Ich hatte vor fast vierzehn Tagen angekündigt, etwas über die Differenzierungsverweigerer zu schreiben, und zwar aufgrund einer Geschichte von Josef   K. …..

Dieser musste sich einer Herz-Katheter-Untersuchung unterziehen, da bei ihm innerhalb einer Woche drei Angina-Pectoris-Anfälle auftraten. Josef erzählte mir, dass der Arzt nach der Untersuchung gesagt hätte, man müsse ihn in das Universitätsklinikum schicken, denn dort könne man mit einem speziellen CT eine noch differenziertere Bestimmung des Herzens und dessen „Umfeld“ vornehmen.

In dem Moment, als K. den Gedanken einer noch genaueren Differenzierung aussprach, fiel mir sofort Adorno ein, denn dieser sprach unter anderem in seiner Einleitung der Negativen Dialektik von einer Utopie der Erkenntnis, die durch Differenzierung gekennzeichnet ist.

>>In der Sache wartet das Potential ihrer Qualitäten.<< Die Sache ist ein in sich komplexes Etwas. Gemeint ist damit das, was erkannt werden soll. Philosophie bezeichnet dies oft zunächst ganz allgemein als Sache oder Gegenstand oder als Objekt.

Adorno fährt fort:

Je mehr aber die Momente individueller Wahrnehmung  >>als angeblich bloß subjektiv verpönt werden, um so mehr an qualitativen Bestimmungen der Sache entgehen der Erkenntnis. Das Ideal des Differenzierten und Nuancierten (…) bezieht sich nicht allein auf eine individuelle, für Objektivität entbehrliche Fähigkeit. Seinen Impuls empfängt es von der Sache.<<

>>Differenziert ist, wer an dieser und in ihrem Begriff noch das Kleinste und dem Begriff Entschlüpfende zu unterscheiden vermag; einzig Differenziertheit reicht ans Kleinste heran.<<

>>Die Utopie der Erkenntnis wäre, das Begriffslose mit Begriffen aufzutun, ohne es ihnen gleichzumachen.<<

Die Sache, der Gegenstand, das Objekt wird bei Adorno oft auch als das Begriffslose bezeichnet, und der Idealtypus eines Menschen, der sich um Erkenntnis bemüht, weiß, dass sein bisher Erkanntes nicht identisch ist mit dem, was zu erkennen wäre.

Ein Beispiel: Falsch ist, wenn der Arzt den Patienten nur abhört und ihm sagt: „Sie haben kein Wasser in der Lunge.“

Der Arzt müsste sagen: Durch Auskultation kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob ihre Lunge Wasser enthält, ich schicke sie zu einer noch genaueren Untersuchung.

Falsch ist auch, wenn die Politik behauptet (oder wie Biermann das mal tat auf dem Blauen Sofa der Leipziger Buchmesse), der Hartz-IV-Satz ermögliche ein komfortables Leben, ohne dass das Objekt der Aussage, der Hartz-IV-Empfänger gefragt würde.

Adorno sagt ziemlich zu Beginn der Negativen Dialektik: >>Dialektik ist das konsequente Bewußtsein von Nichtidentät.<< Das, so könnte man erklärend hinzufügen, ist ihr Sokrateisches, aber nicht in dem Sinne, dass man weiß, dass man nichts weiss, sondern dass man weiss, was man weiss und weiss, dass dies längst noch nicht alles ist.

In Kriminalfilmen ist das zumeist derjenige, der nicht locker lässt, während die Orgelpfeifen den Fall für gelöst erklären und die Akte in den Keller bringen.

Jedenfalls war Josef K. sehr erstaunt, als er einen Arzt sagen hörte, wir müssen, was wir hier auf den Monitor sehen, noch präziser differenzieren.

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