Renate Beckers war Chefsekretärin beim Handelsblatt. Sie zitiert aus der heutigen Ausgabe des Handelsblatts auf facebook, und ich übernehme es auf meinen Blog, weil sich für mich deutliche eine Ähnlichkeit zu Kafkas Text „Auf der Galerie“ zeigt.

ELMAU by Handelsblatt

Meinung eins: Deutschland hat eine gute Figur gemacht. Die bayrische Landschaft war malerisch, die Demonstranten blieben friedlich und unsere Kanzlerin – mittlerweile die Dienstälteste im Kreise der Sieben – überzeugte als Gastgeberin. Nachdem die Schlusserklärung ein ehrgeiziges Klimaziel enthielt, konnte sich selbst Greenpeace ein Lob nicht verkneifen: „Elmau hat geliefert.“

Meinung zwei: Es wäre untertrieben zu sagen: Die großen geopolitischen Konflikte – der Schwelbrand in der Ukraine, das Griechenland-Drama, die explodierende westliche Staatsschuld, das Flüchtlingssterben im Mittelmeer – wurden nicht gelöst. In Wahrheit wurde nicht einmal versucht, sie zu lösen. Die „westliche Wertegemeinschaft“ (Merkel) begnügte sich damit, das Gleichgewicht der ungelösten Probleme zu erhalten. Sieben Regierungschefs und 17.000 Sicherheitsleute verteidigten den Status quo.

KAFKA:

Auf der Galerie
Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf dem Pferde schwirrend, Küsse werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses Spiel unter dem nichtaussetzenden Brausen des Orchesters und der Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind – vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, rief das – Halt! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters.
Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt, zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen; der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt begibt; sich nicht entschließen kann, das Peitschenzeichen zu geben; schließlich in Selbstüberwindung es knallend gibt; neben dem Pferde mit offenem Munde einherläuft; die Sprünge der Reiterin scharfen Blickes verfolgt; ihre Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen Ausrufen zu warnen versucht; die reifenhaltenden Reitknechte wütend zu peinlichster Achtsamkeit ermahnt; vor dem großen Salto mortale das Orchester mit aufgehobenen Händen beschwört, es möge schweigen; schließlich die Kleine vom zitternden Pferde hebt, auf beide Backen küßt und keine Huldigung des Publikums für genügend erachtet; während sie selbst, von ihm gestützt, hoch auf den Fußspitzen, vom Staub umweht, mit ausgebreiteten Armen, zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem ganzen Zirkus teilen will – da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.

Anmerkung:

Wenn Merkel etwas aus ihrer DDR-Vergangenheit übernommen hat, dann die Kunst der positiven Inszenierung von Scheiße. Ein Beispiel dafür ist für mich dieses Aufstellen der tonangebenden Politiker auf einer brettartigen Unterlage, von der aus sie Richtung Kamera winken.

Die Welt liegt in Trümmern, und die Führer der Welt winken uns zu.

Wer – im Gegensatz zu Kafka – die zwei Perspektiven nicht kritisch reflektiert, ist ein Dummkopf.

Ergo: Wir werden von Dummköpfen regiert, von Produzenten primitiven Scheins.

Wir weinen, und manche von uns wissen es auch.

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