Der folgende Text ist vom Freitag, den 8.4. 2016

Ich habe vor Tagen Böhmermann den Text vortragen sehen, dabei unterhielt er sich mit einem Kollegen, und diese Unterhaltung habe ich als Metareflexion des Schweine-Textes in Erinnerung. Es wurde darüber gesprochen, dass der Text so wie er ist, nicht geht, das heißt, der Ziegenficker-Text enthält keinerlei Kritik an der Politik von Erdomann, er enthält keine Inhalte.

Ich will versuchen, aufzudröseln was ich meine: Wenn in Deutschland durch das Grundgesetz Meinungsfreiheit garantiert ist (Grundgesetz geht aus den Erfahrungen mit dem 3. Reich hervor), kann man, und das wäre ein inhaltlicher Aspekt, Erdomann vorwerfen, er achte und respektiere nicht die Pressefreiheit … – diese ist unsere moralische Messlatte.

Ich will es noch einfacher erklären:
Der Aufsatz eines Schülers weist eine Reihe von Rechtschreibfehlern auf. Der Lehrer markiert sie und benotet die Rechtschreibung. Völlig daneben wäre es, wenn er unter die Arbeit schriebe, es gäbe einen Punkteabzug, weil der Schüler lange Haare hat.

Ich habe längere Zeit benötigt, bis mir klar war, was mich an der Beurteilung von Böhmermann störte. Ich dachte zunächst, dieses sogenannte Schmähgedicht enthält keinerlei Argumente ad rem, sondern nur Argumente ad personam (keine Argumente bezüglich der Politik von Erdomann, aber Argumente gegen die Person von Erdomann, wobei letztere keine Argumente sind; auch die Schmähungen treffen die Person nicht, weil jeder sofort merken könnte, dass es sich um pure Erfindungen handelt, denen jeglicher Realitätsbezug fehlt).

Ich will Böhmermanns Gedicht zunächst mit folgendem vergleichen: Vor Jahren wurde jemand verurteilt, der ein T-Shirt trug, auf dem ein Hakenkreuz abgebildet war. Das Hakenkreuz war aber durchgestrichen und diese Darstellung bedeutete bedeutete deshalb: Nein zum Faschismus, Nein zum Nazitum. Die Schwierigkeit bei der Darstellung von Verneinungen besteht darin, dass man sagen, zeigen muss, was man verneint. Machte man es nicht sichtbar oder hörbar, bliebe nur ein abstraktes, inhaltloses NEIN, nach Art einer Zigarettenwerbung: NEIN – sonst nichts.

Mir ist erst heute aufgegangen, wo Böhmermanns Schmähgedicht einzuordnen ist: Die letzten Jahren konnten wir in Deutschland diverse Hetzkampagnen erleben, deren Einzelargumente bar jeden Inhalts war oder ein kaum zu überbietendes Maß an Selbstgerechtigkeit enthielten: Ich erinnere an Frau Ypsilanti aus Hessen, an Frau Käsemann oder an die Tsunami-artige Herze gegen die ursprünglich linke Regierung in Griechenland. Eins ist mir noch in Erinnerung geblieben: Varoufakis speiste mit seiner Frau auf der Terrasse seines Hauses (es war ein Fotobericht). Die Hetzer warfen ihm vor: Während das Volk der Griechen darbt, speist Varoufakis auf einer Terrasse, die ihm auch noch gehört.

Ich erinnere nicht mehr die Details der Kampagne gegen Linke, aber eines weiß ich noch mit Gewißheit: Man erfuhr nichts, rein gar nichts über die Inhalte der Politik, die diese Politiker machen wollten. Keines der Abwehr-Argumente vermittelte uns Aspekte von linker Politik, die man hätte zunächst erwähnen müssen, um sie dann zu widerlegen.

Die Hetze schob sich wie ein opaker Block vor die Sache, die zu begreifen gewesen wäre. Was wir von Varoufakis hingegen erfuhren: Er fährt Motorrad und trägt sein Hemd über der Hose – und er hätte den Deutschen den Stinkefinger gezeigt. Die Sache: das politische Programm der griechischen Linken.

Die selben Leuten in Politik und Medien, die sich jetzt über Böhmermann aufregen, betrieben und betreiben Herzkampagnen, die vom Stil her nicht sonderlich besser sind, als das Mäh-Gedicht von Jan.

Sie entrüsten sich nicht aus moralischen Gründen, sondern aus taktischen. Sie müssen, um ihren Menschenhandelsdeal realisieren zu können, Erdogan bei Laune halten.

PS.: Martin Sonneborn und ein Rechtsanwalt weisen auf die Bedeutung des Kontextes hin, in dem das Gedicht eingebettet ist. Das hat mich dazu ermutigt, diesen Text zu verfassen.

Siehe auch hier (Überraschung):
http://www.welt.de/debatte/kommentare/article154171281/Solidaritaet-mit-Jan-Boehmermann.html