von Norbert Wiersbin

Zum Tod von Helmut Schmidt und den überbordenden Versuchen, ihn „heilig“ zu sprechen:

Ich kann diesen Hype um den Ex-Kanzler nicht wirklich nachvollziehen, schon gar nicht, wenn er von Vertretern der Arbeiterklasse getragen wird. Wir sollten – bei aller Pietät und allem Respekt gegenüber einem Verstorbenen – doch bitte nicht vergessen, dass Schmidt es war, der in Nachfolge von Willy Brandt die dt. Sozialdemokratie restaurierte, indem er die Partei schon kurz nach Beginn seiner Amtszeit „wirtschaftsfreundlicher“ ausrichtete. Das ging sogleich einher mit einem Frontalangriff auf die mühsam erworbenen Arbeitnehmerrechte, mit einer sukzessiven Schwächung der Gewerkschaftsbewegung.
Schmidt war auch ein zynischer Feind der Intellektuellen – nicht nur in seiner Partei. Unvergessen bleibt in diesem Zusammenhang sein Bonmot „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“
Schmidt pflegte enge Beziehungen zu den Speerspitzen des Neoliberlismus, zu Ronald Reagan („Reaganomics“) und Margaret Thatcher („eiserne Lady“), die systematisch die Sozialstaatlichkeit demontierten. Übrig blieben rechtlose Arbeitnehmer, Millionen Erwerbsloser und Verelendeter.
Darüber hinaus pflegte Schmidt Zeit seines politischen Lebens enge Bande zu einem der größten Kriegsverbrecher der neueren Zeit. Sein Name: Henry Kissinger.
Schmidt war ein Büttel der „Großen“, der Finanzoligarchie. Ein großartiger Kanzler? Das war Helmut Schmidt sicherlich nie!

R.I.P. Helmut Schmidt

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Ein Auszug aus einem Artikel vom Tagesspiegel, Berlin

Mit scharfen Worten ging Schmidt auch auf die Debatte über neue Armut, das sogenannte Prekariat und Hartz IV ein. „Das Jammern über ‚Armut in Deutschland‘ muss endlich aufhören“, verlangte der frühere Bundeskanzler. Wer heute von Hartz IV lebe, habe meist einen höheren Lebensstandard als in seiner Jugend ein Facharbeiter mit Frau und Kindern. Eine Unterschicht habe es „in jedem Land und zu jeder Zeit der Welt gegeben“. Allerdings werde es weitgehend dramatisiert. Als Beispiel nannte Schmidt das 18-jährige Mädchen mit Kind, das von der Sozialfürsorge eine Wohnung und einen Fernseher bekomme, die Miete nicht zu bezahlen brauche. „Dieses Mädchen gilt als arm und abgehängt, doch in Wirklichkeit geht es ihr unendlich viel besser, als es uns in ihrem Alter gegangen ist.“

http://www.tagesspiegel.de/politik/helmut-schmidt-jammern-ueber-armut-muss-aufhoeren-ex-kanzler-wirft-seinen-nachfolgern-schwere-fehler-beim-aufbau-ost-vor-und-warnt-vor-rechtsruck/785306.html

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Wer es gern differenzierter hat, dem sei der Nachruf von Albrecht Müller auf den Nachdenkseiten empfohlen:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=28629#more-28629