Jens Wernicke im Gespräch mit Walter van Rossum

W. van Rossum: >>Ich bin ja durch und durch von diesen klassischen Medien geprägt. Aber wenn ich heute den Spiegel lese oder die Tagesthemen anschaue, dann bin ich kein Konsument erster Ordnung mehr, der einfach wissen will, was in der Welt geschieht und glaubt, das in diesen Medien finden zu können, sondern ein Beobachter zweiter Ordnung, den nur noch interessiert, was wollen die uns denn heute zu sehen geben. Kurzum, mich interessieren diese klassischen Organe einer wahrscheinlich immer schon fiktiven Öffentlichkeit nur noch als Produzenten und Vermittler des Weltbildes der bürgerlichen Mitte, die, wie man weiß, inzwischen etwa 95 Prozent der politischen Lufthoheit beansprucht während der verbleibende Rest bereits der freundlichen Beobachtung durch den Verfassungsschutz unterliegt.<<

Hier das ganze Gespräch:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=24698

In der Einleitung zu diesem Interview heißt es:

>>Dass den Medien in bürgerlichen Demokratien auch und vor allem die Aufgabe der „Gedankenkontrolle“ der Bürgerinnen und Bürger zukommt, hat Noam Chomsky, der meistzitierte Intellektuelle der Welt, in etlichen Publikationen herausgearbeitet und belegt.<<

Ich hatte speziell in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre als Noch-Zeitungsleser das Gefühl, gegen eine Wand zu laufen, denn am Weltbild, das vor allem TV, Spiegel und DIE ZEIT vermittelten, konnte etwas nicht stimmen. Und wenn Gräfin Dönhoff ihre Stimme gegen den Kapitalismus erhob, lästerte der Spiegel, als sei das Soziale historisch überholt, und der SPIEGELSCHREIBER gehöre zur Avantgarde einer Erkenntnis geschichtsnotwendiger Verrohung. Der Neoliberalismus wurde in allen Medien als das unvermeidlich neue Zeitalter gefeiert. Alternativen gab es noch nicht einmal mehr in Form von Gedanken. Grass und Bourdieu kamen ein-zwei-mal zu Wort, und das war alles. Die Gedankenkontrolle funktionierte nahezu perfekt, bis das Internet begann, kritische Sichtweisen auf den Weltenlauf zu ermöglichen.

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