Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband zur anschwellenden Diskussion über Armut oder nicht in Täuschland:

>>Panik scheint sich auszubreiten. Jetzt werden unsere Berichte schon kritisiert, bevor wir sie überhaupt vorgestellt haben. Hier eine dpa-Meldung von heute Morgen vor unserer PK mit unserem Jahresgutachten 2015: Zitiert wird ein Herr Schröder vom Otto-Suhr-Institut: „Ein Grund, warum solche Berichte immer wieder auf Aufmerksamkeit stoßen, sei, dass sie moralisch daherkämen. ‚Alles, was moralisch aufgeladen ist, kommt gut an‘, sagte der Politikwissenschaftler, ‚jeder, der idealistisch eingestellt ist, hat den Impuls, etwas gegen Missstände zu tun‘. Oft gehe es bei solchen Darstellungen auch darum, politische Ziele nach mehr Umverteilung zu untermauern.“
Ach wirklich? Und was soll daran falsch sein? Gar nichts! UmFairTeilung tut not!<<

Quelle: Einmal Ulrich Schneider auf facebook und zum zweiten, der Herr Schröder, vermutlich Proff am Otto-Suhr-Institut zu Berlin, er ist dort Leiter der Arbeitsstelle Politik und Technik:

http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2015-04/33535826-roundup-waechst-die-armut-wirklich-kritik-an-sozialverbaenden-016.htm

Dieses Fundstück ermöglich mir in knapper Form, einen der Gründe zu nennen, warum ich in letzter Zeit so wenig eigene Texte verfasst habe: Der immergleiche Schwachsinn der neoliberalen Asozialen ermüdet.

Ich zitiere den Herrn Schröder  nach Schneider, noch mal:

>>Alles, was moralisch aufgeladen ist, kommt gut an, jeder, der idealistisch eingestellt ist, hat den Impuls, etwas gegen Missstände zu tun.<<

 

Neoliberale kappen gern, was sie stört, zum Beispiel die Moral. Die Herabsetzung der Moral war Ende des letzten Jahrtausends schon eine der üblen Kampagnen der Presse, allen voran der SPIEGEL. Ich habe damals darauf unter anderem mit den folgenden Textabschnitten reagiert, die mir im April 2015, also 17 Jahre später, aktueller denn je erscheinen:

>>Heute, gegen Ende unseres Jahrhunderts, erleben wir die Renaissance eines extremen Laissez-faire-Kapitalismus. Denkmuster, die soziale Gerechtigkeit verächtlich machen, drängen sich machtvoll in den Vordergrund, determinieren die Wahrnehmung und werden von Intellektuellen unter dem Begriff der Globalisierung – mit einem Schuß Postmoderne – als unaufhaltsam verkauft. Wissenschaftler liefern – ohne Not – erneut Begründungen für die unabänderlich darwinistische Natur des Menschen, für das Recht des Stärkeren, für die unersättliche Gier nach Reichtum und damit nach Macht; sie liefern mit dem Vokabular des Fortschritts Rechtfertigungen für die in Wirklichkeit uralte Inhumanität. Brutalität und die rücksichtslose Durchsetzung materieller Interessen werden als auf der Höhe der Zeit befindlich angesehen, weil sie sich grenzüberschreitend, eben global, austoben können. Alle kritischen Argumente, die jemals in der Geschichte über die Mentalität des Haben- und Besitzenwollens geäußert worden sind, haben sich – mit Hilfe des Dekonstruktivismus – in Luft aufgelöst, gelten als historisch überholt. Gunter Hofmann raunt bedeutungsvoll in der ZEIT: „Und wem gilt das ‘Soziale’ nicht als europäisch verstaubt?“

Doch die Gegen-Frage bleibt, ob das Soziale wirklich überholt ist oder ob nicht vielmehr mit der globalisierten Brutal-Ökonomie ein Denken in die Köpfe schwappt, das voraufklärerisch ist und von dem man glaubte, es gehöre einer vergangenen Zeit an. Aufklärung und Idealismus erhofften sich von der Verwirklichung des Individuums, von der gleichmäßigen Entfaltung aller seiner Kräfte den universell gebildeten Menschen und damit die Überwindung kleinstaatlichen Denkens. Dasjenige aber, was sich derzeit als herrschendes Prinzip ausbreitet, ist nicht universell, sondern bloß entgrenzt; es handelt sich um ein sehr reduziertes, partikulares Bild vom Menschen: unverhohlene Raffgier wird zum Maßstab für einen weltweit dominanten Sozialcharakter, und die Rationalisierung einer rücksichtslosen Bereicherungsmentalität durch die Wiederbelebung alter Feindbilder und Vorurteile wird zum fortgeschrittensten Bewußtsein der Gegenwart gekürt. Das Feinbild par excellence ist das Prinzip der Solidarität und der Mitmenschlichkeit selber, denn es besagt, denen zu helfen und mit denen zu teilen, die der Hilfe bedürfig sind.<<

Ende des Textes von 1998

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PS.von heute:

Die Armuts-Relativierer, die, die Armut per definitionem zum Verschwinden bringen, sagen gern, wenn eine Reihe von Leuten Milliarden hätten und die anderen Millionen, dann wären die Millionäre auch arm. Die Rechnung könnte stimmen, wenn die Relativierer auch daran denken würden, dass dann vermutlich die Konsumgüter astronomische Preise hätten. Während der galoppierenden Inflation in den 1920er Jahren gab es eine Menge armer Millionäre. Die neoliberale Logik ist oft genug eine Scheinlogik, denn man setzt Zahlen so ein, wie es passt und vergisst, wie in diesem Fall, zu erwähnen, dass vermutlich auch die Lebenshaltungskosten höher wären. Der Paritätische Wohlfahrtsverband geht von realen Zahlen, also von der hier und jetzt gelebten Wirklichkeit aus; die neoliberalen Relativierer von einer fiktiven Situation, von einer phantasierten Wirklichkeit, von einer Irrealität. Ob das nicht „Idealismus“ ist?

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