.Christo documenta 4  Kassel 1968documenta-4-christo_002

Ich war im Januar 1970 im 3. Semester Fotografie an der Hochschulschule für Bildende Künste in Hamburg am Lerchenfeld. Aus unterschiedlichen Motiven war mir damals die Fotografie zu dünn, und ich überlegte, ob ich nicht wechseln sollte: Eine Option war das Studium zum Kunsterzieher. Es waren ein paar Tage gegen Ende des Wintersemesters 69/70, als eine Kommission durch die Räume ging, vermutlich wegen diverser Examensprüfungen. Rudolf Hausner war Mitglied dieser Kommission, ich durfte aus der Hochschulbibliothek meinen Fotoband „christo 5600 cubicmeter package, 4. documenta, Kassel 1968“ holen. Die Kommission war der Meinung, ich dürfte zum Kunstlehrerstudium wechseln, und Hausner fragte noch, wie ich es angestellt hätte, dass die meisten Aufnahmen den Himmel als Hintergrund hätten. Ich sagte, ich hätte beim Fotografieren meistens im Gras gelegen und aus der Froschperspektive heraus meine Aufnahmen gemacht. Von Leni Riefenstahl hatte ich damals noch keine Ahnung.

Gestern, am 18. 1. 2015, lief um 23:30 Uhr ein Film über die Riefenstahl, darin war eine kurze Szene zu sehen: Bei Dreharbeiten anlässlich der 36er Olympiade in Berlin hatte die Riefenstahl eine Vertiefung in die Erde graben lassen, um Aufnahmen von unten machen zu können. Mir kam dann heute, als ich unterm Bestrahlungsgerät lag, der Gedanke, obwohl er nicht direkt vom Sport auf die Naziherrschaft übertragbar ist, dass sich die Dienstleister des 3. Reiches, um es zu protegieren, sogar noch in die Erde eingegraben haben, um sich vorm Führer noch kleiner machen zu können, als sie eh schon waren.

Man hat sich vor den Anführern gebückt, ist in die Knie gegangen, hat sich auf den Boden gelegt oder sich sogar eingraben lassen, um die Nazi-Clique zu erhöhen.

Am Rande sei angemerkt, dass die Froschperspektive der Verherrlichung von Herrschaft dienen kann, aber nicht minder zu ihrer Demaskierung tauglich ist. Bei Ross Macdonald kommt in einem seiner Romane das Gespräch auf Hollywood, und die Dame, die dort in der Filmbranche arbeitet, sagt zu Archer: Es wäre sicherlich aufschlussreich, ein Buch über Hollywood from the worm’s-eye-view zu schreiben. Da bliebe vom Glamour nicht mehr allzu viel übrig.

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Zum Thema inszenierte Fotografie hier ein Beitrag von Ernst August. Es handelt sich um eine persönliche Erfahrung:

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Schwierigkeiten mit der Wahrheit
Ein Foto zu Richard von Weizsäcker

Bertolt Brecht sprach 1934 in Auseinandersetzung mit dem Hitler-Faschismus über „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“, Ingeborg Bachmann bemerkte in ihrer Dankrede zum Hörspielpreis der Kriegsblinden 1959, dass die Wahrheit dem Menschen „zumutbar“ sei. Angesichts dieser berühmten Persönlichkeiten erzähle ich nur eine äußerst bescheidene private Geschichte, in der von Schwierigkeiten mit der Wahrheit und ihrer Zumutbarkeit die Rede ist.

Wichtig ist bei den Schwierigkeiten mit der Wahrheit der Bote, der sie zu überbringen versucht, denn meine Mutter, von der ich berichte, hätten Informationen über das Zustandekommen eines bestimmten Pressefotos vielleicht weniger wütend gemacht, wenn irgendeine damalige Autorität Kritik an dem Foto geübt hätte, der Pastor vielleicht oder der Landrat. Der Bote aber war nur ich, der eigene besserwisserische Sohn. Das Foto fand sie toll. Es zeigte Richard von Weizsäcker, unseren damaligen Bundespräsidenten im Urlaub. Er stand lächelnd im Freizeitlook mit einem einfachen Einkaufsbeutel in der Hand vor einer Bäckerei. Das war alles. Das Foto war in unserer Tageszeitung erschienen und trug die Überschrift: „Der Bundespräsident holt Brötchen“. Meine Mutter war begeistert. „Vati sieh nur, wie bescheiden der Weizsäcker ist. Genau wie du holt er im Urlaub morgens die Brötchen.“ Ich hörte das und protestierte: „Das Foto ist manipuliert. Man hat einem Tross von Fotografen vorher Bescheid gesagt und dann dem Weizsäcker diesen lächerlichen Beutel in die Hand gedrückt, damit der Eindruck entsteht, er sei wie der kleine Mann von nebenan.“ – „Was du alles weißt“, meine Mutter wurde laut und böse, „ich kenne unseren Bundespräsidenten, das lässt er nie mit sich machen.“ Da lernte ich: zur Lüge gehören zwei. Die Lüge und die Belogene. Das Foto ist eine Lüge, da bin ich mir bis heute ziemlich sicher, aber eine zumindest von meiner Mutter gern geglaubte, ja geradezu erwünschte Lüge. Das Foto hat bei ihr Versöhnungsgefühle hervorgerufen, das Gefühl dazuzugehören, das schöne Gefühl der sozialen Gleichheit: „die da oben“ seien Menschen wie du und ich. Der Bote ist, wie gesagt, nur eine der Schwierigkeiten beim Verbreiten der Wahrheit, das Bedürfnis, Lügengeschichten zu hören, eine andere, das Bedüfnis, der „Wahrheit“ aus dem Wege zu gehen, eine dritte. Die „Wahrheit“ ist, mal abgesehen von dem Problem, dass es viele „Wahrheiten“ gibt, eine Zumtung, man geht ihr gern aus dem Weg im täglichen Einerlei des Lebens. Meine Mutter jedenfalls wollte nichts von spin-doctors hören, nichts von public relation und nichts von symbolischer Politik.

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Jeanne-Claude und ihr Sohn Cyril Christo Kassel 1968 documenta 4

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