Die Rede von Harald ‪#‎Krassnitzer‬ beim Solidaritätskonzert für ein menschliches ‪#‎Europa‬ ‪#‎voicesforrefugees‬ am Wiener ‪#‎Heldenplatz‬. Darf natürlich auch sehr gerne geteilt werden. „wink“-Emoticon

„Am 8. Mai 1945 war es plötzlich still und es war zu Ende und man erkannte zum ersten Mal das gesamte Ausmaß des Wahnsinns, der 5 Jahre und 9 Monate über Europa hinweg gefegt war. Abermillionen von Toten, Millionen von Kriegsversehrten, Millionen von Flüchtlingen, Zerstörung, Verzweiflung, Not und Elend und in dieser Situation des Schocks treffen sich 11 Menschen aus ganz Europa und sind sich einig: „So etwas darf nie wieder passieren“. Am 9. Mai 1950 macht einer aus dieser Gruppe, der Außenminister Frankreichs, Robert Schuman, in seiner berühmten Schuman-Erklärung einen genialen Vorschlag: Die Zusammenlegung der französischen und der deutschen Kohle- und Stahlproduktion, so dass keiner der beiden Länder jemals wieder Waffen bauen kann, um sich gegenseitig zu vernichten. Und er entwirft eine Summe von unglaublichen Gedanken um diese Vorschläge.

Einen davon will ich Euch kurz zitieren, weil er sehr aktuell ist eigentlich und immer noch nicht erfüllt: „Europa wird dann, wenn es diese Fusion gegeben hat mit vermehrten Mitteln die Verwirklichung einer seiner wesentlichsten Aufgaben verfolgen können: Die Entwicklung des afrikanischen Erdteils“. Und das hat dieser Mann 1950 gesagt. Vor 70 Jahren und bis heute sind wir nicht wirklich wesentlich damit weiter gekommen ABER aus diesem Substrat ist das Fundament der europäischen Gemeinschaft. Und seit der Unterzeichnung der römischen Verträge 1952 erleben wir eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. Dieses Friedensprojekts, um das uns die ganze Welt beneidet. 2012 bekommen wir einen Friedensnobelpreis dafür aber jetzt frage ich Euch: „Was ist dieses Friedensprojekt und dieser Friedensnobelpreis wert, wenn Europa zu den größten Waffenexporteuren der Welt zählt? Was ist dieses Friedensprojekt und der Friedensnobelpreis wert, wenn Europa seine Konflikte und Interessen in Afghanistan, im Irak, in Libyen, in Syrien oder irgendwo in Afrika verteidigt und dabei in Kauf nimmt, dass die Lebensräume der dort lebenden Menschen zerstört werden? Was ist dieses Friedensprojekt noch wert, wenn Europa innerhalb von wenigen Tagen mit einer unglaublichen Leichtigkeit eine Billion Euro aufstellen kann, um faule Kredite, um marode Banken zu retten aber in der Aufgabe ein paar tausend Flüchtlingen ein menschenwürdiges Dasein und Schutz zu ermöglichen, ein nicht zu bewältigendes Problem sieht? Und diese Menschen dann lieber im Mittelmeer verrecken lässt.“ Wenn dieses europäische Friedensprojekt noch irgendeinen Wert haben sollte, dann muss das Dublin-Verfahren sofort ersatzlos abgeschafft werden. Dann brauchen wir endlich eine einheitliche, solidarische, europäische, menschenwürdige Asylpolitik und eine Zuwanderungspolitik. Dann müssen wir die Fluchtursachen endlich politisch und nicht militärisch bekämpfen. Dann muss die Entwicklungszusammenarbeit endlich zu einer gelebten Partnerschaft auf Augenhöhe werden und dann muss die Politik aber auch wir endlich erkennen, dass diese Menschen, die jetzt bei uns Schutz suchen keine Gefahr für uns sind. Sondern eine unglaubliche Chance. Denn sie erinnern uns an unsere Geschichte, an unseren 8. Mai 1945, an unsere Toten, an unsere Flüchtlinge, an unsere Kriegsversehrten aber auch an unsere Kraft. Uns in Europa immer und immer wieder neu zu erfinden.

Und jetzt an alle, die in der letzten Woche die Wahl verloren haben: Die Arbeitslosenzahlen, die Konjunkturdaten und Eure Umfragewerte waren schon vor der Flüchtlingswelle beschissen. Und ich habe das schon einmal hier auf diesem Platz gesagt: „Sie haben die FPÖ nicht gewählt, weil sie die Besseren sind, sondern weil ihr nicht mehr gut genug seid“. Weil ihr Euch wie der Kaiser in der Chinesischen Mauer von Max Frisch eine Mauer um euch selbst gebaut habt, um euch vor der Zukunft zu schützen.

Und an diejenigen, die jetzt in ihrer unglaublichen Euphorie an den Wahlsieg in Oberösterreich denken und davon träumen, dass diese Stadt nach 70 Jahren endlich wieder von ihnen regiert wird. Denen sei klipp und klar gesagt: Eure Zeit ist am 8. Mai 1945 abgelaufen und diese Stadt wird sich nie wieder von menschenverachtenden Volkshetzern regieren lassen, weil Wien ist ANDERS.

Ich verbeuge mich vor all denen, die in den letzten Wochen auf den Bahnhöfen, an den Grenzstationen, bei den Erstaufnahmestellen, in den Städten, in den Gemeinden, im ganzen Land geholfen haben. Ihr habt Österreich ein menschliches Antlitz zurückgegeben. Ihr seid die wahren Europäer, ihr seid die wahren Patrioten. Ihr habt etwas begonnen, wofür es höchste Zeit ist und ich zitiere hier Heribert Prantl: „Es ist Zeit, die Globalisierung der Gleichgültigkeit zu beenden!“
Ich danke euch.“
(Harald Krassnitzer)