Günter Grass starb wie Hermann Schweppenhäuser im Alter von 87 Jahren. Noch im Tod machen die Medien Unterschiede, das heißt, beachtet wird, wer ihrer Meinung nach bedeutend war. Bei gooogle weist ein Link auf ZEIT ONLINE:

Günter Grass: „Sein Tod ist ein schwerer Verlust“

Als mein Hund 2001 starb, als meine Katze 2013 starb, war das ein schwerer Verlust für mich. Weder hat damals ein Bundespräsident noch ein Szenekünstler wie Klaus Staeck kondoliert.

Doch zurück zu meinem Ausgangspunkt: Hermann Schweppenhäuser ist tot. Da ihn nicht jeder kennt, will ich ihn kurz vorstellen:

schweppenhaeuser

Ich habe im Wintersemester 1971 ein Referat über Sprache bei Adorno verfasst. Daraus entwickelte sich das Bedürfnis, mit einem Vertreter der Kritischen Theorie Kontakt aufzunehmen. Hermann Schweppenhäuser lehrte in der Nähe von Hamburg, wo ich studierte, er lehrte in Lüneburg Philosophie. Ich schrieb ihm einen Brief, erhielt aber keine Antwort. Etwa ein halbes Jahr später rief ich seine Privatnummer in Lüneburg an. Seine Frau war am Telefon und fremdelte zunächst, hielt gleichsam die Haustür geschlossen. doch als ich ihr erklärte, worum es ging, öffnete sie die Tür, und ich hatte plötzlich das Gefühl, ich könne durchs Haus hindurch nach hinten in den Garten blicken, denn sie sagte, ihr Mann arbeite dort, und sie hole ihn ans Telefon.

So entstand ein Kontakt, der viele Jahre andauerte. Ich fuhr zu seinen Vorlesungen und Seminaren nach Lüneburg. Eindrücklich war besonders das Seminar über Hegels Phänomenologie des Geistes. Bezeichnend für Schweppi, wie ihn seine Studenten nannten, war seine Körpersprache, sein Gestikulieren beim Sprechen. Er dachte mit dem ganzen Körper. Ich fotografierte ihn einmal im Hegelseminar die ganze Stunde über, ihm waren aber die Fotos, die ich ihm eine Woche später überreichte, peinlich. Ich glaube, er zeigte sie wohl keinem in seiner Familie.

Gelegentlich besuchte ich ihn zu Hause, als er noch nicht in Deutsch-Evern wohnte. Danziger Goldwasser erinnere ich noch, das er mir anbot. Als Student, der seiner selbst noch sehr unsicher war, wurde man von ihm bestätigt, vornehmlich mit den Worten: „Hervorragend“, „ausgezeichnet“. Doch an einem der Nachmittage, an dem ich bei ihm war, rief ein Handwerker an. Und Hermann Schweppenhäuser sagte zu dem Mann am Telefon: „Hervorragend“, ausgezeichnet“. Für mich beinhaltete das damals eine Entwertung der Lobpreisung der geistigen Fähigkeiten meiner Person.

Nichtsdestotrotz – Franz-Josef Worstbrock, Mediävist an der Uni Hamburg, hatte mich 1973 für ein Begabtenstipendium vorgeschlagen – war Professor Schweppenhäuser mit von der Partie, das heißt, er verfasste ebenfalls ein Gutachten für mich, das mich allerdings ein wenig irritierte, da er im Gutachten jenen Typus von Sprache verwendete, den Adorno in seinem Essay über den Jargon der Eigentlichkeit kritisiert hatte. Schweppenhäuser schrieb, dass ich von Adorno ergriffen sei, eine Formulierung, die aus heutiger Sicht wohl stimmte, mir aber damals peinlich war.

Ich konnte mit ihm auch über persönliche Erlebnisse sprechen, so unter anderem über etwas, das mir besonders in Hamburg widerfuhr. Ich hatte mich fünf Jahre zuvor in Kassel aufs Heftigste in ein Mädchen verliebt, die mich nach drei Monaten abrupt fallengelassen hatte. Jedes Mal wenn mir in der U-Bahn oder in der Uni ein Mädchen begegnete, das mich mit einer winzigen Kleinigkeit, mit einem Lächeln, mit der Form der Augen oder mit etwas anderem an die große Liebe erinnerte, durchzuckte es mich. Ich erzählte Schweppi, dass mir das Leben leer erschien, dass mir das Christentum nach dem Motto „Jesus liebt dich“ wie eine hohle Phrase vorkam, und erst durch die große Liebe hätte mein Leben einen lebenswerten Inhalt bekommen, sagte er: Es sind die Splitter des Absoluten, die mich berührten, die mich träfen.

Drei kleine Ereignisse möchte ich noch erwähnen: Ich war befreundet (Ende der 60er und in den 70ern) mit der Familie von Dr. Gustav Wiedemann. Er war Rechtsanwalt und Geschäftsführer des norddeutschen Bühnenvereins und Sprecher der Hamburger Privattheater. Ich schlug ihm anlässlich einer mehrtätigen Theaterveranstaltung Hermann Schweppenhäuser als Referenten vor, was er auch akzeptierte, und so kam es zu einem sehr anregenden Vortrag in der Musikakademie in der Milchstraße in Pöseldorf. Grundgedanke in dem Vortrag war, dass Schauspieler in früheren Jahrhunderten überwiegend zum fahrenden Volk gehörten und dass sie infolge ihrer Nichtseßhaftigkeit von den Einheimischen argwöhnisch beäugt wurden und als nicht seriös galten.

Hermann Schweppenhäuser erzählte mir, dass seine Tochter, die in Dänemark lebte, Bücher von Adorno, die in fremde Sprachen übersetzt waren, sammelte. 1975 hatte ich Gelegenheit, einen Tag von Österreich aus nach Jugoslawien zu fahren, und dort entdeckte ich eine Ausgabe der Dialektik der Aufklärung in serbokroatischer Sprache. Ich kaufte das Buch und nahm es später mit nach Lüneburg. Enttäuscht war ich darüber, dass Hermann Schweppenhäuser sich dafür nicht bedankte.

Die letzte Episode spielte sich in seinem in einem Waldstück stehenden neuen Haus in Deutsch-Evern ab: Ich hielt mich in den Semesterferien oft bei Freunden im Haus auf, das direkt unterhalb eines Waldes stand. Entsprechend oft gab es Ameisen im Haus, die dort nicht willkommen waren, zumal die Ameisen in großer Anzahl aus Ritzen in der Küche quollen. Man war dort gleichsam genötigt, die Tiere zu entfernen.

Und bei Schweppenhäuser liefen in der Küche plötzlich 5 Ameisen über die Arbeitsplatte. Ich wollte sie erschlagen, aber er fiel mir in den Arm und hinderte mich an meinen mörderischen Absichten.

Noch heute muss ich an ihn denken, wenn ich Tierchen in der Wohnung sehe und sage einen Vers von Villon vor mich hin: Es ist kein Tier zu klein, das nicht könnte dein Bruder sein.

In der Zeitung las ich nun gestern, er habe sich aufgrund seiner altersbedingten Hinfälligkeit in ein Altenheim in Würzburg begeben, um in der Nähe der Familie seines Sohnes zu sein. Was mich berührt, dass dieser sehr wissende, kluge, umfangreich gebildete Mann „plötzlich“ so hilflos war. Im Alter werden wir wieder zum Kind. Nicht im Sinne einer Infantilisierung, sondern im Hinblick auf die Abhängigkeit von Hilfe. Zuletzt habe ich ihn auf der Beerdigung von Ulrich Sonnemann im April 1993 gesehen. Vor 22 Jahren.

Mit Hermann Schweppenhäuser ist eine ganze Bibliothek gestorben.

 

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