„Sein scharfer Verstand ließ den Gegenstand der Erkenntnis in einer Wolke des Zweifels.“ (Gilbert Keith Chesterton. Den Satz, zitiert aus dem Gedächtnis, habe ich einst gefunden in Ernst Blochs Buch über Hegel: Subjekt Objekt)

Ich hatte vor Jahren hier hinter der Bühne mal angefangen, einen Text zu verfassen, der auf folgendes abzielen sollte: Die Wahrnehmung der Realität ist abhängig von unserem Wissen; je mehr wir uns erarbeitet haben, desto differenzierter werden wir das, was in unserer Gegenwart geschieht, beurteilen können. Ich würde gern auf Beispiele verzichten, doch dann bliebe meine These zu allgemein und abstrakt. Ich habe zum Beispiel im Studium immer wieder Tristan und Isolde von Gottfried von Straßburg gelesen, habe sein hohes Reflexionsniveau in einem Referat mit Hegel verglichen, weil er ein dialektischer Denker war. Die Dialektik kennt das Entgegengesetzte in Einem, zum Beispiel dergestalt, dass Süße nur erfahrbar wird durch Mühe und Anstrengung.

Johann Peter Hebel erzählt eine Geschichte, in der einem Fuhrmann, der so schnell wie möglich die nächste Stadt erreichen will, empfohlen wird, langsam zu fahren.

Adorno sagt in einer Diskussion über Becketts FILM, der im Fernsehen lief: Das Missverständnis ist das Medium der Kommunikation des Nichtkommunikativen.

Dem dialektischen Denken sind die Paradoxien vertraut beziehungsweise das scheinbar Verrückte ….

Ich will aber jetzt keine ausführlichere Abhandlung über Dialektik in Literatur und Philosophie schreiben (bei Chesterton ist der Pater Brown ein dialektischer Denker, ein Tatbestand, der in den Verfilmungen verschwunden ist), sondern lediglich hervorheben,
dass man durch Lesen und Studieren seine Weltsicht und -deutungen erweitern kann. Für mich sind zu diesem Zwecke selbst Kriminalfilme lehrreich, weil sie zeigen, dass der erste Augenschein selten zur Lösung des Falles führt. Gerade der Krimi führt uns oft genug vor, dass es fast immer mehrere Möglichkeiten gibt bei der Frage, wer der Täter war. Krimis führen eigentlich unentwegt vor, dass man das „jumping to conclusions“ besser unterlassen sollte.

Es muss ja nicht immer erst ein Studium der Literatur und der Philosophie sein, um für das eigene Urteilen etwas zu lernen; schon von Filmen kann man etwas lernen.

Ich will auf folgendes hinaus: Wenn die überwiegende Zahl der Bevölkerung gestern kurz nach dem Attentat in Paris der Meinung war, es handelte sich um eine böse Tat des Islam, dann lernt sie noch nicht einmal von Krimis im Fernsehen etwas.

Über Zweifel bezüglich der Täter schreibt auch Albrecht Müller heute:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=24499 

PS.: Ich hab noch einen Ausweis von X bei mir herumliegen. X weiß davon nix. Beim nächsten Einbruch, den ich begehe, hinterlasse ich den Ausweis von X – und dann weiß die Polizei gleich, wer es war.

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