Ich danke dem altautonomen für seinen Hinweis auf den folgenden kritischen Artikel über die tv-Übertragungen von Karneval und Fasching. Ich lege ein Geständnis ab. Schon als ich noch im Familienkreis im Kindes- und Jugendalter Fernsehen guckte, war für mich die schlimmste Zeit des Jahres, es waren die Tage der Jecken. Bei Mainz wie es singt und lacht verging mir regelmäßig die Laune. „Kamelle, Bützje, de Zoch kütt! . Endlich vorbei. : Über das kalendarische Humordiktat : Man gönnt Düsseldorf, Mainz und Köln jeden Moment des Frohsinns. Aber ist es notwendig, weite Teile des öffentlich-rechtlichen Abendprogramms über Wochen mit lokalem Brauchtum zu fluten? Brauchtum auf dem Niveau einer Après-Ski-Party in Saalbach-Hinterglemm? Ist es erforderlich, 39 Millionen Fernsehhaushalten in mehr als 200 Programmstunden regionale Schrulligkeiten in den Schoss zu kippen? „Wetten, dass …?“ haben wir in Würde sterben lassen. Aber sobald sich irgendwo ein rheinischer Komiker, der einmal im Jahr aus dem Keller kommt, die Schnabelschuhe überstreift, reist das Fernsehen in Mannschaftsstärke an und rollt die Kabel aus. In knapp 40 Sendungen – allein 24 im WDR und fünf in der ARD – ergießt sich bis zum Aschermittwoch Karnevalistisches über das ermattete Volk. Denn wo gibt‘s das schon noch? Wo haben Sexismus, Geschlechterklischees und mittelalterliche Machokultur noch eine Heimat? Wo sonst dürfen erwachsene Männer Zwölfjährigen auf die Beine starren? Wo sieht man noch Marionettenpantomime mit selbst gebastelten Aufziehschlüsseln am Rücken? Wo hört man noch Witze aus dem Holozän des Humors („Schwäbische Tomatensuppe? Heißes Wasser in einem roten Teller“ – Tätäh!)? Und wo sonst werfen sich stramme Sitzungspräsidenten derart devot vor örtlichen Honoratioren in den Staub? Hier, im Land des zwanghaften Lachens. (Quelle: Leipziger Volkszeitung) Hier noch eine Ergänzung von Robert Walser mit dem Titel . Pierot Auf den Maskenball war auch ein langer, hochaufgeschossener, ungelenkiger Gesell gekommen. Er nannte sich Pierot. Vielleicht wäre es für ihn besser getan gewesen, hübsch ruhig zu Hause zu bleiben und zwischen seinen eigenen vier Wänden Trübsal zu blasen, als hier im schönen Vergnügungssaal durch Langeweile hervorzuragen. Er schlenkerte und schleuderte die langen Arme hin und her. Es sah zum Verzweifeln aus, wie er seinen Kopf zur Erde hängen ließ. Wo wollte er hinaus mit sich, und was gedachte er auf dem lustigen Maskenball zu beginnen? Übermütig tanzten die Liebespaare rund um ihn herum. O wie schön die Kerzen strahlten, wie süß die Musik spielte! War es nicht, als wenn Mondstrahlen in den Saal hineinfliegen? Pierot legte sich, wie ein geschlagener Hund, in einen Winkel an den Boden und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Unterdessen wirbelte und wedelte und hüpfte, einem artigen, guterzogenen Hündchen gleich, die Tanzlust hin und her. Gläser klirrten, Pfropfen knallten, Wein wurde getrunken, und Gelächter ertönte. Ein glühender Verehrer hatte die Geliebte und abgöttisch Verehrte aus den Augen verloren und suchte sie. Ein anderer, vom Entzücken hingerissen, kniete vor der Dame seines Herzens nieder. Zwei Glückliche küßten und liebkosten sich. Jedermann schien das Seinige zu haben. Alles war bewegt; alles war in Bewegung. Nur er, der arme, arme Pierot, war unbeweglich. Für ihn gab es keine Lust. Er begriff sich selbst und die Welt nicht. Leblos, einer weißen Statue ähnlich, oder einem Gemälde ähnlich, lag er da und schaute verständnislos vor sich hin. Ein kaum merkliches trauervolles Lächeln spielte ihm um die blassen Lippen. Sein Gesicht war ganz mehlern. Er hatte sich gepudert, der Dummkopf. Armer Dummkopf, armer Bursche! Wo alles außer sich war, wo alles lebte und lachte, wo alles, was Beine hatte, tanzte und Luftsprünge machte, glich er dem tödlich getroffenen Verwundeten, verblutend an den spitzfindigen, dolchähnlichen Melancholien. Ja, er hätte zu Hause bleiben sollen. Derlei hoffnungslose Menschen sollen der Lust, dem Glanz, dem Glück und der Freude fernbleiben. Sie sollen in der Einsamkeit leben.
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The Project Gutenberg EBook of Kleine Dichtungen, by Robert Walser

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