über das Verhältnis seiner Eltern zueinander, ein Verhältnis, das durch religiöse Differenzen bestimmt war:

ZITATOR: “Sosehr die Lehren der Madame Guyon von der gänzlichen Ertötung und Vernichtung aller, auch der sanften und zärtlichen Leidenschaften mit der harten und unempfindlichen Seele [meines Vaters] übereinstimmten, sowenig war [es meiner Mutter] möglich, sich jemals mit diesen Ideen [anzufreunden].
[Mein Vater] fing an, ihre Einsichten zu verachten, weil sie die hohen Geheimnisse nicht fassen wollte, die die Madam Guyon lehrte. […]
[Meine] Mutter hatte eine starke Belesenheit in der Bibel, [in der sie lange] Stunden mit innigem Vergnügen [las], aber sobald [mein Vater] versuchte, ihr aus den Guyonschen Schriften vorzulesen, so empfand sie eine Art von Bangigkeit, die vermutlich aus der Vorstellung entstand, sie werde dadurch in dem rechten Glauben irre gemacht. […]
[Hinzu] kam nun noch, daß sie vieles von der Kälte und dem lieblosen Wesen [meines Vaters] auf Rechnung der Guyonschen Lehre schrieb, die sie […] zu verwünschen anfing […].
So wurde der häusliche Friede […] einer Familie jahrelang durch diese unglücklichen Bücher gestört, die wahrscheinlich einer sowenig wie der andere verstehen mochte.
Unter diesen Umständen wurde [ich] geboren, und [man kann] mit Wahrheit sagen, daß ich von der Wiege an unterdrückt ward.
[Die ersten Töne, die mein] Ohr vernahm und [mein] aufdämmernder Verstand begriff, waren wechselseitige Flüche und Verwünschungen des unauflöslich geknüpften Ehebandes.
[In meiner] frühesten Jugend [habe ich] nie die Liebkosungen zärtlicher Eltern geschmeckt, nie nach einer kleinen Mühe ihr belohnendes Lächeln.
[Ich] lebte in einem Haus der Unzufriedenheit, des Zorns, der Tränen und der Klagen.
[Diese] ersten Eindrücke sind nie in [meinem] Leben aus [meiner] Seele verwischt worden und haben sie oft zu einem Sammelplatze schwarzer Gedanken gemacht, die [ich] durch keine Philosophie verdrängen konnte.”

SPRECHER: Der Vater verwandelt das bei Madame Guyon Angelesene und Halbverdaute in rigoristische Wahrheiten, stützt damit vielleicht sein schwaches und frustriertes Ich; aber mit Sicherheit mißbraucht er seine Verabsolutierungen, um die Familie in selbstgerechter Manier zu tyrannisieren. Die lutherisch geprägten Auffassungen der Mutter wischt er mit herrischer Herablassung hinweg, gänzlich unfähig, auf die Gedanken seiner Frau, geschweige denn, auf die Bedürfnisse eines Kindes einzugehen. Doch auch von der Mutter erhält der kleine Anton, alias Karl Philipp, weder Aufmunterung noch Bestätigung. Zärtlichkeit als Ausdruck gegenseitiger Zuneigung ist in diesem Hause etwas völlig Fremdes. Das Leben steht unter einem Diktat der Lust- und Freudlosigkeit; der Grundton des Alltags ist die Beklommenheit. Es ist bekannt, daß der Pietismus kein sonderlich positives Verhältnis zu den schönen Künsten, dem Theater und zum Tanz hatte; weniger bekannt jedoch dürfte der mikrologische Terror sein, der innerhalb der pietistisch geprägten Familien ausgeübt wurde.
Es ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit menschlichen Daseins, daß die Kindheit ein Reich des Spiels und der Phantasie sein darf, eine Zeit, in der Sagen und Märchen das kindliche Gemüt nachhaltig prägen; aber für Moritz galt diese Selbstverständlichkeit nicht: Ihm war es untersagt, zu spielen, untersagt, etwas zu tun, bei dem er Freude empfand. Wie trotz dieses finsteren Asketismus, der seine Kindheit beherrschte, die natürlichen Bedürfnisse sich Geltung verschafften, verdeutlicht Moritz mit einer kennzeichnenden Episode: Sein Vater hält sich mit ihm zu Besuch in Bad Pyrmont auf. “Hinter dem Hause, wo” man “logierte, war ein großer Baumgarten: hier fand” Anton, das Pseudonym für Karl Philipp, “zufälligerweise einen Schiebkarren und machte sich das Vergnügen, damit im ganzen Garten herumzuschieben.”
Daß der Junge nun Vergnügen empfindet, dürfte – aufgrund der in seinem zarten Alter bereits verinnerlichten rigorosen Normen – eigentlich nicht sein: Er hält Spielen für eine Sünde. Da sein Drang dazu aber unwiderstehlich ist, muß er sein Tun rechtfertigen.

Mehr hier:

https://klausbaum.wordpress.com/essays-zur-literatur/karl-philipp-moritz/

 

Zum Thema Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung siehe auch hier:

https://klausbaum.wordpress.com/essays-zur-literatur/klaus-baum-radioessay-macdonald/

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