Für mich hat der Begriff des Gutmenschen deutlich pejorativen Charakter, das heißt, er wird in einem herabsetzenden Sinne verwendet. Der scheinbar Desillusionierte, der den Glauben an das Gute im Menschen für naiv hält, setzt sich über den Naivling; der Zyniker setzt sich über den, der humane Werte nicht aufgibt. Der, der über den Gutmenschen lästert, tut so, als hätte er die wahre und überlegene Einsicht in die (unverbesserliche) Natur des Menschen.
In Wirklichkeit aber wohnt der Rede vom Gutmenschen etwas Totalitäres inne, weil sie das Diktum „der Mensch sei dem Menschen ein Wolf“ absolut setzt. Man schlägt sich auf die Seite der Wölfe, heult mit ihnen, macht sich zu ihrem Sprecher. Der bellum omnium contra omnes, bei dem die Sieger immer schon im Recht sind, wird als alternativlos ausgegeben.
Die Geschichte der Philosophie, Literatur und Kunst, die Geschichte des Humanismus zeigt aber, dass ihre Vertreter sowohl eine Einsicht in die Bösartigkeit der Menschen besaßen, dieser aber immer wieder auch entgegensetzten, dass die Bösartigkeit nicht alles ist. Dem Negativen des Menschen wird eine Art Utopie gegenübergestellt, die eine Spannung aufzeigt zwischen dem, was ist, und dem, was sein sollte. Wo diese Spannung kassiert wird, wo der, der diese Spannung für notwendig erachtet, als naiver Gutmensch denunziert wird, wird Totalitarismus angestrebt oder herrscht bereits vor.
Selbst die Nazis, die das zum Gutmenschen analoge Wort der Humanitätsduselei verwendeten, haben ihre Gräueltaten vor der internationalen Welt zu verbergen versucht, was zeigt, dass in ihrem Bewußtsein der Unterschied zwischen human und inhuman noch residual existierte.