Auf den Nachdenkseiten findet sich heute ein Bericht einer von Hartz IV Betroffenen. Bemerkenswert an diesem Bericht ist seine Sachlichkeit und die klar strukturierte Darstellung des Procedere im Amt. Ich habe einen Aspekt herausgegriffen, der mir zum Zeitpunkt der Einführung von Hartz IV schon sehr unangenehm aufgefallen war.

>>Generell sollte bzw. muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass sog. Fallmanager, also die Sachbearbeiterschaft für die berufliche Integration sich weniger an der bisherigen beruflichen Ausbildung und Qualifikation orientieren, sondern – entsprechend dem Gesetz – jede Arbeit bzw. Tätigkeit für ihre „Kundschaft“ als zumutbar begreifen.

Und hier liegt meiner Ansicht nach auch „der Hund begraben“: Die unter der rot-grünen Regierungszeit geänderten Zumutbarkeitsregeln haben jede Arbeit für sog. Langzeitarbeitslose (dazu zählen alle Personen, die länger als 12 Monate erwerbslos sind) für zumutbar erklärt, sofern sie nicht sittenwidrig bezahlt wird. Ungeachtet bleibt dabei auch die vorherige Qualifikation (Kenntnisse und Erfahrungen) der Betroffenen.<<

Die Formulierung „Jede Arbeit ist zumutbar“ hat mich persönlich tief getroffen, und zwar aus folgendem Grund: Ich ich befand mich 1962 in einer Lehre zum Industriekaufmann und besuchte die Kaufmännische Berufsschule. Dort wurde seitens der Direktorin ein sogenannter Aufbauzug eingerichtet, der dazu diente, dass, wer wollte, die mittlere Reife nachholen konnte. Ich arbeitete nach dem Abschluss meiner Lehre noch ein Jahr als Buchhalter, bevor ich auf eine Ganztagesschule wechselte, aufs Hessenkolleg in Kassel, das im Untertitel den Zusatz trug: Institut zur Erlangung der Hochschulreife.

Da ich in jenen Jahren schon intensiv fotografierte und das Fotolabor bei meinem ehemaligen Arbeitgeber mir nicht mehr zur Verfügung stand, fand sich in einem der Jugendhäuser der Stadt Kassel (Hermann-Schafft-Haus) die Möglichkeit, das dort vorhandene Labor zu nutzen. Genauer gesagt, diese Möglichkeit wurde mir von einem der führenden Mitarbeiter dort geboten, dem Herrn Wiedemann.

In Kassel regierte die SPD, und SPD war für mich ein Synonym für soziales Verhalten, für Hilfsbereitschaft, für Förderung hinsichtlich der Entfaltung der Persönlichkeit. Solche Entfaltung wurde auch auf dem Hessenkolleg groß geschrieben, das man als ein Projekt der SPD bezeichnen konnte.

Ich durchlief eine Entwicklung über die Universität bis hin zum 1. Staatsexamen und zur Promotion. Ich habe danach unter anderem Studenten und Studentinnen unterrichtet, die meines Wissens alle eine Anstellung – vor allem in einer Schule – gefunden habe. Ich selbst war unter anderem Leiter der Museumspädagogik der documenta 9, Essayist und Hörspielautor beim Rundfunk und zuletzt Mitarbeiter der Hessischen Akademie der Forschung und Planung im ländlichen Raum: Ich war dort Mitglied einer Arbeitsgruppe, die prüfen sollte, ob Bad Karlshafen, die Hugenotten-Stadt, weltkulturerbewürdig sei. Es ging bei diesem Projekt auch darum, mich in die Geschichte religiöser Intoleranz einzuarbeiten: Verfolgung, Flucht, Aufnahme waren Themen, die derzeit wieder hochaktuell sind.

Die selbe SPD, die es mir ermöglicht hat, das ich mich entwickeln konnte, hat dann mit der Einführung von Hartz IV, dies alles plötzlich gekappt und mir erzählt, dass mein Lebensweg, meine mir angeeignete Bildung, die von der Bundesrepublik reichlich gefördert wurde (ich habe ein Stipendium bekommen, das ich nicht zurückzahlen musste), dass dies von einem Tag auf den anderen nichtig sei: der Staat hat jetzt in Gestalt von Arbeitsämtern das Recht, mich in die unqualifizierteste Arbeit zurückzustossen, sofern sie nicht sittenwidrig ist.

Ich habe mein Leben lang SPD gewählt, seit Schröder hasse ich sie.

 

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