Jakob Augstein

Der Hass kennt keine Grenzen und keine Scham. „In Buchenwald, Auschwitz und Sachsenhausen ist noch genug Platz“ hat einer bei Facebook geschrieben. Er heisst Klaus Wenzel. Das Magazin Spiegel TV hat über ihn berichtet. Als die Reporter ihn finden, leistet er für einen Euro in der Stunde gemeinnützige Arbeiten in einem Kirchgarten. Dort wird er von seinem Sozialarbeiter und den Reportern zur Rede gestellt.

Der Sozialarbeiter legt fürsorglich seinen Arm um den kleinen Mann:
„Es geht darum, dass ich ein bissel enttäuscht bin von Ihnen“
„Warum?“
„Weil Sie in Facebook aktiv sind“
„Na ja“
„Und dass Sie dort Dinge reinschreiben, die relativ unterirdisch sind.“
„Ah …“
„Zum Beispiel in der Richtung, KZs wieder aufzumachen.“
„…“
„Warum machen Sie denn sowas?“
„Naja.“
„Warum schreiben Sie denn sowas?“
„…“
„Ich betreu Sie hier …“
„… das ist eine Meinung“
„Das ist keine Meinung. Das ist Scheisse, sowas.“
„Ja, ist passiert, gut. Ich hab’s schon wieder rausgelöscht.“

Der Sozialarbeiter geht. Nun sind die Reporter an der Reihe.
„Ich bin mittlerweile das zweite Mal in der Massnahme.“
„Da bekommen Sie auch Geld für?“
„Ja.“
„Und Sie haben eine Wohnung?“
„Ja.“
„Wird die vom deutschen Staat bezahlt?““Ja.“
„Also ist doch eigentlich für Sie gesorgt. Sie haben einen Job, Sie kriegen Geld dafür, Sie haben eine Wohnung, die vom deutschen Staat bezahlt wird.“
„Naja …“
„Was haben Sie denn dann gegen …“
„Mir wäre es lieber wenn ich nen richtigen Job hätte.“
„Warum haben Sie den nicht?“
„Weil ich keinen kriege. Ich würde gerne irgendwas mit Gärtnerei machen. Aber es gibt ja nichts. Ich habe ‚zig Bewerbungen weggeschickt. Gar keine Chance.“
„Woran liegt das?“
„Mir fehlt die Ausbildung.“
„Aber dafür können doch die Flüchtlinge nichts.“
„Na, ich doch auch nicht.“
„Aber was werfen Sie den Flüchtlingen vor?“

Schweigend geht der Mann davon.
Er hat keine Zähne und keine Ahnung. Er hat keine Arbeit und keine Hoffnung.