Ich bin in letzter Zeit mehrfach wegen einseitiger Aussagen kritisiert worden. Ich bin nicht immun dagegen, und manchmal verletzt mich diese Kritik, weil sie von solchen kommt, die mich eigentlich kennen müssten. Um meine Art des Denkens, meine „Philosophie“ noch einmal zu verdeutlichen, zitiere ich hier eine Stelle aus Adornos DREI STUDIEN ZU HEGEL, und zwar aus der 3. Studie, die überschrieben ist SKOTEINOS oder Wie zu lesen sei ….

Das längere Adorno-Zitat ist aus mehreren Gründen für mich von Bedeutung: Einmal, weil ich Fotograf bin und mich die Formulierung >wie eine Kamera auf einem Stativ< anspricht,  dann habe ich viele Jahre ein Bild in meiner Wohnung hängen gehabt, ein blaues Bild, ein blauer Würfel auf blauem Hintergrund, der so transparent und vieldeutig gemalt war, dass man ihn, dass man diese geometrische Figur nicht eindeutig im Blick fixieren konnte. Und zum Dritten gibt es bei Proust in der Recherche eine Stelle, in der ähnliche Überlegungen angestellt werden, wie bei Adorno. Bei beiden wird, sofern ich es richtig erinnere, der Begriff der inwendigen Komplexion verwendet.

Ich füge hier noch ein Zitat von Frederick Zackel ein. Er ist ein amerikanischer Schriftsteller, und er sagte anlässlich einiger Manuskriptseiten von Tom Nolan über Ross Macdonald: „I discovered again why Rashomon is my favorite movie: Each of us thinks we know what’s real, but reality has more sides than a disco ball.” (Frederick Zackel).”

Nun, ich stimme Frederick Zackel durchaus zu, besonders was den Gedanken einer „unendlichen“ Komplexität der Realität betrifft, andererseits klingt mir in dem, was Zackel sagt, ein Relativismus an, der vielleicht in RASHOMON schon angelegt ist.

Es gibt eine Reihe anderer Filme, in der Behauptungen über etwas Gesehenes und Beobachtetes verunsichert und in Zweifel gezogen werden: So in Hitchcocks berühmten Film REAR WINDOW (Das Fenster zum Hof) und – nicht von Hitch – Witness to Murder (Zeugin des Mordes).

Das zentrale Thema der Erkenntnistheorie Adornos ist das Verhältnis der Sprache zur Sache. Dass wir uns nicht einbilden sollen, wir hätten die Sache, den Gegenstand oder einen anderen Menschen mit unseren Benennungen vollständig erfasst, bezeichnet Adorno mit dem Satz: „Dialektik ist das konsequente Bewußtsein von Nichtidentät.“

Zwischen dem Gegenstand der Erkenntnis und dem Begriff gibt es immer eine Differenz. Das folgende Zitat enthält dann aber die notwendige Einschränkung, ohne die jegliche Erkenntnis keine wäre, sondern nur gedankliche Konfusion beziehungsweise subjektive Willkür, nach dem Motto: Es ist doch eh alles relativ. Und nichts mehr kann der Neoliberalismus gebrauchen als Agnostiker.

Was Zackel schreibt, könnte zum universellen Entkräftungsargument für jede Erkenntnis der Verhältnisse werden:

„Each of us thinks we know what’s real, but reality has more sides than a disco ball.”

Im folgenden Zitat werde ich die – für den hier zur Rede stehenden Kontext – wichtigen Gedanken fett markieren. Eine pädagogische Maßnahme, die ich bei Gunter Otto gelernt habe (kleiner Scherz).

>>Nur wofern vorausgesetzt wird, jener Gegenstand sei selbst so geartet, daß er vom Subjekt sich fixieren läßt wie geometrische Figuren im Blick, gilt die Norm der Klarheit schlechthin. Mit ihrer generellen Behauptung ist über den Gegenstand vorentschieden, nach dem Erkenntnis doch, im einfachsten Verstande der scholastischen und Cartesianischen adaequatio, sich zu richten hätte. Klarheit kann aller Erkenntnis abverlangt werden nur, wofern ausgemacht ist, daß die Sachen rein sind von jeder Dynamik, die sie dem eindeutig festhaltenden Blick entzöge. Das Desiderat der Klarheit wird doppelt fragwürdig, sobald der konsequente Gedanke entdeckt, daß das, worüber er philosophiert, nicht nur am Erkennenden wie auf einem Vehikel vorüberfährt, sondern bewegt ist in sich selbst, und dadurch der letzten Ähnlichkeit mit der Cartesianischen res extensa, dem räumlich Ausgedehnten, sich entäußert. Korrelativ zu dieser Einsicht bildet sich die, daß auch das Subjekt nicht wie eine Kamera auf einem Stativ ruht, sondern vermöge seiner Beziehung zu dem in sich bewegten Gegenstand auch selber sich bewegt – eine der zentralen Lehren der Hegelschen Phänomenologie. Demgegenüber wird die schlichte Forderung von Klarheit und Deutlichkeit zum Zopf; inmitten der Dialektik beharren die traditionellen Kategorien nicht intakt, sondern jene durchdringt eine jegliche und verändert ihre inwendige Komplexion. Trotzdem klammert die Erkenntnispraxis sich mit der primitiven Unterscheidung von Klar und Unklar an einen Maßstab, der nur auf ein statisches Subjekt und Objekt zuträfe; wohl aus beflissenem Übereifer für den arbeitsteiligen Betrieb der Einzelwissenschaften, die ihre Gegenstände und Gegenstandsbereiche unreflektiert sich vorgeben und das Verhältnis der Erkenntnis zu diesen dogmatisch normieren. Klarheit und Deutlichkeit haben ein dinghaftes Bewußtsein von Dingen zum Modell. Tatsächlich redet Descartes, durchaus im Geist seines Systems, in einer früheren Diskussion des Klarheitsideals vom Ding naiv-realistisch: »Nun hatte ich beobachtet, daß in dem Satz: ›Ich denke, also bin ich‹ überhaupt nur dies mir die Gewißheit gibt, die Wahrheit zu sagen, daß ich klar einsehe, daß man, um zu denken, sein muß, und meinte daher, ich könne als allgemeine Regel annehmen, daß die Dinge, die wir ganz klar und deutlich begreifen, alle wahr sind, daß aber nur darin eine gewisse Schwierigkeit liege, richtig zu merken, welche es sind, die wir deutlich begreifen.« In der Schwierigkeit, die Descartes notiert: richtig zu merken, was wir deutlich begreifen, regt sich schwach die Erinnerung daran, daß die Objekte selbst in den Erkenntnisakten des Subjekts gar nicht ohne weiteres jenem Anspruch sich fügen. Sonst könnten ihre Klarheit und Deutlichkeit, seine Attribute von Wahrheit, nicht wiederum Schwierigkeiten bereiten. Ist aber einmal zugestanden, daß Klarheit und Deutlichkeit keine bloßen Charaktere der Gegebenheit, nicht selber ein Gegebenes sind, dann kann über die Dignität der Erkenntnisse nicht länger danach befunden werden, wie klar und eindeutig sie als je einzelne sich präsentieren. Sobald Bewußtsein sie nicht als dinghaft festgestellte, gleichsam photographierbare auffaßt, gerät es in notwendigen Widerspruch zur Cartesianischen Ambition. Verdinglichtes Bewußtsein läßt die Gegenstände zum An sich gefrieren, damit sie als ein Für anderes, für Wissenschaft und Praxis verfügbar werden. Wohl darf man die Forderung von Klarheit nicht grob vernachlässigen, soll nicht Philosophie der Verwirrung verfallen und ihre eigene Möglichkeit zerstören. Was daran zu retten ist, wäre die Nötigung, daß der Ausdruck die ausgedrückte Sache genau trifft, auch wo diese ihrerseits der üblichen Ansicht eines klar Anzugebenden widerstreitet. Auch darin stünde Philosophie einem Paradoxon gegenüber: Unklares, nicht fest Umrissenes, der Verdinglichung nicht Willfähriges klar sagen, so also, daß die Momente, die dem fixierenden Blickstrahl entgleiten oder überhaupt nicht zugänglich sind, selber mit höchster Deutlichkeit bezeichnet werden. Das ist aber kein bloß formales Verlangen, sondern ein Stück des Gehalts selber, nach dem Philosophie sucht. Paradox ist dies Verlangen deshalb, weil die Sprache mit dem Prozeß der Verdinglichung sich verklammert. Allein schon die Form der Kopula, des »Ist«, verfolgt jene Intention des Aufspießens, deren Korrektur an der Philosophie wäre; insofern ist alle philosophische Sprache eine gegen die Sprache, gezeichnet vom Mal ihrer eigenen Unmöglichkeit. Zu bescheiden noch wäre die vertagende Haltung: daß die Forderung der Klarheit nicht sogleich und nicht fürs Isolierte gelte, aber durchs Ganze nach Hause käme, wie der Systematiker Hegel noch hoffen mochte, ohne im übrigen das Versprechen voll einzulösen. In Wahrheit entzieht Philosophie sich jener Forderung, aber in bestimmter Negation. Das muß sie zu ihrer Sache machen auch in der Darstellung; konkret sagen, was sie nicht sagen kann, die immanenten Schranken von Klarheit selbst noch trachten zu erklären. Sie tut besser daran auszusprechen, daß sie die Erwartung enttäuscht, sie erfülle in jedem Augenblick, an jedem Begriff und jedem Satz vollständig, was sie meint, als, vom Erfolg der Einzelwissenschaften eingeschüchtert, diesen eine Norm abzuborgen, vor der sie doch Bankrott machen muß. Philosophie hat mit dem zu tun, was nicht in einer vorgegebenen Ordnung von Gedanken und Gegenständen seinen Ort hat, wie es der Naivetät des Rationalismus dünkte, und was nicht auf jener als ihrem Koordinatensystem bloß abzubilden ist. In der Norm von Klarheit verschanzt sich der alte Abbildrealismus in der Erkenntniskritik, unbekümmert um deren eigene Ergebnisse. Er allein erlaubt den Glauben, jeder Gegenstand ließe fraglos, unangefochten sich widerspiegeln. Über Gegenständlichkeit, Bestimmung, Erfüllung jedoch hat Philosophie ebenso zu reflektieren wie über die Sprache und ihr Verhältnis zur Sache. Insofern sie permanent sich anstrengt, aus der Verdinglichung von Bewußtsein und Sachen auszubrechen, kann sie nicht den Spielregeln des verdinglichten Bewußtseins willfahren, ohne sich zu durchstreichen, wie wenig sie im übrigen auch, soll sie nicht ins Stammeln ausarten, jen e Spielregeln einfach mißachten darf. Der Spruch Wittgensteins: »Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen«, in dem das positivistische Extrem in den Habitus ehrfürchtig-autoritärer Eigentlichkeit hinüberspielt, und der deshalb eine Art intellektueller Massensuggestion ausübt, ist antiphilosophisch schlechthin. Philosophie ließe, wenn irgend, sich definieren als Anstrengung, zu sagen, wovon man nicht sprechen kann; dem Nichtidentischen zum Ausdruck zu helfen, während der Ausdruck es immer doch identifiziert. Hegel versucht das. Weil es nie unmittelbar sich sagen läßt, weil jedes Unmittelbare falsch – und darum im Ausdruck notwendig unklar – ist, sagt er es unermüdlich vermittelt. Nicht zuletzt darum appelliert er an die sei’s noch so problematische Totalität. Philosophie, die im Namen bestechend mathematisierter formaler Logik das sich abgewöhnt, verleugnet a priori ihren eigenen Begriff, das, was sie will, und wozu konstitutiv die Unmöglichkeit hinzugehört, aus der Wittgenstein und seine Anhänger ein Tabu der Vernunft über die Philosophie gemacht haben, das virtuell Vernunft selber abschafft.<<

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