„This police department does not tolerate dissent.“

anlässlich des 85 geburtstages von clint eastwood publiziere ich einen älteren beitrag von mir aus dem jahre 2009. changeling ist der film von ihm aus jüngerer zeit, der mich am stärksten angesprochen hat.                                           —–

Ich habe mir vergangene Woche diesen Film von Clint Eastwood angesehen: Angelina Jolie spielt eine alleinerziehende Mutter, deren Sohn verschwunden ist, als sie eines Abends von der Arbeit nach Hause kommt.

Was ich an dem Film bemerkenswert fand, ist die Art und Weise, wie ein Polizist (und dessen Chef im Hintergrund) sich kraft ihrer Macht und Autorität die Realität zurechtbiegen, zurechtlügen und dann ihr falsches Verhalten auf die Mutter projizieren und sie als die Schuldige dastehen lassen. Der Mutter wird ein fremdes Kind als ihr eigenes untergeschoben, damit das Los Angeles Police Department (LAPD in den 1920er Jahren) der Öffentlichkeit demonstrieren kann, wie effektiv es arbeitet.

Dieses Kind hat ihr Sohn zu sein, egal, was sie selbst dazu sagt.

Der Film ist ein „Lehrstück“ über das Verhältnis von Sprache der Macht, also über das, was die Mächtigen (und Korrupten) als Realität behaupten und eigener, subjektiver Wahrnehmung ihrer Opfer. Die Macht versucht der Mutter ihr eigenes Urteilsvermögen auszureden. Das nimmt sogar absurde Züge an: Die Mutter hatte ihren eigenen Sohn vor seinem Verschwinden hin und wieder an den Türrahmen des Badezimmers gestellt, um seine Körpergröße zu messen und anzuzeichnen. Der ihr untergeschobene Sohn erweist sich als eine Handbreit kleiner. Sie bittet den >police officer< um Hilfe. Der schickt ihr einen korrupten Arzt vorbei, der sich die Striche auf dem Türrahmen ansieht und dann behauptet, ein Kind könnte durch ein Schockerlebnis schrumpfen.

Da Clint Eastwoods Film, trotz einer sehr grausamen Wendung, den Kampf zwischen den Lügen der Macht, an denen sich auch das psychiatrische Krankenhaus (die Schwestern, Pfleger und der Chefarzt) auf faschistoide Weise beteiligt, also den Kampf zwischen machtgestützter Verlogenheit und authentischer Wahrnehmung in den Vordergrund stellt, halte ich ihn für empfehlenswert. Nicht zuletzt auch deshalb, weil dieser Kampf übertragbar ist auf den zwischen neoliberaler Propaganda und Wahrheitsfindung.

http://www.youtube.com/watch?v=57_t2BFZaK8&feature=related
PS.: Empfehlenswert im Rahmen der Thematik „Verunsicherung der eigenen Wahrnehmung“ ist ein Film von 1954: „Zeugin eines Mordes“ (Witness to Murder) mit Barbara Stanwyck.

Man kann anhand des Trailers ahnen, worum es geht:

http://www.youtube.com/watch?v=LHYaZ1aQE-Q

PS. zum Clint-Eastwood-Film:

1.Dieser enthält einige Szenen, die deutliche Parallelen zum Faschismus in Deutschland aufweisen. Polizisten erschießen Männer, die sich in einer Reihe haben aufstellen müssen, von hinten.

2.Der Reverend (John Malkovic) konstatiert die Korruptheit der Polizei, die ihre Entsprechung hat in der allgemeinen Bereicherungssucht und der Habgier.

3. Der Film spielt gegen Ende der zwanziger Jahre und zu Beginn der dreißiger, d. h. das Phänomen der Vorherrschaft der Habgier, die zur Großen Rezession geführt hat, hat ihre Entsprechung zur Gegenwart.

4. Der Polizist, der die Mutter unterdrückt, ist ein Meister der Verdrehungen. Er wirft ihr vor, sie leide an Wahrnehmungsstörungen und an Realitätsverlust. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie präzise „Übeltäter“ Begriffe finden, wie sprachmächtig sie sind in der Benennung dessen, was sie tun – nur sie wenden das, was sie so treffend sagen, nicht auf sich selbst an, sondern projizieren es auf ihre Opfer, das durch die Projektion zuallererst zum Opfer wird.

5. Die propagandistische Verdrehungen der Tatsachen, die in diesem Film gezeigt werden, haben deutliche Parallelen zu unserer Gegenwart.

PS. vom 22. Febr. 2009: Hintergrund-Informationen zu diesem Film hier:

http://bigdocsfilmclub.blogspot.com/2009/01/changeling-der-fremde-sohn.

Dort heißt es unter anderem sehr zutreffend:


>>Wer ‚Changeling’ vor diesem Hintergrund sieht, muss mit Entsetzen die eiskalten Dialoge zwischen Christine und dem Psychiater betrachten, der mit sichtbarem Vergnügen jede Regung der ausgelieferten Frau in ein psychopathologisches Symptom verwandelt, für das er die probate Fachsprache bereithält. Hier gibt es kein Entrinnen und Eastwood nähert sich besonders in diesen Szenen dem eigentlichen Hauptthema des Films: der Macht der Sprache.
Es ist nicht nur der Psychiater (der für das LAPD arbeitet), der mit Worten jene Wirklichkeit schafft, die es zu schaffen gilt; es ist auch die Macht der leicht manipulierbaren Medien, die sich in einer Sprache widerspiegelt, die Einfluss auf die Masse hat und selbst den Mächtigen die nackte Angst einjagt. Es ist die Autorität der Sprache, die Christine eine absurde Realitätswahrnehmung aufzwingen will und der Mutter die Fähigkeit abspricht, ihren eigenen Sohn zu erkennen. Und es ist die Sprache, die zum Widerstand befähigt.
In ‚Changeling’ ist es der Pfarrer Briegleb (John Malkovich), der geistliche Vorstand der presbyterianischen Gemeinde, der die korrupte Polizei nicht nur in seinen Predigten, sondern auch über den kirchlichen Rundfunksender angreift – ein mächtiges Medium, das nicht so leicht auszuschalten ist. Briegleb ist es auch, der Christine aus der Psychiatrie befreit und letztlich auch Code 12 beseitigt (tatsächlich wurde Christine Collins entlassen, weil der ihr untergeschobene Junge endlich zugab, nicht ihr Sohn zu sein – das vagabundierende Kind hatte sich nicht ohne Zutun der Polizei als Walter Collins ausgegeben, um endlich einmal in die Stadt seines Westernhelden Tom Mix zu kommen).
Pfarrer Briegleb wird in ‚Changeling’ als pragmatischer Visionär gezeigt, der früh erkennt, dass dem Gewaltmonopol einer rechtsfrei operierenden Staatlichkeit nur durch den gezielten Einsatz eines Massenmediums beizukommen ist. Eine zweischneidige Erkenntnis, die spätestens dann nicht mehr optimistisch stimmt, wenn die Gerechtigkeit unter die Räder der Medien gerät.<<