Gestern hat Ernst August von einem Erlebnis berichtet: Fotografen inszenierten Richard von Weizsäcker während seiner Zeit als Bundespräsident als einen Menschen, der wie wir alle zum Bäcker einkaufen geht. Ernst Augusts Mutter fand, das ist ein volkstümlicher Mann, er ist, wie wir alle. Ernst August wollte seine Mutter aufklären und ihr etwas von Inszenierung erzählen, aber sie wies sein Ansinnen zurück.

Ähnliches beziehungsweise Verwandtes finde ich heute auf den Nachdenkseiten, und zwar in einem Leserbrief zu Götz Eisenbergs Aufsatz über den Extremismus der Mitte.

http://www.nachdenkseiten.de/?p=24465 (= eine Auswahl)

Liebe Redaktion, Ihr Autor spricht mir aus der Seele! Ich habe ganz ähnliche Erfahrungen gemacht:

1. Beispiel: Ein Handwerksmeister, der Hartz-4-Empfänger hasst und behauptet, Arbeitslose bekämen praktisch genauso viel Geld wie seine Mitarbeiter (denen er Tariflohn zahle) und würden es sich auf seine Kosten bequem machen (also gar nicht arbeiten wollen). Auf meinen Hinweis, wenn Arbeitslose dies tun würden, hätten sie ganz schnell Sanktionen am Hals, meinte er, das stimme nicht. Gerade einen Tag vorher war durch die Medien gegangen, dass im zurückliegenden Jahr über 1 Million Sanktionen verhängt worden seien, und 11.000 Menschen alles gestrichen worden sei. Darauf wies ich hin. Das stimme nicht, war die Antwort.

2. Beispiel: Ein wohlhabender, gut situierter Akademiker sieht bei Goldman Sachs eine „jüdische Seilschaft“ am Werk. Allerdings möchte ich auf eines hinweisen: Rassismus und braunes Gedankengut finden Sie keineswegs nur im Kleinbürgertum, sondern genauso im Bürgertum bzw. Großbürgertum. Und vergessen wir nicht: Es waren die Akademiker an den Universitäten, die zu den ersten gehörten, die braun gegrüßt haben.

Beste Grüße U. B.

Man will des Handwerksmeisters Ansichten korrigieren, aber der will es, wie Ernst Augusts Mutter, gar nicht wissen. Er weicht keinen Millimeter von seiner einmal gefassten Meinung zurück.

Ich habe auf Ähnliches vor 20 Jahren in meinem Essay über Ross Macdonald hingewiesen. Galileo Galilei bittet die hohen Herren von Kirche und Staat, durch sein Fernrohr zu schauen, damit sie sich überzeugen können, dass die Erde um die Sonne sich dreht. Die Herren verweigern den Blick, denn ihrem aristotelischen Weltbild zufolge ist die Erde der Mittel- und Fixpunkt des Universums.

Advertisements