Der Anarchismus lebt!

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Chaos und Anarchie breiten sich aus. Nur noch an Sonnentagen überglänzt Demokratie die Risse im Gesamtsystem. Es gibt genügend Anzeichen dafür, dass diejenigen, welche die Lage erzeugt haben, sich auf eine Welt des „Rette-sich-wer-kann“ vorbereiten. Eine Rezension von Hans Jürgen Krysmanski[*].

Wer sich einfach so für Monarchien und Dynastien interessiert, wird von Heathcote Williams’ Buch Die Windsors – eine schrecklich nette Familie überrascht sein. Die tief in unseren Herzen verwurzelten Klischees von einer modernen Monarchie, einer Pop-Monarchie als immer noch bester Regierungsform, um der schleichendenden Chaotisierung unserer Welt zu entgehen, werden ein für allemal zerstört. Figuren wie Angela Merkel, auf die als Königin sich Oligarchen aller Art einigen könnten, gibt es nur in Medienmärchen.

Der Mischung aus Monarchie und Anarchie entspringt der Anarchismus. Das war auch in den siebziger Jahren so, als Heathcote Williams seine subversive Kulturtätigkeit begann. Dafür stand damals der Song “God Save the Queen” der Sex Pistols:

God save the queen / The fascist regime / They made you a moron / A potential H bomb / God save the queen / She ain’t no human being / And there’s no future / In England’s dreaming / etc.

Das ist heute schon etwas anders. Heute bekommt die multimedial verbrämte Systemanarchie es mit einem ebenso raffinierten Systemanarchismus zu tun.

Der Schauspieler, Filmemacher, Dichter Heathcote Williams ist im Vereinigten Königreich eine Kulturgröße im Halbdunkel, er gibt keine Interviews, er verweigert sich. In seinen ‚Gedichten’ verbindet sich das Subjektivste mit dem Objektivsten. Seine politischen Gedichte sind, wenn es sein muss, hundert Seiten lang. Ihre Faktenbasis ist genau recherchiert. Sie entlarven das System auf tiefenwirksamere Weise als mancher Investigativ-Journalismus.

Die überall aufsprießenden höfischen Gala-Events (siehe Elmau) verschleiern ein System brutalster Verbrechen gegen die Menschheit. Man muss keinen Tunnelblick haben und ‚Reichtumsforscher’ sein, um das Allgemeine an diesem Inferno-Gedicht zu sehen. Die Windsors sind die bei weitem größten Grundeigentümer dieses Planeten. Der Besitz von Grund und Boden ist die älteste Form des Privateigentums. Reichtum in dieser und anderer Form hat sich in der Geschichte der verschiedensten Kostümierungen bedient, von der Sklavenhaltergesellschaft bis zum Kasinokapitalismus. Und immer waren Pomp and Circumstances dabei. Das Monarchie-Modell hat sich als erstaunlich export- und wandlungsfähig erwiesen. Sind nicht auch die neuen Oligarchen geil nach aristokratischen Draperien und bauen sich Karikaturen von Versailles?

Heathcote Williams’ Buch passt in Cover und Aufmachung auf jeden Bestseller-Stapel der Bahnhofsbuchhandlungen. Der editorische Aufwand (samt Abdruck der englischen Originalfassung) ist bemerkenswert. In der englischen Ausgabe (2012), die dort weitgehend totgeschwiegen wird, war der Buchtitel zwar harmloser (Royal Babylon), das Titelbild der Queen aber umso abstoßender und geradezu, wie es sich für Anarchisten gehört, auf Unverkäuflichkeit angelegt.

Also: Williams’ Dekonstruktion, oder besser: Destruktion der Windsors und implizit des kapitalistischen Gesamtsystems bringt in sprachlicher Verdichtung Ungeheuerliches, das unstreitig belegbar ist, aber als normale Enthüllungsliteratur mehrere Bände beanspruchen würde. Es ist das beste neue Buch zum alten Spruch: „Hinter jedem großen Vermögen steckt ein Verbrechen“ (Honoré de Balzac).

Heathcote Williams: „Die Windsors – eine schrecklich nette Familie. Royal Babylon“, 176 Seiten, zweisprachige Ausgabe, 14,99 Euro, Westend Verlag, 8. Juni 2015

quelle: http://www.nachdenkseiten.de/?p=26488