Als ich diese Presseschau heute morgen hörte, dachte ich mir, alle Statements zusammen ergäben eine gar treffliche Grundlage für den Politikunterricht: Arbeiten Sie heraus, wie Griechenland (mit welchen Attributen) dargestellt und bewertet wird und wie die europäischen Finanzminister (die Gläubiger, die Geldgeber). Suchen sie außerhalb dieser Pressemitteilungen alternative Stimmen.

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DLF: Die Krise in Griechenland steht im Mittelpunkt der Kommentare. „Noch ist offen, welche langfristigen Folgen der Verlauf der vergangenen Tage und Wochen für Griechenland und für den Euroraum hat“, heißt es dazu in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG:
„Aber es ist einigermaßen sicher, dass das vergangene Wochenende einen historischen Wendepunkt in der Geschichte der Währungsunion markiert. Die Finanzminister des Euroraums haben sich von der griechischen Regierung nicht mehr länger an der Nase herumführen lassen. Ihre einstimmige Weigerung, das zum Monatsende auslaufende Hilfsprogramm für Griechenland noch einmal zu verlängern, war richtig und ohne Alternative. Richtig war sie schon deshalb, weil die Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras in den Verhandlungen mit den Gläubigern nicht einmal Mindestanforderungen des politischen Anstands genügte. Eine abermalige Verlängerung des Programms wäre überdies dem Eingeständnis der Eurogruppe gleichgekommen, dass sie sich von der griechischen Seite erpressen lässt“, resümiert die F.A.Z.

Die NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG bilanziert: „Die Angst vor der Staatspleite Griechenlands und dramatischen Folgen für die gesamte EU nimmt zu. In diese Lage hat sich die Athener Regierung aus Sozialisten und Rechtspopulisten manövriert. Sie hat die Geduld der Eurofinanzminister überstrapaziert und ist nun isoliert. Nach dem Verhandlungsmarathon auf einmal eine Volksabstimmung anzukündigen, das ging zu weit. Dabei hat die Syriza-Regierung nicht nur eine letzte Chance bekommen, sondern eine allerallerallerletzte. Die Geldgeber wären Athen weit entgegengekommen. Aber nach wie vor sind Ministerpräsident Tsipras und Finanzminister Varoufakis nicht bereit, sich auf ernsthafte Reformen und Sparmaßnahmen einzulassen. Daher ist die Verärgerung in den anderen Euroländern nur zu verständlich“, folgert die NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG.

Auch die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG geht auf das kurzfristig angekündigte Referendum über die Forderungen der Geldgeber ein: „Es ist der Syriza-Regierung unbenommen, die Griechen zu befragen, ob sie ihr folgen wollen. Allerdings tut sie das zwei Minuten nach zwölf, sodass es wie eine Finte aussieht. Und weil es derzeit nicht einmal einen ausformulierten Vorschlag der EU-Troika gibt, kann der auch nicht Gegenstand eines ‚Volksentscheids‘ werden. Außerdem hat Tsipras dem Volk schon Wegweisung gegeben, wie es stimmen soll, nämlich gegen ‚Ultimaten‘ und ‚Demütigung‘. Sollte das Plebiszitnächsten Sonntag stattfinden, wird es möglicherweise Tsipras stärken – in Griechenland. Es wird aber nichts daran ändern, dass die anderen 18 Regierungen der Euro-Zone, die ebenfalls demokratisch legitimiert sind, das anders sehen“, stellt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG klar.

Die AUGSBURGER ALLGEMEINE sieht das ähnlich: „Selten zuvor agierten die Mitglieder der Währungsunion so geschlossen gegenüber der unzuverlässigen griechischen Regierung, die es geschafft hat, innerhalb von nur sechs Monaten das eigene Land vor die Wand zu fahren. Selbst wenn man darüber hinwegsehen will, wie Tsipras die Regeln der Diplomatie mit Füßen getreten hat, als er seine Partner in Brüssel eben noch anlächelte, um sie dann zu Hause dermaßen zu brüskieren, bleibt das Referendum alles andere als demokratisch: Weil es keine verabschiedete Liste von Reformvorschlägen gibt, über die man abstimmen könnte. Und weil die Regierung nicht informiert, sondern suggeriert“, kritisiert die AUGSBURGER ALLGEMEINE.

„Glücklicherweise sind die Bürger meist klüger als die Politik annimmt“, werfen die STUTTGARTER NACHRICHTEN ein: „Jeder Euro, den die Griechen in diesen Tagen abheben, ist ein Misstrauensvotum gegen die Regierung Tsipras; und eine neue Umfrage zeigt, dass inzwischen weit mehr Griechen für eine Einigung mit der EU sind als dagegen.“

Die FRANKFURTER RUNDSCHAU schreibt angesichts der Zuspitzung der Krise: „Leider muss man ein halbes Jahr nach dem Machtwechsel in Athen feststellen, dass dieser griechischen Regierung nicht nur die Erfahrung fehlt. Ihr mangelt es am europäischen Geist. Zu keinem Zeitpunkt wollte sie das Schuldenproblem ihres Landes gemeinsam mit den anderen europäischen Regierungen lösen, sondern immer gegen sie. Statt auf Kompromisse und Zusammenarbeit setzt sie auf Erpressung und Konfrontation. Dabei sind die Gläubiger den Griechen in vielen Punkten wie dem Haushaltsüberschuss weit entgegen gekommen. Die Verantwortung für die Eskalation trägt also Tsipras selbst“, folgert die FRANKFURTER RUNDSCHAU.

Die Zeitung DIE WELT geht noch einen Schritt weiter: „Vieles spricht dafür, dass Tsipras von Beginn an den Grexit als eine mögliche, vielleicht sogar für ihn attraktive Variante im Kalkül hatte. Zwar will das Gros der griechischen Bürger den Euro behalten. Schon deshalb hat der Linkspopulist vor und auch nach seiner Wahl im Januar einem Ausstieg eine Absage erteilt. Doch seine taktischen Manöver in den vergangenen fünf Monaten sprechen eine andere Sprache. Sie ergeben im Rückblick plötzlich einen Sinn, wenn man ihm ein doppeltes Spiel unterstellt. Sein Volk hat er in eine aufgeheizte Stimmung versetzt. Der Internationale Währungsfonds, die EZB und vor allem Bundeskanzlerin Merkel wurden zu Feinden stilisiert. Tsipras braucht die Legende vom Verrat am Volk, um die Chance zum Machterhalt nach einer Staatspleite zu haben“, erklärt die Zeitung DIE WELT.

„Ganz Rest-Europa war wohl zu blauäugig“, heißt es in der THÜRINGISCHEN LANDESZEITUNG aus Weimar: „Die Hoffnungen auf ein Aufwachen in Athen waren ohne Substanz. Man hätte früher sehen müssen, dass der Syriza-Kurs ein wohlkalkulierter Crash mit denen war, die das Ganze bezahlen sollten. Nun wird es wohl sehr teuer, und zwar für Europas Steuerzahler.“

„Noch ist nichts zu spät“, meint dagegen die BERLINER ZEITUNG: „Und wie immer in Konflikten, muss der Klügere nachgeben. Also Europa. Klug wäre jetzt, den Griechen vor dem Referendum ein Angebot zu machen, das das Volk nicht ablehnen kann. Ein Moratorium für die Schulden zum Beispiel, selbstverständlich mit Auflagen. Wer von Griechenland jetzt verlangt, dass es Verantwortung übernimmt, muss ihm Bewegungsspielräume lassen. Alexis Tsipras hat sein Land an den Abgrund geführt, helfen wir ihm, den Weg zurück zu finden“, lautet der Appell der BERLINER ZEITUNG.

Aus Sicht des FLENSBURGER TAGEBLATTS stehen die Chancen dafür schlecht: „Nun ist das Kind im Brunnen, und es wird ertrinken, wenn nicht noch Wunder geschehen. Das Ende ist eine Tragödie, vor allem für die gebeutelten Griechen selbst. Es ist aber auch ein Schauspiel zum Fremdschämen weit über die Währungsfrage hinaus. Wie oft treten wir mit stolzgeschwellter Brust anderen Völkern gegenüber und reden von abendländischen Werten? Hier haben wir ein vergleichsweise überschaubares Problem untereinander nicht lösen können. Die Griechen haben Europa in eine Krise gestürzt, von der sich die EU nur schwer erholen wird“, prognostiziert das FLENSBURGER TAGEBLATT.

Die LANDESZEITUNG aus Lüneburg sieht ebenfalls Fehler auf beiden Seiten: „Die Mischung aus gegenseitigen Schuldzuweisungen und Zockerei auf dem Rücken der Griechen und der Steuerzahler in der gesamten Eurozone ist unerträglich. Und noch lange nicht beendet. Richtig ist: Hellas kann nur wieder auf die Beine kommen mit harten, einschneidenden Reformen, die auch umgesetzt werden. Klar ist auch, dass Athen die Schulden weder in naher noch in ferner Zukunft zurückzahlen kann. Die Euro-Partner werden einen großen Teil ihrer gewährten Kredite abschreiben müssen. Alles andere wäre illusorisch“, unterstreicht die LANDESZEITUNG.