Richard Albrecht
I.
Im nachbarlichen duckhome-Blog kritisierte Jochen Hoff zu Recht die rechtspolitische Entwicklung des weiland RAF-Strafverteidigers, grünen Politprofis und späteren Bundesinnenministers beider Schröderfischerkabinette (1998/2005), Otto Schily. Am 17. August 2015 ergänzte ich (s. http://duckhome.net/tb/archives/13733-Die-sonderbare-Entwicklung-des-Otto-Schily.html#comments):
„Über die RAF, deren Lautsprecher P. Brückner ich im Mai 1972 von links kritisierte, hier kein Wort, mein RAF-terroristisch-kritisches Stück AbRechunG aus dem Herbst 1995 ist bisher unaufgeführt, meine Pole-mik Mahler, Meinhof, Baader – waren ihre Kader (2012) steht hier im Netz http://www.bdwi.de/forum/archiv/archiv/5670814.html
Aus meiner Sicht ist Ihre parallelisierende Vermengung O. Schily – H. Mahler falsch.
Mahler war (damals der einzige in der RAF, der ein paar Seiten politprogrammatisch und logisch nachvoll-zierbar formulieren konnte) und ist Überzeugungstäter (2003 nach seiner erfolgreichen Strategie, den NPD-Verbotsprozeß vor dem BundesVerfassungsGericht platzen zu lassen, trat er aus dieser Partei, die ihm zu legalisisch war, aus), ist inzwischen militanter Leugner des meist Holocaust genannten Völkermords an den europäischen Juden 1941/45.
Schily, gegen den ich öffentlich 1982 auf dem Recklinghäuser Kongress der Coppik-Hansen-Gruppe, aus der die kurzfristige Initiative Demokratische Sozialisten hervorging, stänkerte, war bereits Anfang der 1980er machtpolitisch-parlamentarisch ausgerichtet, wurde als Bundestagsabgeordneter 1983 grüner Be-rufspolitiker, später nach Übertritt zur SPD 1998-2005 Bundesinnenminister in beiden Schröder-Fischer-Kabinetten und ein recht harter Hund.
Das – und damit möchte ich meine kurze Zuschrift hier schließen – ändert freilich nichts daran, daß Schily ab 1983 wichtige Aufklärungsarbeit im BT-Untersuchungsausschuß leistete (und auch gegen den damaligen Bundeskanzler, „Blackout“-Kohl, wegen dessen möglicher Falschaussage im BT-Untersuchungsausschuß vorging). Schilys spätere politopportunistische (Rechts-) Entwicklung ändert an diesem Tatbestand nichts.“
II.
Das Fallbeispiel ist verallgemeinerbar.
Der spanische Autor Jorge Semprún, der einige Jahre als kommunistischer Funktionär im antifrancistischen Widerstand im Land arbeitete, seit der Veröffentlichung seines KZ-Romans Die große Reise (1962, s. https://de.wikipedia.org/wiki/Die_gro%C3%9Fe_Reise_(Roman)) ein literarischer Name wurde und seit den 1970er Jahren antistalinistisch publizierte, hat in diesem Zusammenhang mit Blick auf Gedächtnisformen eine wichtige Unterscheidung skizziert. In seiner 1977 erstveröffentlichten fiktiven Autobiografía de Feder-ico Sánchez. Novela (Barcelona: Ed. Planeta, 347 p.) kritisierte Semprún nicht nur das selektive Gedächt-nis („la memoria selectiva“, „una memoria ideológica“), sondern plädierte auch für ihr Gegenteil, das er ein „Gedächtnis geschichtlicher Zeitzeugenschaft“ nannte („una memoria historica, testimonial“; s. Autobiografía … 240/241).