Birgit Gärtner 23.11.2015

telepolis – heise.de

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Unter strengen und kostenintensiven Sicherheitsvorkehrungen wurde Helmut Schmidt zu Grabe getragen
Der Sozialdemokrat stand von 1974 bis 1982 einer sozial-liberalen Koalition als Bundeskanzler vor. Er wollte sich 1977 in hanseatisch-unterkühlter Manier vom Terror nicht erpressen lassen, hatte aber zwei Jahre später, Anfang Dezember 1979, keine Skrupel, die Delegierten des SPD-Bundesparteitags massiv unter Druck zu setzen, um den NATO-Doppelbeschluss durchzusetzen. Entweder ein ihm genehmes Abstimmungsergebnis – oder sein Rücktritt als Kanzler, so die Drohung.

Seit er am 10. November 2015 verstarb, ist davon allerdings keine Rede. Auch nicht vom Sozialabbau, der in der Ägide Schmidt seinen Ursprung hat. Sondern davon, dass dem „großen Staatsmann“ so viel zu verdanken sei.

Helmut Schmidt Dezember 2013 bei seinem Besuch von Wladimir Putin. Bild[1]: kremlin.ru
Er habe sich den Abschied im Hamburger Michel gewünscht, berichteten verschiedene Medien, und Bundespräsident Joachim Gauck habe den Staatsakt angeordnet. Geladen dazu waren mehr als 1.800 Gäste aus dem In- und Ausland, darunter der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger, der ehemalige französische Staatspräsident Valéry Giscard dÉstaing, EU-Präsident Martin Schulz (SPD), Angela Merkel (CDU) und neben Gauck noch die ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog (CDU), Horst Köhler (CDU) und Christian Wulff (CDU).

Die Trauerfeier fand wenige Tage nach der Absage des Fußballspiels in Hannover wegen eines zu hohen Sicherheitsrisikos und zu einer Zeit statt, in der sowohl in Frankreich als auch in Teilen Belgiens der Ausnahmezustand verhängt wurde. Entsprechend waren die zu diesem Anlass getroffenen Sicherheitsvorkehrungen, die auch ohne die seit der Anschläge in Paris allgegenwärtige gefühlte Bedrohungslage extrem und kostenintensiv gewesen wären:

Die Ludwig-Erhard-Str., eine z.T. 6-spurige Hauptverkehrsstraße in der Hamburger Innenstadt, war komplett gesperrt, U-Bahn-Stationen entlang der Straße waren außer Betrieb, Busse wurden weiträumig umgeleitet, Hubschrauber kreisten über dem Michel, Scharfschützen waren auf umliegenden Gebäuden in Stellung gebracht. Die Gäste mussten sich in einem Hotel mehrere Kilometer entfernt einer Sicherheitsprüfung unterziehen und wurden anschließend mittels Bus-Shuttle zum Michel gebracht.

Nach der Gedenkfeier im Michel bekam Schmidt das Ehrengeleit durch das Wachbataillon der Bundeswehr. Der Leichnam wurde zum Ohldorfer Friedhof gebracht, wo der Ehrenbürger der Freien und Hansestadt Hamburg im engsten Familienkreise zu einem nicht öffentlich bekannt gegebenen Zeitpunkt beigesetzt werden wird. D. h., bis zur Beisetzung werden auch dort verstärkte Sicherheitsvorkehrungen getroffen.

Etwa 1.000 der geladenen Gäste erwartete nach der Zeremonie ein Empfang im Hamburger Rathaus. Merkel würdigte Schmidt als „großen Staatsmann“ und „herausragende Persönlichkeit“. Hamburger Erster Bürgermeister Olaf Scholz sprach[1] gar von einem „Giganten“, den „wir“ verloren hätten.

Gigantisch war jedenfalls der Aufwand, der betrieben wurde, um diese Show der Superlative zu ermöglichen. Das wirft Fragen auf – nach der Verhältnismäßigkeit: Zehntausende Menschen waren durch die Vorkehrungen in Mitleidenschaft gezogen, egal ob sie sich im privaten PKW oder im Öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV) im Bereich Neustadt/Innenstadt/Hafen fortbewegen wollten oder mussten. Zehntausende, die Nachteile in Kauf nehmen mussten, damit der letzte Wunsch des „Giganten“, die pompöse Feier im Michel, möglich gemacht wurde.

Und nach den Kosten. In der Hansestadt sind hunderte Flüchtlinge in Zelten untergebracht, das Winter-Notprogramm für Obdachlose deckt den Bedarf bei weitem nicht ab. Auf den Pomp zu verzichten und die Steuergelder statt für teure Staatsempfänge und militärische Übungen in dringend benötigten Wohnraum zu investieren, hätte von der Größe gezeugt, die Schmidt laut Scholz hatte und von dem er seinen eigenen Worten zufolge „gelernt (hat), was es heißt, in einer demokratischen und offenen Gesellschaft politische Verantwortung zu übernehmen“.