bei Leuten, Menschen, Männern, Frauen, die sich für links halten…

Auf facebook kursiert der Bericht über ein Konzert in Köln, in dem nicht der Komponist beziehungsweise der Cembalo-Spieler (der das Werk des Komponisten Reich zur Aufführung bringen wollte) das Publikum beschimpfte, sondern ein Teil des Publikums den Aufführenden eines minimalistischen Werkes von Reich aus dem Jahre 1967.

Ich habe – je mehr Jahre ich im Netz unterwegs bin – den Eindruck, es gibt eine Art von Linken, bei denen ist die Empörung automatisiert. Wirf ihnen einen Brocken hin, und sie entrüsten sich. Sie gleichen Hunden, die in Parks und an Wanderwegen alles fressen, was sie als Nahrung mit ihrer Schnuppernase orten und finden, ohne daran zu denken, dass in die Frikadelle oder Wurst Gift eingewickelt sein könnte.
Teile eines Publikums einer avantgardistischen Musikaufführung rufen „Aufhören!“, „Scheiße!“, „Schluss mit dem Mist!“ und äußern ihren Unmut rüpelhaft. So weit, so schlecht.

Aber jetzt kommen die Empörer ins Spiel, die der Meinung sind und diese auch verbreiten: Ablehnung von Avantgarde ist ein Zeichen von aufkeimender Kunstfeindlichkeit, von Faschismus, dem die Abneigung gegenüber entarteter Kunst zu eigen ist. Und diejenigen, die das mit halben Ohr und einem Auge mitbekommen haben, stimmen in den Chor der Empörer mit ein und rufen: „Wehret den Anfängen!“

Geprüft wird nicht, ob das Musikstück etwas taugt, ob es gut ist, ob es Gehalt hat, vielleicht so gar Tiefe oder ob es nur ein flaches, inhaltsleeres Stück ist, das in Analogie zur bildenden Kunst sich minimalistisch nennt, aber außer seinem Minimalismus und seiner Monotonie nichts weiter zu bieten hat.

Mir haben sich heute Ähnlichkeiten zu jenen Tonangebenden aufgetan, die Kritikern einer bestimmten Art amerikanischer Politik pauschal Antiamerikanismus vorwerfen.

Mein Gott, wenn ich an den Füßen stinke und mir einer rät, ich soll sie mir mal waschen, ist das doch kein Antibaumismus, sondern eher das Gegenteil. Er rät mir, etwas an mir zu beseitigen, das mich bei anderen unbeliebt macht.

Es kam gestern auf facebook, als jemand den „Eklat“ bei der Musikaufführung in Köln thematisierte, der Vergleich auf: das Abwehrverhalten gegenüber dem Musikstück von Reich gleiche dem Abwehrverhalten der Pegida-Leute gegenüber den Flüchtlingen.

Ich habe just in diesem Kontext auf das Theaterstück „Kunst“ von Yasmina Reza hingewiesen, in dem sich jemand ein weißes Bild mit weißen Streifen für sehr viel Geld kauft. Wenn ich mich recht erinnere, sagt einer der Freunde des Käufers zu diesem über das Bild: „Was für eine Scheiße.“

Es tummelt sich in Ausstellungen und sicher auch in anderen Kunstbereichen als in denen der Bildenden Kunst so manch Leeres, Hohles, Dilettantisches, und es kann sich tummeln, weil niemand zu sagen wagt, dass er oder sie des Kaisers neuen Kleider sieht, denn wer sagt, dass er nichts sieht, der gilt als Rechter, als Konservativer, als Verstandloser, als Kleinbürger.

Im Kunstbetrieb wird seit Jahrzehnten darüber diskutiert, wie entleert ein Werk sein darf, um noch als Kunstwerk zu gelten. Was für die augenblickliche Gegenwart, man verzeihe mir diese Tautologie, bezeichnend ist: dass selbst bei den Kritikern von Pegida alles nur noch in den Mustern von Pegida beziehungsweise Antipegida wahrgenommen wird. Dabei ist Yasmina Reza gar keine Deutsche, und sie lebt auch nicht in Deutschland.

——————————————————————-

Hier eine wichtige Ergänzung vom Gründer meines Blogs:

oder das:

Höre es einfach mal von vorne bis hinten an und beobachte, was mit dir passiert…

Man wehrt sich zunächst gegen die Monotonie, merkt aber auch die Veränderungen viel stärker als bei ‚normaler‘ NICHT-minimalistischer Musik.

„Minimal Music ist im Vergleich mit Kunstmusik von eher geringer harmonischer Komplexität: Minimal Music bewegt sich meistens im Rahmen einer modalen Tonalität und verwendet Dissonanzen nur sehr sparsam. Das rhythmische Element (oft Polyrhythmik) ist in der Minimal Music stark hervorgehoben, sie ist stark repetitiv: Ein einfaches Grundmuster (Pattern) wird über längere Zeiträume ständig mit nur leichten, oft kaum wahrnehmbaren Variationen wiederholt, das Stück ergibt sich dann aus der einfachen Aneinanderreihung der Variationen. Wird ein Muster gleichzeitig mit geringfügig unterschiedlichen Geschwindigkeiten gespielt, kommt es zum so genannten Effekt der Phasen-Verschiebung (phase shifting, phasing).

Die Minimal Music hat als zeitgenössische Musik außerhalb der Popmusik (mit der es einige Wechselwirkungen gibt) eine beträchtliche Popularität errungen, wenn auch nicht unbedingt beim Publikum traditioneller klassischer Musik.“

Die Eigenart dieser Musik besteht u.a. auch darin, dass sie den Bildungsbürger, der gewohnt ist ‚schöne Musik‘ zu hören, einfach bis aufs Blut reizt…

Und allein das unterscheidet sie von der inhaltsleeren ‚dekorativen‘ Kunst al la Mondrian…

Man muss sich auf diese Musik wie auf einen indischen Raga einlassen und seinen eigenen Gedanken nachhängen…

Was natürlich ein Bildungsbürger, der für die Virtuosität des vorne sitzenden Künstlers BEZAHLT hat, und der will, dass vorne für ihn geglänzt wird, ziemlich ärgert…

Diese Musik ist wie ein unangenehmer tonaler ‚Dorn ‚ im Ohre des ‚Musikliebhabers‘…

Trotz der Monotonie erzeugt doch die langsame Verschiebung von Tonphasen ein stärkeres Bewußtsein von Tönen und Lauten…

————————————————————–

PS. von kb: Einzig Differenzierung kann zur Klärung beitragen, ob Kritik an so manchem Werk fundiert und berechtigt oder bloß Abwehr ist.
Ich kenne beide Seiten in mir: 1977 oder 1982, genau weiß ich das nicht mehr, konnte ich aus Zeitgründen nur einen flüchtigen Blick in die documenta-Ausstellung hineinwerfen: Meine Reaktion: „Was für eine Scheiße.“
Wenn man dann aber selber auf der documenta arbeitet und die Werke vielleicht sogar vermitteln muss, entsteht eine tiefere Beziehung, die Sicht auf die Werke verändert sich.

Und was das Statement über Mondrian von meinem Vorredner betrifft, so irrt er sich seinerseits: Mondrian ist weder leer noch dekorativ, aber mehr will ich hier nicht verraten.

Mir geht es in erster Linie darum, festzustellen, dass es einen Paradigmenwechsel gegeben hat: So um 1960 herum nannte man die Ablehnung des Neuen kleinbürgerlich, einfach nur kleinbürgerlich; derzeit nennt man es rechts und ausländerfeindlich und pegidaisch, aber more or less SCHLAGwortartig. Was den einen der Baseballschläger ist dem anderen das Schlagwort.

.

Advertisements