Der Extremismus der Mitte

von Götz Eisenberg

>>Immer wieder wird von Verteidigern der antiislamischen und fremdenfeindlichen PEGIDA-Bewegung vorgebracht, die Demonstranten seien in ihrer Mehrzahl „keine Nazis“, sondern „ganz normale Leute“, die der „Mitte der Gesellschaft“ entstammten. Als könnte man nicht der Mitte der Gesellschaft entstammen und Nazi sein!

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

(Bertolt Brecht)

Die Menschen, die unter dem Banner von PEGIDA demonstrieren, begreifen sich selbst als Mitte der Gesellschaft. „Sie würden sich nie selbst als rechtsextrem bezeichnen“, sagt Oliver Decker, Rechtsextremismus-Forscher an der Universität Leipzig und Mitautor der „Mitte-Studien“, „sie haben aber extrem rechte Gedanken.“ Das Gros der PEGIDA-Demonstranten, sagt Decker weiter, entstamme dem Kleinbürgertum, das – wie wir wissen – auch die Massenbasis des Nationalsozialismus bildete. Sie gehören zu den „Stillen im Lande“, die allenfalls am Stammtisch laut werden, wenn sie unter sich sind. Dort schwadronieren sie herum, schimpfen auf Obdachlose, Langzeitarbeitslose, Asylsuchende und dieses ganze Politiker-Pack, das durch und durch korrupt ist und nichts tut. Der beliebteste PEGIDA- und Stammtisch-Satz lautet: “Alle Politiker in einen Sack stecken und draufhauen, du triffst immer den Richtigen!” Es sind viel zu viele „Zigeuner“ im Land und auch „der Jude“ hat nach wie vor seine Finger überall im Spiel und „steckt letztlich dahinter“. Es müsste jeder wieder ein Arbeitsbuch haben und gegen Faulenzerei und Schmarotzertum muss endlich hart durchgegriffen werden. Dass Lehrer ihre Schüler nicht mehr züchtigen und Homosexuelle heiraten dürfen, halten sie für einen großen Unfug und eine Schande. Dass jemand wie Conchita Wurst den europäischen Schlagerwettbewerb gewinnt, ist in ihren Augen Ausdruck einer grauenhaften Dekadenz und ein Zeichen des Untergangs des Abendlandes. Sie sehnen sich nach einem „starken Mann an der Spitze“, der „das Volk eint und den ganzen Saustall mit eisernem Besen ausmistet“. Nach dem dreizehnten Bier sagt der „kleine Mann“ am Stammtisch schon mal Sätze wie diesen: „Tät unser Führer noch leben, unterm Hitler hätt‘s des nicht geben.“ Dem taz-Mitarbeiter Deniz Yücel sagte ein Mann, der in Berlin-Marzahn gegen eine geplante Flüchtlingsunterkunft demonstrierte, auf die Frage nach seiner politischen Orientierung: „Ick bin rechts. Aber nich so extrem. Ick sach ma: Judenverfolgung, dit muss nich sein.“ Heute Morgen hörte ich auf dem Wochenmarkt im Vorübergehen einen Metzgermeister zu einem Kunden sagen: „Und wenn mer was sacht, werd mer gleich in die Eck gestellt.“ Es muss nur jemand auftauchen, der diese Leute aus ihrer Ecke befreit; einer, der den ganzen jetzt noch privaten Wahnsinn prinzipialisiert und zur Partei- und Staatsideologie erhebt; einer, der diesen ganzen herumliegenden und im gesellschaftlichen Untergrund grummelnden diffusen Unmut aufsammelt und bündelt. Das hatten wir schon einmal.
Wenn man mir mit dem Verweis auf die „Mitte der Gesellschaft“ kommt, als wäre das ein demokratisches Gütesiegel, bin ich deswegen stets versucht zu sagen: „Genau, das ist es ja gerade. Da stammt er ja her, der Nationalsozialismus. Dass man der Mitte der Gesellschaft entstammt, heißt doch noch lange nicht, dass man kein Nazi sein kann.“ Ein Mitarbeiter der Berliner taz erhält auf die Frage, ob unter den Demonstranten in Dresden Nazis seien, die Antwort: „Hier sind keine Nazis. Ich bin Maler, hier gibt es Professoren, Polizisten, Hausfrauen – alles.“ Die einen halten das Nazi-Sein offenbar für einen Beruf, andere für eine Eigenheit gewisser Randgruppen der Gesellschaft, die an bestimmten körperlichen Stigmata zu erkennen sind. Das Nazitum ist aber kein Klassen- oder Schichtenmerkmal, sondern eine Frage des Bewusstseins und vor allem des Unbewusst-Seins, des Umgangs mit dem Unbewussten. Als Produkte dieser Gesellschaft sind wir alle nicht frei von der „bürgerlichen Kälte“, die sich Adorno zufolge mit dem sich verallgemeinernden Tauschverhältnis wie ein Alb auf die Gesellschaft und ihre Bewohner legt und deren Fähigkeit zur Identifikation mit fremden Leiden systematisch beschädigt und einschränkt. Es gibt jenseits des politischen Begriffs einen Faschismus der Gefühle, einen Faschismus weit unterhalb des Kopfes. Manche Leute leiden unter einer Art braunen Juckens beim Anblick von Menschen, die nicht sichtlich Ihresgleichen sind, bei der Wahrnehmung von kleinsten Zeichen der Differenz und Fremdartigkeit.
Der durchschnittliche Erwachsene dieser Kultur ist ein Produkt von Wunschvernichtung und verinnerlichter Repression. Immer, wenn ihm außerhalb seiner etwas begegnet, das auf ein Mehr an Freiheit und Glück hindeutet oder das einfach nur anders ist, „geht ihm das Messer in der Tasche auf“. Der autoritär erzogene Mensch wird eine Neigung davontragen, das, was er selbst unter Schmerzen in sich abtöten und begraben musste, aus sich herauszusetzen und dort am Anderen zu bekämpfen und zu vernichten. Auf der Basis eines an seiner Entfaltung gehinderten, durch pädagogische Dressur partiell getöteten Lebens entwickelt sich eine konformistische Bösartigkeit, ein Zugleich von Anpassung und Aggression. Ihr wohnt eine Tendenz inne, sich am Anderen schadlos zu halten und zu verfolgen, was einem lebendiger vorkommt: „Der da, der reißt sich nicht so zusammen wie ich!“ Ressentiments und Feindseligkeit schlagen dem um sein Glück Betrogenem aus allen Poren. „Gleiches Unrecht für alle!“, avanciert zur unausgesprochenen Maxime seines ungelebten Lebens. Dieser Faschismus der Gefühle oder der Gefühllosigkeit ist zu verstehen als eine Parteinahme für das Abgestorbene und Tote in der eigenen Person. Faschismus oder Nicht-Faschismus sind also in erster Linie eine Frage der Achtung und Verachtung des Lebendigen und erst dann eine im engeren Sinn politische Entscheidung für Links oder Rechts. Dass ein Mensch soziologisch der Mittelschicht angehört, sagt nichts darüber aus, ob er Faschist und Nazi ist oder auf der Seite derer steht, die für Freiheit und die Entfaltung des Lebendigen kämpfen. Er kann sich entscheiden, und auch, wenn er sich nicht entscheidet, hat er sich entschieden.

Der Schriftsteller Horst Krüger nahm 1964 vier Wochen lang als „stummer Zeuge“ und journalistischer Beobachter am Frankfurter Auschwitz-Prozess teil. Er hat seine Beobachtungen in seinem autobiographischen Buch Das zerbrochene Haus. Eine Jugend in Deutschland (Hamburg 1976) festgehalten. Am ersten Prozesstag, dem er beiwohnte, fragte er in der Mittagspause einen Kollegen: „Und die Angeklagten? Wo sind denn die eigentlich?“ Er hatte im Gerichtssaal nur behäbige Frankfurter Bürgergesichter und freundliche Leute wahrgenommen. Der Kollege klärt ihn auf, dass die Angeklagten direkt vor ihm säßen. Da begriff Horst Krüger, dass man sie nicht unterscheiden kann, dass sie sind wie alle. „Zweiundzwanzig Männer sind hier angeklagt, acht sind in Haft, vierzehn gegen Kaution in Freiheit, und alle sehen mit ganz wenigen Ausnahmen natürlich aus wie alle anderen, benehmen sich wie alle anderen, sind wohlgenährte, gut gekleidete Herren im gehobenen Alter: Akademiker, Ärzte, Kaufleute, Handwerker, Hausmeister, Bürger unserer neudeutschen Gesellschaft im Überfluss, freie Bundesbürger, die draußen ihr Auto vor dem Römer stehen haben und zur Verhandlung kommen wie ich. Da ist nichts zu unterscheiden.“ Die Massenmörder sind inzwischen wieder das, was sie vor den Massenmorden waren. Auffallend viele von ihnen arbeiten als Buchhalter. „Bestand denn die ganze SS aus Buchhaltern“, fragt sich Horst Krüger irritiert und erschrickt vor der Erkenntnis, dass der Faschismus aus der bürgerlichen Normalität herausgewachsen und nach 1945 wieder in ihr verschwunden ist. Der ehemalige Nazi ist kein zähnefletschendes Ungeheuer, sondern der nette Mann von gegenüber, der im Park seinen Hund ausführt und den Enkeln auf dem Rückweg vom Büro ein Eis mitbringt. Adorno nannte die KZ-Schergen, von denen einige in Frankfurt vor Gericht standen, „Normalungetüme“. Man kann aus dieser Erkenntnis die Konsequenz ziehen: Es gibt keine harmlose bürgerliche Normalität, der „Normale“ ist schon auf dem Weg zum Handlungshilfen. Der loyale Bürger tut seine Pflicht und gehorcht – egal unter welcher Regierung. Peter Brückner zog daraus den radikalen Schluss: „Nur wer zu nichts Bürgerlichem taugt, taugt auch nicht zum Faschisten“.

Der faschistische Agitator und die politische Rechte betreiben, hat Leo Löwenthal gesagt, „umgekehrte Psychoanalyse“. Statt das dumpf im psychischen Untergrund Schwelende und die frei flottierenden Ängste über sich selbst aufzuklären und ins Bewusstsein zu heben, wie es psychoanalytische und aufklärerisch-demokratische Praxis wäre, eignen sie sich diesen Rohstoff so an, wie er bereit liegt, und setzen ihn für ihre Zwecke in Gang. Sie rücken den verunsicherten Menschen einen Feind zurecht, den sie für ihr Unglück verantwortlich machen können. In Zeiten verbreiteter Verunsicherung und Desorientierung steigt das Bedürfnis nach entlastenden Vereinfachungen, und wer die simpelsten Polarisierungen liefert, hat die besten Aussichten, Gehör und Gefolgschaft zu finden. Wirkliche Aufklärung – unter striktem Verzicht auf alles Populistisch-Reklameähnliche – ist dagegen mühsam und schmerzhaft. Sie muss den steinigen Acker der Vorurteile bestellen, den herumliegenden Rohstoff an alltäglichen Meinungen komplizierten Bearbeitungsprozessen unterziehen, muss lange Wege und Umwege gehen, um von der Ebene der erscheinenden Wirklichkeit zum Wesen der Dinge vorzudringen, und steht deswegen oft auf verlorenem Posten.
“Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen”, schrieb Adorno in seinem Buch Minima Moralia.

Im Januar 2015 erscheint im verlag Brandes & Apsel Götz Eisenbergs neues Buch Zwischen Amok und Alzheimer – Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus<<

PS. von kb: Ich hatte den Text von Götz Eisenberg ungelesen übernommen. In der Zwischenzeit habe ich ihn gelesen, und ich finde, das folgende „Stück“ (Nr. 5) aus der Minima Moralia von Adorno passt dazu:

>>Herr Doktor, das ist schön von Euch. – Es gibt nichts Harmloses mehr. Die kleinen Freuden, die Äußerungen des Lebens, die von der Verantwortung des Gedankens ausgenommen scheinen, haben nicht nur ein Moment der trotzigen Albernheit, des hartherzigen sich blind Machens, sondern treten unmittelbar in den Dienst ihres äußersten Gegensatzes. Noch der Baum, der blüht, lügt in dem Augenblick, in welchem man sein Blühen ohne den Schatten des Entsetzens wahrnimmt; noch das unschuldige Wie schön wird zur Ausrede für die Schmach des Daseins, das anders ist, und es ist keine Schönheit und kein Trost mehr außer in dem Blick, der aufs Grauen geht, ihm standhält und im ungemilderten Bewußtsein der Negativität die Möglichkeit des Besseren festhält. Mißtrauen ist geraten gegenüber allem Unbefangenen, Legeren, gegenüber allem sich Gehenlassen, das Nachgiebigkeit gegen die Übermacht des Existierenden einschließt. Der böse Hintersinn des Behagens, der früher einmal auf das Prosit der Gemütlichkeit beschränkt war, hat längst freundlichere Regungen ergriffen. Das Zufallsgespräch mit dem Mann in der Eisenbahn, dem man, damit es nicht zu einem Streit kommt, auf ein paar Sätze zustimmt, von denen man weiß, daß sie schließlich auf den Mord hinauslaufen müssen, ist schon ein Stück Verrat; kein Gedanke ist immun gegen seine Kommunikation, und es genügt bereits, ihn an falscher Stelle und in falschem Einverständnis zu sagen, um seine Wahrheit zu unterhöhlen. Aus jedem Besuch des Kinos komme ich bei aller Wachsamkeit dümmer und schlechter wieder heraus. Umgänglichkeit selber ist Teilhabe am Unrecht, indem sie die erkaltete Welt als eine vorspiegelt, in der man noch miteinander reden kann, und das lose, gesellige Wort trägt bei, das Schweigen zu perpetuieren, indem durch die Konzessionen an den Angeredeten dieser im Redenden nochmals erniedrigt wird. Das böse Prinzip, das in der Leutseligkeit immer schon gesteckt hat, entfaltet sich im egalitären Geist zu seiner ganzen Bestialität. Herablassung und sich nicht besser Dünken sind das Gleiche. Durch die Anpassung an die Schwäche der Unterdrückten bestätigt man in solcher Schwäche die Voraussetzung der Herrschaft und entwickelt selber das Maß an Grobheit, Dumpfheit und Gewalttätigkeit, dessen man zur Ausübung der Herrschaft bedarf. Wenn dabei, in der jüngsten Phase, der Gestus der Herablassung entfällt und Angleichung allein sichtbar wird, so setzt gerade in solcher vollkommenen Abblendung der Macht das verleugnete Klassenverhältnis um so unversöhnlicher sich durch. Für den Intellektuellen ist unverbrüchliche Einsamkeit die einzige Gestalt, in der er Solidarität etwa noch zu bewähren vermag. Alles Mitmachen, alle Menschlichkeit von Umgang und Teilhabe ist bloße Maske fürs stillschweigende Akzeptieren des Unmenschlichen. Einig sein soll man mit dem Leiden der Menschen: der kleinste Schritt zu ihren Freuden hin ist einer zur Verhärtung des Leidens.<<

Gestern fiel mir im Bus folgendes auf: Ein Pärchen mit Kinderwagen. Der Bus fährt auf den Bahnhofsvorplatz zu. Plötzlich höre ich den jungen Vater zu seinerVater sagen: „He, guck mal da draußen. Sieht das nicht komisch ein. Die zwei, die da nebeneinander hergehen, der ist zwei Meter groß und der andere nur einen Meter. Hahahaha.“

Mich hat das an meine Jugend erinnert, als ich noch Elektrikerlehrling war und außer Kleinbürgern keine anderen Menschen kannte. Der Kleinbürger hat, so wie ich es an mir selbst erfahren habe, eine Vorstellung von normal, von üblich, von „so muss es sein, so war es schon immer“,und alles, was von dieser alltäglichen Norm abweicht, wird abgelehnt, belacht, belästert, verspottet und ausgegrenzt. Je enger die Welt eines Kleinbürgers, je enger sind seine Vorstellungen von der Welt, davon, wie sie zu sein hat. Die Langhaarigen, die in den 60er Jahren aufkamen, wurden am deutlichsten geächtet. Als ich meinem Vater aus Hamburg schrieb, er wohnte in einer Vorortsiedlung von Kassel in einem kleinen Häuschen, ich hätte jetzt etwas längere Haare, teilte er mir mit, ich sollte im Dunklen kommen, damit mich seine Nachbarn nicht sehen.

Als Conchita Wurst den Europäischen SongContest gewann, wurde behauptet, das sei ein Zeichen zunehmender Toleranz, denn er wurde ja durch Telefonanrufe gewählt, also durchs „Volk“ diverser Länder. Eisenberg schreibt, der Kleinbürger sieht darin keinen Fortschritt, allein der zunehmenden Tolerierung abweichenden Verhaltens und Aussehens, sondern einen Sittenverfall, ein Zeichen von Dekadenz.

Als ich in der Abendschule zunächst meine mittlere Reife nachholte, plante ich auf Anregung meines Deutschlehrers eine Reise nach Paris. Meiner Mutter und meiner Tante gefiel das gar nicht: „Junge, lern doch erst mal Deutschland kennen.“

Das Vertraute, das Altbekannte, das Immer-schon-so-Gewesene wird zum Maßstab von Welt schlechthin.

 

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