DENKZETTELWÄHLER
Richard Albrecht
I.
Das erste Mal wurde ich mit dem Phänomen, daß brave Sozis denkzettelwählen, 1974 bei der Bürgermeisterwahl im damals noch industrialisierten Weinheim (im Norden Baden-Württemberg) konfrontiert: Der NPD-Kandidat und damalige Parteivorsitzende Decker erhielt mehr als 20 Prozent der Wählerstimmen. Und auch gestandende Gewerkschaftssozis gestanden später, ihn gewählt zu haben, um ihren Parteioberen um Schmidt zu zeigen, daß es sie da unten noch gibt.
Das zweite Mal, fünfzehn Jahre später, untersuchte ich im Auftrag der Mannheimer Forschungsstelle für Gesellschaftliche Entwicklungen auf Stadtteilebene im damals schon teilweise entindustrialisierten Dortmunder Norden (wie Scharnhorst) einen ähnlichen Zusammenhang bei der NRW-Kommunalwahl am 30. September 1989. Die erzrechte politische Partei: Die Republikaner wurde auch von enttäuschten Traditionssozis denkzettelgewählt.
Auch heute gibt es Hinweise darauf, daß politisch enttäuschte und moralisch verbitterte Sozis, zumal dann, wenn sie befürchten, die Hauptlasten der Integrationsleistungen für Flüchtlinge tragen zu müssen, die (rechts)populistische AfD wählen und damit oft auch überhaupt wieder wählen werden[1] …
II.
Der Zusammenhang ist sowohl lage- und interessensbezogen als auch politisch leicht einsichtig. Der Publizist Kurt Hiller hat (in Die Weltbühne 1925) das „emotionelle Vakuum“ öffentlich angesprochen: immer dann, wenn politisch von links nichts kommt, wird rechts politisch wirksam.
Dieses Wechselspiel sprach auch der Kommunist Georgi Dimitroff 1935 nach Niederlage der deutschen Arbeiterbewegung und Machtübergabe, Machtübernahme und Machtausübung des faschistischen Nationalsozialismus 1933 an: „Der Faschismus entfacht nicht nur die in den Massen tief verwurzelten Vorurteile, sondern er spekuliert auch auf die besten Gefühle der Massen, auf ihr Gerechtigkeitsgefühl und mitunter sogar auf ihre revolutionären Traditionen.“
Und der subjektmarxistisch argumentierende Philosoph Ernst Bloch veröffentlichte in seinem zweiten Schweizer Exil nicht nur 1936 seine theoretische Leitstudie „Erbschaft dieser Zeit“ zu Auffälligkeiten der damaligen deutsch-bürgerlichen Gegenwartsgesellschaft (vor allem Ungleichzeitigkeiten), sondern kommentierte auf dieser Grundlage auch selbstkritisch (1936/37):
„Die Linke hat das wahre Bewußtsein, aber auch daß es ein falsches, sich sperrendes Bewußtsein gibt, ist wahr. […] Daher schlugen die Erkenntnisse der fortgeschrittensten Klasse in all ihrer Wahrheit hier nicht ein. […] Daher konnte unter den Betrogenen […] die Lüge derart wahr wirken, die Wahrheit blieb derart ungesehen. Daher reüssierten die (höchst gleichzeitigen) Betrüger, hatten die ungeheuerliche Zahl der Betrogenen und Betrügbaren zur Verfügung, die nationalsozialistische Massenbasis aus ungleichzeitigem Widerspruch.“ Und, politisch zugespitzt: „Die Nazis haben betrügend gesprochen, aber zu Menschen, die Sozialisten völlig wahr, aber von Sachen; es gilt nun, zu Menschen völlig wahr von ihren Sachen zu sprechen.“[2]

[1] Zur Nichtwählerei s. Richard Albrecht, Nichtwähler als teilbekannte Wesen: in: soziologie heute, 7 (2014) 38: 28-30
[2] Das Problem: Falsches Bewußtsein und Handlungsblockaden oder: Warum lassen sich so viele da unten von den wenigen da oben so viel gefallen, habe ich handlungswissenschaftlich angesprochen; s. Richard Albrecht, Forum Wissenschaft, 30 (2013) 4: 49-51; im Netz http://www.bdwi.de/forum/archiv/archiv/7292438.html
©Autor 2016