Der folgende Text stammt von E.T.A. Hoffmann und ist seinerErzählung DER GOLDENE TOPF entnommen. Ich hatte ihn vor Jahren auf Facebook veröffentlicht, doch niemand hat ihn gelesen.

Der Registrator Heerbrand fand sich wirklich nach Tische ein und als der Kaffee genossen und die Dämmerung bereits eingebrochen, gab er schmunzelnd und fröhlich die Hände reibend zu verstehen: er trage etwas mit sich, was durch Veronikas schöne Hände gemischt und in gehörige Form gebracht, gleichsam foliiert und rubriziert, ihnen allen an dem kühlen Oktoberabende erfreulich sein werde. »So rücken Sie denn nur heraus mit dem geheimnisvollen Wesen, das Sie bei sich tragen, geschätztester Registrator,« rief der Konrektor Paulmann; aber der Registrator Heerbrand griff in die tiefe Tasche seines Matins und brachte in drei Reprisen eine Flasche Arrak, Zitronen und Zucker zum Vorschein. Kaum war eine halbe Stunde vergangen, so dampfte ein köstlicher Punsch auf Paulmanns Tische. Veronika kredenzte das Getränk, und es gab allerlei gemütliche muntere Gespräche unter den Freunden. Aber so wie dem Studenten Anselmus der Geist des Getränkes zu Kopfe stieg, kamen auch alle Bilder des Wunderbaren, Seltsamen, was er in kurzer Zeit erlebt, wieder zurück. Er sah den Archivarius Lindhorst in seinem damastnen Schlafrock, der wie Phosphor erglänzte; er sah das azurblaue Zimmer, die goldnen Palmbäume, ja es wurde ihm wieder so zu Mute, als müsse er doch an die Serpentina glauben; es brauste, es gärte in seinem Innern. Veronika reichte ihm ein Glas Punsch, und indem er es faßte, berührte er leise ihre Hand. »Serpentina! Veronika!« seufzte er in sich hinein. Er versank in tiefe Träume, aber der Registrator Heerbrand rief ganz laut: »Ein wunderlicher alter Mann, aus dem niemand klug wird, bleibt er doch, der Archivarius Lindhorst. — Nun, er soll leben! stoßen Sie an, Herr Anselmus!« — Da fuhr der Student Anselmus auf aus seinen Träumen und sagte, indem er mit dem Registrator Heerbrand anstieß: »Das kommt daher, verehrungswürdiger Herr Registrator, weil der Herr Archivarius Lindhorst eigentlich ein Salamander ist, der den Garten des Geisterfürsten Phosphorus im Zorn verwüstete, weil ihm die grüne Schlange davongeflogen.« — »Wie — was?« fragte der Konrektor Paulmann. — »Ja,« fuhr der Student Anselmus fort, »deshalb muß er nun königlicher Archivarius sein und hier in Dresden mit seinen drei Töchtern wirtschaften, die aber weiter nichts sind als kleine goldgrüne Schlänglein, die sich in Holunderbüschen sonnen, verführerisch singen und die jungen Leute verlocken wie die Sirenen.« — »Herr Anselmus, Herr Anselmus!« rief der Konrektor Paulmann, »rappelt’s Ihnen im Kopfe? was um des Himmels willen schwatzen Sie für ungewaschenes Zeug?« — »Er hat Recht,« fiel der Registrator Heerbrand ein, »der Kerl, der Archivarius, ist ein verfluchter Salamander, der mit den Fingern feurige Schnippchen schlägt, die einem Löcher in den Überrock brennen wie glühender Schwamm. — Ja, ja, Du hast Recht, Brüderchen Anselmus, und wer es nicht glaubt, ist mein Feind!« Und damit schlug der Registrator Heerbrand mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten. »Registrator! sind Sie rasend?« schrie der erboste Konrektor. — »Herr Studiosus! Herr Studiosus! was richten Sie denn nun wieder an?« — »Ach!« sagte der Student, »Sie sind auch weiter nichts als ein Vogel — ein Schuhu, der die Toupets frisiert, Herr Konrektor!« — »Was? — ich ein Vogel — ein Schuhu — ein Friseur?« — schrie der Konrektor voller Zorn — »Herr, Sie sind toll — toll!« — »Aber die Alte kommt ihm über den Hals,« rief der Registrator Heerbrand. — »Ja, die Alte ist mächtig,« fiel der Student Anselmus ein, »unerachtet sie nur von niederer Herkunft; denn ihr Papa ist nichts als ein lumpiger Flederwisch und ihre Mama eine schnöde Runkelrübe, aber ihre meiste Kraft verdankt sie allerlei feindlichen Kreaturen, giftigen Kanaillen, von denen sie umgeben.« — »Das ist eine abscheuliche Verleumdung,« rief Veronika mit zornglühenden Augen, »die alte Lise ist eine weise Frau und der schwarze Kater keine feindliche Kreatur, sondern ein gebildeter junger Mann von feinen Sitten und ihr Cousin germain.« — »Kann der Salamander fressen, ohne sich den Bart zu versengen und elendiglich draufzugehn?« sagte der Registrator Heerbrand. »Nein, nein!« schrie der Student Anselmus, »nun und nimmermehr wird er das können: und die grüne Schlange liebt mich; denn ich bin ein kindliches Gemüt und habe Serpentinas Augen geschaut.« — »Die wird der Kater auskratzen,« rief Veronika. — »Salamander — Salamander bezwingt sie alle — alle,« brüllte der Konrektor Paulmann in höchster Wut; »aber bin ich in einem Tollhause? bin ich selbst toll? — was schwatze ich denn für wahnwitziges Zeug? — Ja ich bin auch toll — auch toll!« — Damit sprang der Konrektor Paulmann auf, riß sich die Perücke vom Kopfe und schleuderte sie gegen die Stubendecke, daß die gequetschten Locken ächzten und im gänzlichen Verderben aufgelöst den Puder weit umherstäubten. Da ergriffen der Student Anselmus und der Registrator Heerbrand die Punschterrine, die Gläser, und warfen sie jubelnd und jauchzend an die Stubendecke, daß die Scherben klirrend und klingend umhersprangen. »Vivat Salamander! — pereat — pereat die Alte! zerbrecht den Metallspiegel, hackt dem Kater die Augen aus! — Vöglein — Vöglein aus den Lüften — Eheu — Eheu — Evoe — Salamander!« — So schrien und brüllten die Drei wie Besessene durcheinander. Laut weinend sprang Fränzchen davon; aber Veronika lag winselnd vor Jammer und Schmerz auf dem Sopha. Da ging die Tür auf, alles war plötzlich still und es trat ein kleiner Mann in einem grauen Mäntelchen herein. Sein Gesicht hatte etwas seltsam Gravitätisches, und vorzüglich zeichnete sich die krummgebogene Nase, auf der eine große Brille saß, vor allen jemals gesehenen aus. Auch trug er solch eine besondere Perücke, daß sie eher eine Federmütze zu sein schien. »Ei, schönen guten Abend!« schnarrte das possierliche Männlein, »hier finde ich ja wohl den Studiosus Herrn Anselmus? Gehorsamste Empfehlung vom Herrn Archivarius Lindhorst und er habe heute vergebens auf den Herrn Anselmus gewartet; aber morgen lasse er schönstens bitten, ja nicht die gewohnte Stunde zu versäumen.« Damit schritt er wieder zur Tür hinaus und alle sahen nun wohl, daß das gravitätische Männlein eigentlich ein grauer Papagei war. Der Konrektor Paulmann und der Registrator Heerbrand schlugen eine Lache auf, die durch das Zimmer dröhnte und dazwischen winselte und ächzte Veronika wie von namenlosem Jammer zerrissen; aber den Studenten Anselmus durchzuckte der Wahnsinn des innern Entsetzens und er rannte bewußtlos zur Tür hinaus durch die Straßen. Mechanisch fand er seine Wohnung, sein Stübchen. Bald darauf trat Veronika friedlich und freundlich zu ihm und fragte: warum er sie denn im Rausch so geängstigt habe und er möge sich nur vor neuen Einbildungen hüten, wenn er bei dem Archivarius Lindhorst arbeite. »Gute Nacht, gute Nacht, mein lieber Freund,« lispelte leise Veronika und hauchte einen Kuß auf seine Lippen. Er wollte sie mit seinen Armen umfangen, aber die Traumgestalt war verschwunden und er erwachte heiter und gestärkt. Nun mußte er selbst recht herzlich über die Wirkungen des Punsches lachen; aber indem er an Veronika dachte, fühlte er sich recht von einem behaglichen Gefühl durchdrungen.