Wenn ich Troptard neulich richtig verstanden habe, zweifelte er den Wert alles Künstlerischen für das Politische an. Es gibt zur Verteidigung der Künstlerischen derart viele Aspekte, dass ich nur zwei herausgreifen kann, anderenfalls müsste ich meine Dissertation über das Verhältnis von Geschichtshandeln und Kunstschaffen hier wiederholen.

Zum ersten, und das ist zunächst ein quantitativer Aspekt, vergrößert man die „Partei“ der Systemkritiker (ich will nicht sagen: Gegner), wenn man jeden von ihnen herbeizieht und herbeizitiert, also nicht nur Wirtschaftsexperten und Politiker, sondern eben auch Künstler. Ich denke da an die Zeiten, vor allem in den sechziger Jahren, in denen die SPD massiv unterstützt wurde von Grass, Staeck, Böll usw.. Ich kann mich noch an einen Ausspruch von Dieter Hildebrandt erinnern, der besagte, die kritischen, reflektierten Leute, das sind die Intellektuellen, die man auch als Linksintellektuelle bezeichnete. Hildebrandt sagte: Der Geist weht links.

Was uns heutzutage im Fernsehen präsentiert wird und wurde, sind keine Rechtsintellektuellen, sondern „Mir-graut-vor-Ihnen-Typen“. Sie heißen nicht Heinrich, sondern Arnulf ….
Ich muss gestehen, ich hab hier plötzlich einen Hänger beziehungsweise einige weise Stellen im Hirn. Außer Sloterdijks Namen fallen mir die anderen nicht ein, diese „immer wieder die selben“ neoliberalen professoralen Dummschwätzer. Der Privat-Renten-Befürworter, na ja, diese finsteren Gestalten, die einem den Eindruck vermitteln, sie seien den Gräbern des deutschen Kaiserreichs entstiegen oder es seien jene, die die Weimarer Republik auf dem Gewissen haben.

Wenn ein geschichtlicher Zustand eine Frage der Machtkonstellation ist, dann müsste man alle Kräfte mobilisieren, die noch human sind und denken können.

Der zweite Aspekt, warum Kunst, Literatur und Musik in einer politischen Debatte notwendig sind, lässt sich mit dem Titel eines Essays von Adorno zusammenfassen: „Der Artist als Statthalter“. Man findet diesen Essay im ersten Band der „Noten zur Literatur“ (Ausgabe: Bibliothek Suhrkamp) oder in Band 11 der Gesamtausgabe.

Den Kunstwerken wird ein anderes Verhältnis zur Welt, zur Natur und zu den Menschen attestiert, als das Verhältnis von Verwertungszusammenhängen. Generalisiert heißt das: Kunst demonstriert, dass das Lebendige einfach nur da sein darf, ohne dass es sich erst durch Leistung beweisen muss. Es gibt eine liebevolle Zuwendung der Kunst zu den Außenseitern und Schwachen. Stellvertretend für diesen Typus von Kunst möchte ich auf „Oliver Twist“ und den David-Lynch-Film „The Elephant Man“ hinweisen.

Kunstwerke, die Einfühlung und Verständnis für die Schwachen zeigen, sind höchst politisch in Zeiten, in denen „Versteher“ massiv verunglimpft werden.

 Ich erlaube mir, auf drei meiner Essays hinzuweisen, die die Rolle der Kunst näher bestimmen:

Der erste Essay ist von seiner Struktur her orientiert an Adornos „Der Artist als Statthalter“, im zweiten geht es um die Hinwendung der Kunst zu den Schwachen und Außenseitern und im dritten unter anderem über die Position der Kunst, wie Georg Büchner sie verstanden hat.

PS.: Ich setze das Zitat aus Büchners Lenz hier her. Ich habe mich in verschiedenen Texten darauf bezogen.

>>Über Tisch war Lenz wieder in guter Stimmung, man sprach von Literatur, er war auf seinem Gebiete; die idealistische Periode fing damals an, Kaufmann war ein Anhänger davon, Lenz widersprach heftig. Er sagte: Die Dichter, von denen man sage, sie geben die Wirklichkeit, hätten auch keine Ahnung davon, doch seien sie immer noch erträglicher, als die, welche die Wirklichkeit verklären wollten. Er sagte: Der liebe Gott hat die Welt wohl gemacht wie sie sein soll, und wir können wohl nicht was Besseres klecksen, unser einziges Bestreben soll sein, ihm ein wenig nachzuschaffen. Ich verlange in allem Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist’s gut; wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es häßlich ist, das Gefühl, daß Was geschaffen sei, Leben habe, stehe über diesen Beiden, und sei das einzige Kriterium in Kunstsachen. Übrigens begegne es uns nur selten, in Shakespeare finden wir es und in den Volksliedern tönt es einem ganz, in Göthe manchmal entgegen. Alles Übrige kann man ins Feuer werfen. Die Leute können auch keinen Hundsstall zeichnen. Da wolle man idealistische Gestalten, aber Alles, was ich davon gesehen, sind Holzpuppen. Dieser Idealismus ist die schmählichste Verachtung der menschlichen Natur. Man versuche es einmal und senke sich in das Leben des Geringsten und gebe es wieder, in den Zuckungen, den Andeutungen, dem ganzen feinen, kaum bemerkten Mienenspiel; er hätte dergleichen versucht im »Hofmeister« und den »Soldaten«. Es sind die prosaischsten Menschen unter der Sonne; aber die Gefühlsader ist in fast allen Menschen gleich, nur ist die Hülle mehr oder weniger dicht, durch die sie brechen muß. Man muß nur Aug und Ohren dafür haben. Wie ich gestern neben am Tal hinaufging, sah ich auf einem Steine zwei Mädchen sitzen, die eine band ihre Haare auf, die andre half ihr; und das goldne Haar hing herab, und ein ernstes bleiches Gesicht, und doch so jung, und die schwarze Tracht und die andre so sorgsam bemüht. Die schönsten, innigsten Bilder der altdeutschen Schule geben kaum eine Ahnung davon. Man möchte manchmal ein Medusenhaupt sein, um so eine Gruppe in Stein verwandeln zu können, und den Leuten zurufen. Sie standen auf, die schöne Gruppe war zerstört; aber wie sie so hinabstiegen, zwischen den Felsen war es wieder ein anderes Bild. Die schönsten Bilder, die schwellendsten Töne, gruppieren, lösen sich auf. Nur eins bleibt, eine unendliche Schönheit, die aus einer Form in die andre tritt, ewig aufgeblättert, verändert, man kann sie aber freilich nicht immer festhalten und in Museen stellen und auf Noten ziehen und dann Alt und Jung herbeirufen, und die Buben und Alten darüber radotieren und sich entzücken lassen. Man muß die Menschheit lieben, um in das eigentümliche Wesen jedes einzudringen, es darf einem keiner zu gering, keiner zu häßlich sein, erst dann kann man sie verstehen; das unbedeutendste Gesicht macht einen tiefern Eindruck als die bloße Empfindung des Schönen, und man kann die Gestalten aus sich heraustreten lassen, ohne etwas vom Äußern hinein zu kopieren, wo einem kein Leben, keine Muskeln, kein Puls entgegen schwillt und pocht. Kaufmann warf ihm vor, daß er in der Wirklichkeit doch keine Typen für einen Apoll von Belvedere oder eine Raphaelische Madonna finden würde. Was liegt daran, versetzte er, ich muß gestehen, ich fühle mich dabei sehr tot, wenn ich in mir arbeite, kann ich auch wohl was dabei fühlen, aber ich tue das Beste daran. Der Dichter und Bildende ist mir der Liebste, der mir die Natur am Wirklichsten gibt, so daß ich über seinem Gebild fühle, Alles Übrige stört mich.<<