Glosse über den Philosophiebetrieb

 

„Je mehr ein Geist über alles hinausgewachsen

ist, desto mehr läuft er Gefahr, wenn die Liebe

ihn trifft, wie ein Ladenmädchen zu reagieren.“

(E. M. Cioran, Syllogismen der Bitterkeit)

 

Philosophie als Beruf, als Tätigkeit unterliegt, obwohl sie doch darüberzustehen scheint, den Gesetzen des Marktes, den Mechanismen der Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft, dem Verdrängungswettbewerb. Man muß ackern wie ein Hochleistungssportler, fit und ausgeschlafen sein wie einst Boris Becker, um nach oben zu kommen; man muß Publizieren auf Teufel komm raus (bei aller Säkularisierung – da ist er noch), in möglichst vielen Verlagen, Zeitschriften, Zeitungen vertreten sein oder rezensiert werden, damit der eigene Name ebenso omnipräsent wird wie Coca Cola oder doch wenigstens so berüchtigt wie die Holländische Tomate. Wenn auch an Inhaltsstoffen (das materielle Substrat) das meiste verlorengeht (so gibt es keine Kunst in der Kunsttheorie Luhmanns), so wird man doch zum „Begriff“. Man muß seine Konkurrenten aus dem Felde schlagen, seine Gegner ständig zu übertrumpfen suchen – das Spiel heißt „Meta-Meta“ und dient der Einübung in die Kunst der Eskalation: Reflexion, Meta-Reflexion, Meta-Meta-Reflexion ad infinitum.

Paul Watzlawick nannte dies: „more of the same“. Um keine Schwäche zu zeigen, und der Hinweis auf eigene Erfahrungen, auf den unmittelbaren Eindruck und den damit verbundenen spontanen Gedanken, gilt als Schwäche; um diese also nicht zu zeigen, ist man genötigt, weiter aufzurüsten, sich eine Theorie nach der anderen reinzuziehen, um sie beim nächsten Symposion, bei der nächsten Tagung wie ein Geschütz auffahren zu können. Als ich meine Erfahrungen von Generosität, die mir während des Studiums durch andere Menschen zuteil wurde, in einem Aufsatz zur Sprache brachte, wurde mir beschieden, Marcel Mauß habe dergleichen schon vor Jahrzehnten getan. Der Umgang, den Philosophen beziehungsweise Geisteswissenschaftler aus beruflichen Gründen miteinander pflegen, ist von einer Art Zwang bestimmt, der einem die Kehle zuschnürt, ein nervöses Gefühl im Magen hervorruft und das Herz in die Hosen rutschen läßt. Es fällt den Metareflektierern ausgesprochen schwer, den Bann der Sprachlosigkeit, den Bann der unterschwelligen Tabuisierung der sogenannten ungeschützten Erfahrung bei aller theoretischen Beredsamkeit zur Sprache zu bringen, um ihn dadurch vielleicht in befreiendes Gelächter aufzulösen.

Daß der Bann unterschwellig wahrgenommen wird, man sich aber nicht von ihm freimachen kann, gilt vornehmlich nur für jene Personen, die sich von der Philosophie angezogen fühlen, aber von real existierenden Philosophen abgestoßen und enttäuscht werden, weil diese den Begriff der Philosophie dogmatisieren, ihn vereinseitigen, eingrenzen, in ein Abstraktum verwandeln, in etwas Trockenes, Mechanisches und Bürokratisches. Die Fundamentalisten unter den Philosophen bemerken den Bann nicht, den sie verbreiten. Was ihnen fehlt, ist das Bewußtsein und das Gespür für ihre Instrumentaliserung einer Gestalt von Philosophie, die die lebendige Erfahrung für obszön, für eine Krankheit hält: sie benutzen das Denken, um sich unangreifbar zu machen.

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Tradition kann man als Verpflichtung ansehen, als eine Aufforderung, sich daran zu erinnern, was Menschen schon einmal zu Papier brachten, weil sie erlitten hatten, was sie dann dachten. Tradition wird aber zur Last, wird als Instrument der Unterdrückung mißbraucht, wenn der Versuch, eigene Erfahrungen mitzuteilen, mit dem Hinweis abgefertigt wird, zu diesem Punkt müsse man erst einmal Leibniz oder Spinoza oder Descartes oder Hegel oder Kant oder welchen der großen Philosophen auch immer lesen: nach bewältigter Lektüre dürfe man dann wiederkommen (1). Es herrscht ein verschärftes Realitätsprinzip: Der Impuls hat sich auf den langen Marsch durch die Eiswüste der Abstraktion zu begeben, um über den unendlichen Grad seiner Vermitteltheit aufgeklärt zu werden. Und hat er dann endlich das Bewußtsein seiner selbst erlangt, ist er längst erfroren. Wie sehr der Druck von denen, die es verstehen, einem das Gefühl zu vermitteln, man müsse erst noch X oder Y gelesen haben, bevor man mitreden könne, wie sehr der Druck, auf dem laufenden, auf dem neusten Diskussionsstand zu sein, wie sehr dies viele Geisteswissenschaftler überfordert, kann man an jenen Professoren ablesen, die hinter der jeweiligen Theorie, die sie gerade vortragen, verschwinden: Ihnen gelingt es nicht mehr, das Gelesene in die eigene Person zu integrieren; sie versagen vor der Anforderung, Wahres und Falsches unterscheiden zu können, aus der Immanenz eines Kant etwa wieder aufzutauchen, seine Leistung zu würdigen und ihn dennoch zu relativieren. Der Fluß zwischen dem eigenen Sensorium, zwischen dem, was die Sinne und die Empfindungen einem zutragen, und den Begriffen eines anderen Philosophen ist unterbrochen. Hier kommt jener Intellektuelle zum Zuge, der eine Theorie gleichsam nacherzählen, referieren kann, der abstrakte Konstruktionen kondensiert auf noch abstraktere Strukturen – der Kopfmensch, zerebral bis in die Zehen. Spricht man mit ihm über den Zusammenhang von Erfahrung (Anschauung) und Reflexion, dann zeigt er nicht, wie bei ihm als „fellow creature“ beides zusammengeht oder sich verfehlt, sondern distanziert, so als ginge es ihn selbst nichts an, zitiert er Schiller und dessen Modifizierung des Kantschen Geschmacksurteils (nicht der Verstand als Vermögen der Begriffe überhaupt korrespondiert unwillkürlich mit der Einbildungskraft als dem Vermögen der Vorstellungen überhaupt, sondern eine bestimmte Empfindung wird von einem bestimmten Begriff begleitet).

Schiller spricht von der Ausbildung des Empfindungsvermögens, damit der Reflexion aufs differenzierteste Inhalte zufließen, sie gleichsam gegen ihren Abstraktionscharakter sich zur Wehr setzt, ihn nicht als unüberwindbares Hindernis hinnimmt. Mit der Idee solcher Anstrengung, die im übrigen Ähnlichkeiten mit Buster Keatons Versuchen hat, die Schwerkraft zu besiegen, verbinde ich die Vorstellung, daß Philosophie nicht nur dazu dient, ihre jeweilige Zeit in Gedanken zu erfassen, sondern daß der Philosoph an sich selber arbeitet, das eigene Ich mit Hilfe des Denkens durchbildet, eine Art Aufmerksamkeit und selbstkritischer Wachheit entwickelt für die jeweilige Situation, für das dem Augenblick angemessene Verhalten. Philosophie ist für mich nicht nur ein Training des Denkvermögens, eine Demonstration theoretischer Stärke, sondern sie ist ebenso eine Frage des Charakters, des Verhaltens, der praktizierten Humanität. Das im Philosophiebetrieb Übliche aber besteht darin, daß bestimmte Schwächen im Verhalten als das Legitime sich darstellen – so vor allem die Absenz der Fähigkeit, das eigene, persönliche, individuelle Sensorium als Quelle des Gedankens nicht nur zu nutzen, sondern nach außen hin auch zu zeigen. Wer gleichsam künstlerisch, erzählerisch veranlagt ist, wem der Begriff, das Wort, das Bild dazu dient, eigene Erfahrungen zu verarbeiten, wer Leiderfahrungen nicht nur für eine Privatsache hält, der fühlt sich in der Regel fremd inmitten von Philosophen, denen das Unpersönliche, die Ausstrahlung von Verschlossenheit, zur Norm geworden ist.

 

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Zwischenbemerkung: Auf der DOCUMENTA IX hatte Joseph Kosuth in der Neuen Galerie zwei Räume gestaltet, die dem Passagenwerk Walter Benjamins gewidmet waren. Einer der Räume war völlig schwarz gestrichen, die darin befindlichen Skulpturen, Bilder und Vitrinen waren mit schwarzen Tüchern zugehängt. Auf ihnen und auf der Wand befanden sich in weißer Schrift Zitate, überwiegend von Schriftstellern, Philosophen und Staatsmännern. Ein inhaltliches, gleichsam benjaminsches Moment dieser Rauminszenierung bestand darin, daß die Zitate einen Bezug zur Gegenwart hatten, ein Licht auf nach wie vor virulente Probleme warfen. Das Zitat war hierbei ein aus dem „homogenen“ Korpus der Tradition herausgesprengtes und damit entkontextualisiertes Detail, das sich in einen anderen, individuellen Kontext heutiger Erfahrung einfügen ließ.

Benjamin schreibt in den geschichtsphilosophischen Thesen: „Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild, das auf Nimmerwiedersehen im Augenblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt, ist die Vergangenheit festzuhalten. (…) Denn es ist ein unwiederbringliches Bild der Vergangenheit, das mit jeder Gegenwart zu verschwinden droht, die sich nicht als in ihm gemeint erkannte.“ (2)

Es gab in den sechziger Jahren eine kleine Anzahl von Schallplatten, Jazz und Lyrik. Neben Heine, Enzensberger und Rühmkorf, gab es auch eine Platte mit Gedichten von Gottfried Benn. Ich war damals Anfang Zwanzig, als wir in einem Freundeskreis diese Platten immer wieder hörten. Als ich mit meiner ersten langjährigen Freundin Ferien in einem Jugendlager in Sanary-sur-mer machte, schworen wir uns bei französisch gesungener Rock-Musik, bunten Lampen und lauer Sommernachtsluft ewige Treue. Als wir uns dann auseinanderlebten, ich mich aber am mein Versprechen gebunden fühlte, tauchten immer wieder folgende Verse von Benn in meinem Gedächtnis auf: „Hör gar nicht hin, die leisen und die lauten Beteuerungen haben ihre Frist.“ Diese machten mir allmählich bewußt, daß die Substantialität einer Beziehung einen zeitlichen Index hat, daß sie vergänglich ist. Und immer, wenn ich mich dabei ertappte, aus einem Gefühlsüberschwang heraus zu ewigen Schwüren zu neigen, tauchten diese Verse überichhaft im Bewußtsein auf, um mich von Versprechungen abzuhalten, die ich auf Dauer nicht einzuhalten vermochte. In jeder neuen Sitiuation, die anders war als die vorhergehende und doch mit ihr Gemeinsamkeiten hatte, konkretisierte sich Benns Erfahrung in meiner eigenen. Die subjektive Zueignung von Kultur, die Verwendung von Bruchstücken, die in das eigene Erfahrungskontinuum integriert werden, ja, die diese Erfahrung zu konstituieren helfen (wobei sie aufhören, Bruchstücke, ein unverbundenes Nebeneinander zu bleiben), unterscheidet sich wesentlich von wissenschaftlich-korrekter Rekonstruktion und Interpretation. Ich wüßte weder zu sagen, aus welchem Gedicht die Verse sind, noch von wann es stammt. Entscheidend ist, daß sie eine elementare Lebenserfahrung zu artikulieren helfen, die nicht nur einem Subjekt, einem Schriftsteller angehört. Indem ich mich in Teilen der Tradition „als gemeint“ wiedererkenne, bewahre ich in mir, verlebendige ich erneut, was andere vor mir erlebt, gedacht, gestaltet haben – die Vergangenheit wird für mich zitierbar.

Der Wissenschaftsbetrieb, dem dieser persönliche Umgang mit Tradition fremd ist – und wo er stattfindet, zumeist verschwiegen wird -, vermittelt einem ein Gefühl der Illegitimität, so, als hätte man einen Persönlichkeitsdefekt. Erst wenn eine Autorität auftritt, deren vergleichbare Erfahrungen publiziert werden – so das Buch von Roland Barthes über Fotografie (Die helle Kammer) und seinen persönlichen Umgang damit -, darf man dann auch mal das tun, was sonst als anrüchig gilt. Ich kenne eine Reihe von Leuten, die abschalten oder gar nicht zuhören, wenn man die Reflexion eigener Erfahrungen vorträgt. Kann man die Erfahrung aber in Zitate verpacken, kann man das Eigene hinter der Autorität eines bekannten Philosophen, Schriftstellers, Künstlers verstecken, erreicht man zumindestens eine flüchtige Aufmerksamkeit. Menschen, die nur dasjenige ernst nehmen, was über die Aura des Etablierten verfügt, sind hierarchie- und autoritätsfixiert (3), leiden, ohne es zu wissen, an geistiger Unselbständigkeit. Ihre Unfähigkeit, auf Authentisches angemessen zu reagieren, wird dann rationalisiert mit der Behauptung, Authentizität sei historisch nicht mehr möglich.

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Wird ein traditionsreicher Lehrstuhl übernommen, wie etwa einst der von Adorno in Frankfurt oder der von Bloch in Tübingen, so versteht es sich von selbst, die „Schüler“ des Verstorbenen oder Emeritierten so rasch wie möglich auszuschalten. Die Mechanismen der Übernahme sind immer die gleichen und unterscheiden sich kaum von denen, die der Geld- und Kapitalimperialismus der BRD nach dem Ende der DDR im Osten hat walten lassen (es handelt sich um die Wiederholung antiker beziehungsweise elisabethanischer Muster der Machtsicherung durch Eliminierung des vermeintlichen oder wirklichen Konkurrenten). Die durchsetzungsstarken Philosophen unterscheiden sich hierin kaum von den „rechten“ Politikern, die mit den Linken im öffentlich-rechtlichen Rundfunk in den neuen Bundesländern aufgeräumt haben. Als Entschädigung für das eigene, schurkenmäßige Verhalten, das keineswegs schurkenmäßig ist, sondern üblich (4), schreibt man eine Ethik über die Notwendigkeit der Akzeptanz des Anderen. Das Gute, und was sich durchsetzt, muß gut sein, verlangt wie zu allen Zeiten schließlich Opfer. Das Multitalent siegt über den Charakter, und das heißt, Talent allein genügt nicht, man muß sich auch erfolgreich präsentieren und verkaufen können: Je mehr Mitmenschlichkeit man sich aufgrund der erworbenen Reputation und des gesicherten Einkommens leisten könnte, desto weniger hat man sie dann nötig.

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Es gibt eine Gestalt der Philosophie, die über den Dingen zu stehen scheint. Sie repräsentiert eine Form der Analyse von gesellschaftlichen und geschichtlichen Vorgängen, die merkwürdig abstrakt bleibt: Der Philosoph ist von dem, was er schreibt, selbst nicht betroffen. Die Leiderfahrung, über die er berichtet, ist nicht seine eigene, sondern die eines anderen. So dienten in den letzten Jahren Victor Klemperers Tagebücher so manchem etablierten Wissenschaftler als bereits vorverdaute Nahrung, die er nur noch wiederzukäuen brauchte. Man kann und muß nicht alles selbst durchlebt und durchlitten haben, worüber man nachdenkt, aber der metastasierten Darstellung der Wirklichkeit ist zumeist anzumerken, daß sie nicht aus dem schreibenden Ich selbst kommt. Nicht selten vermittelt die begriffliche Deutung der Realität, die mit dem Anspruch auftritt, aktualisierte Geschichtsphilosophie zu sein, das Gefühl von Verarmung, vor allem eben deshalb, weil ihr im wesentlichen drei Perspektiven abhanden gekommen sind: die erste ist die Froschperspektive, die zweite die des Beteiligten und die dritte bezeichnet weniger den Ort, von dem aus wahrgenommen wird, sondern mehr eine Blickrichtung, nämlich die der Introspektion, der Blick, der nach Innen geht.

Die Froschperspektive ermöglicht eine wesentlich andere Wahrnehmung der Menschen als die Perspektive von Etablierten: die Menschen verhalten sich gegenüber anderen, von denen sie sich etwas erhoffen, von denen sie etwas wollen, die in der gesellschaftlichen Hierarchie über ihnen stehen, großzügig, entgegenkommend, aufmerksam, schmeichelnd, kriecherisch, jedenfalls so, daß man narzißtische Kränkungen vermeidet und anstelle von kritischer Analyse dem Ego des potentiellen Gönners, Auftraggebers oder Förderers ein Wohlgefühl vermittelt. (Im Geschäftsbetrieb kann man die Bestechung der Libido auch noch von der Steuer absetzen.) Mit naivem Erstaunen habe ich mich immer wieder gewundert, daß Menschen auf Schmeicheleien hereinfallen, anstatt sie zu durchschauen. Jeder Mensch neigt dazu, das Bild, das er von sich selber hat, zu idealisieren. Nichts fürchten wir mehr, als gesagt zu bekommen, daß wir uns über uns selbst täuschen (der Untergang der Titanic war nicht nur ein Großereignis, sondern wiederholt sich täglich in den Kollisionen, die wir unserer Selbstüberschätzung „verdanken“). Moliere hat mit seinem Menschenfeind verdeutlicht, was einem widerfährt, der statt der wohltuenden Lüge die Wahrheit sagt: Alceste, der Protagonist, wird nach einer ganzen Reihe massiver Anfeindungen am Ende aus der Stadt getrieben. Daß es der Kraft bedarf, an der Realität nicht irre zu werden, irre, weil der Gerechtigkeitssinn und die eigene Wahrnehmung, weil das Bedürfnis nach Aufrichtigkeit und Authentizität ständig herabgesetzt, für nichtig erklärt werden, wird äußerst selten in Seminaren vermittelt. Im Gegenteil: Die Mißachtung des Individuums, die Reduktion der Menschen durch die Gesellschaft auf ihren Nutzwert für partikulare Interessen – das beginnt beim Mißbrauch von Kindern, erstreckt sich über die Instrumentalisierung des anderen für den momentanen Eigennutz (man holt für sich aus den stets wechselnden Beziehungen Vorteile heraus und vermeidet Verpflichtungen) bis hinein in die Arbeitswelt, in der die Subjekte nur Dispositionsmasse sind -, dieser Mißachtung erteilt die Philosophie ihren Segen dadurch, daß sie zynisch jede, auch noch die kleinste Möglichkeit gelingender Authentizität in dieser Hölle, die man Gegenwart nennt, leugnet.

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Der Künstler Flatz zum Beispiel hat eine Reihe von Arbeiten realisiert, in denen er das Maß des Ertragbaren für sich selbst auf die Probe stellte. In „Performances“ trat er als passiver Akteur auf: Er hat sich unter einen Teppich gelegt oder im Vorraum einer öffentlichen Toilette in eine Handtuchrolle einnähen lassen, hat sich den Füßen anderer oder dem Abtrocknen der Hände dargeboten. Die Wehrlosigkeit, mit der er sich präsentierte, haben die meisten nicht mit Behutsamkeit beantwortet, sondern mit brutalen Fußtritten und Schlägen. Er hat sich in einer anderen „Aktion“ als Zielscheibe präsentiert: Gegen eine Prämie von 500.– DM konnte man mit Dart-Pfeilen nach ihm werfen. Nicht wenige waren bereit, für diesen Betrag Flatz als „Target“ zu benutzen. Um Idealist sein zu können, das heißt, um sich einen Rest utopischen Glaubens an die Menschheit bewahren zu können, muß man die Unmöglichkeit seiner Verwirklichung am eigenen Leib in Erfahrung bringen. Wenn man Menschen aber nur aus der Vogelperspektive betrachtet, aus sicherer Distanz, entzieht sich dem Blick die sprichwörtliche Sau, die da herausgelassen wird, wo die Betreffenden glauben, hier könnten sie die von den zivilisatorischen Regeln dem Ich auferlegte Kontrolle fahren lassen.

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Wenn der Philosoph wirklich souverän wäre, und das heißt, die Reflexion seines eigenen Tuns leistete, dann wären ihm auch die vielfältigen Motive, die in seinem Denken mitschwingen, bewußt, und er könnte offen darüber reden. Die Arbeit des Gedankens wäre dann gleichzeitig die Arbeit an der eigenen Person. Selbstwahrnehmung (Introspektion), Selbstreflexion sind hier die Schlüsselworte. Das heißt für mich, Theorie nicht zu mißbrauchen, um Stärke zu demonstrieren. Zwar halte ich wenig von der Kammerdiener-Perspektive, über die bereits Hegel sich mokierte (heute sollte man sie Paparazzi-Perspektive nennen, die ihren Nährboden in der Geilheit der Geilen nach Enthüllung hat), aber Philosophie (und nicht nur sie) muß sich an ihren eigenen (moralischen) Ansprüchen messen lassen. Klaus Heinrich spricht in seinem Buch tertium datur (5), das eine Kritik logischer Axiome darstellt, davon, daß die Art der Religionswissenschaft, die er betreibt, sich mit dem Verdrängten der Philosophie beschäftigt, sich ihm zuwendet. Das aus der Philosophie Vertriebene sei ins Exil gegangen, habe Aufnahme gefunden im Reich der Religionswissenschaft und – so füge ich hinzu – im Reich der Kunst. In solcher Sicht steckt ein resignatives Moment: Die Philosophie wird den Formalisten, den vertrockneten, unerotischen Archivaren, den bloßen Wiederkäuern der Philosophiegeschichte, sie wird den Verdrängern, Ausgrenzern und Machtmenschen unter den Philosophen überlassen. Adorno spricht in der Minima Moralia davon, daß der eigentliche Gegenstand der Philosophie die Lehre vom richtigen Leben gewesen sei (6). Mit anderen Worten: Was die Substanz der Philosophie ausmacht, soll vergangen sein. Doch die kritische Reflexion auf das, was von herrschender Philosophie für unwesentlich erklärt wird, ist selber Philosophie. Oder sagen wir, ist möglicherweise Philosophie in einem anderen Aggregatzustand, in einer anderen Daseinsform.

Die Arbeit des Philosophierens, das Nachdenken, die begriffliche Durchdringung der Realität, in der man lebt, ist nicht ohne Anstrengung, ohne Konzentration möglich. Der Tätigkeit des Strukturierens von Wirklichkeit wohnt ein Moment des Scheins und der Täuschung, genauer der Selbsttäuschung inne. Hermann Schweppenhäuser hat in einem Interview anläßlich seines siebzigsten Geburtstages auf die Frage nach der jüdischen Tradition der kritischen Theorie geantwortet, dieser Anteil sei unter anderem zu finden in der „Kritik der Ikonolatrie, der Bildlichkeit und ihrer dialektischen Negation“(7). Das heißt: Die begriffliche Entfaltung des Gehalts der Bilder ist zugleich auch immer ein Deutlichmachen ihres Scheincharakters. Aber das Täuschende ist nicht nur ein Element des Bildes beziehungsweise bildlicher Darstellung (im Alten Testament geht es dabei um die Spannung der Endlichkeit des Bildes und der Bilderlosigkeit des Gottes: Gott läßt sich in keinem Bild angemessen darstellen), es ist eben auch ein Bestandteil der Reflexion. In dem Augenblick, in jenen Stunden und Tagen, in denen ich schreibe, stellt sich ein Gefühl von Klarheit ein, von Souveränität: Es ist, als habe man zum Beispiel die Kräfte, die in der Angewiesenheit der Menschen aufeinander wirksam sind, vollständig durchschaut, als habe man das Ineinander von Rationalität und Rationalisierung (in welchem Maße sich die Instinkte des Denkens bedienen und die egozentrierten Interessen Vernunft als Maske mißbrauchen) aufgedröselt. Doch in der Sekunde, in der man wieder zum Handelnden wird, in der man wieder verstrickt ist in das Zusammenspiel mit anderen, in die komplizierte Chemie der Gefühle und Empfindungen, der narzißtischen Bedürfnisse, Sprachlosigkeiten und Ängste, Unsicherheiten und ihrer Kompensation durch Arroganz, in dieser Sekunde schmilzt die Souveränität wieder dahin. Die Eigenschaft, die Kant aufgeklärter Vernunft zuschrieb, nämlich dem besseren Argument in sich Platz zu machen, aus Einsicht Vorurteile aufzugeben, ist bei den meisten Menschen nur schwach ausgeprägt. Die Wahrheit zu sagen, oder das, von dem man glaubt, daß es die Wahrheit sei, ruft in der Regel Abwehr hervor. Daß Wahrheit und Narzißmus, Erkenntnis und Eitelkeit in einem Spannungsverhältnis stehen, davon erfährt man beim Studium der Philosophie nicht allzuviel. Es ist unendlich leichter, Aufsätze und Bücher zu schreiben – man kann dabei ungestört Formulierungen korrigieren, nach dem richtigen Wort, Begriff, Ausdruck suchen, man ist relativ frei von Rücksichtnahmen auf ein Gegenüber -; es ist erheblich einfacher, in einem Seminar mit einigermaßen festgelegten Rollen (festgelegt durch die Institution Universität) zwischen dem Lehrenden und den Lernenden die Gehalte von Texten zu entfalten (8), als das, was man für vernünftig hält, gegenüber Personen durchzusetzen, von denen man abhängig ist und die möglicherweise innerhalb der Hierarchie, in der man arbeitet, mehr Macht besitzen. Die Universität ist im Vergleich zum außeruniversitären Berufsalltag ein schützender Hort, der – so jedenfalls war meine Erfahrung – Leistung durch gute Noten, Anerkennung und Stipendien honorierte. Als ich in meiner Eigenschaft als Leiter der documenta-Führungen 1992 einen Vortrag, der in Leipzig stattfinden sollte, verfaßte, wurde ich vom Geschäftsführer mit den Worten zurechtgewiesen: Ich hätte Büchner und Beckett sowie einige der ausstellenden Künstler zitiert (9). Das würde bei den potentiellen Besuchern den Eindruck hervorrufen, sie müßten das alles erst lesen, bevor sie die DOCUMENTA IX besuchen könnten. Bildung schreckt ab, senkt die Besucherzahlen und damit die Einnahmen. Was zählte, war der finanzielle Erfolg, die Inhalte waren völlig gleichgültig.

Der rationale Diskurs als Idee ist gemessen an der vom Kommerz bestimmten Berufsrealität eine Fiktion (berüchtigt für die Austreibung des Geistes und dessen massiver Unterdrückung ist der Zeitungsverleger Rupert Murdoch, vgl. hierzu das ZEIT-DOSSIER vom 27. Mai 1994; die Habermassche Idee des herrschaftsfreien Dialogs und der symmetrischen Kommunikation zeigt bereits bei den Machtkämpfen innerhalb von Berufungskommissionen ihren illusionären Charakter). Man muß mehr als nur denken können, man muß den Mut und die Courage haben, das, was man für richtig hält, das Komplexere, das Differenziertere auch durchzusetzen. Das Durchsetzen aber bedarf zumeist solcher Fähigkeiten, die im Widerspruch zur Wahrheit stehen: Danton existiert nicht ohne Robespierre und Saint-Just. Wahrheit stirbt in dem Augenblick, in dem ihr die Intention zum Sieg verhilft. (Diese Tatsache hat nun wiederum einige Philosophen dazu verleitet, dem Begriff der Wahrheit ganz abzuschwören.)

Die Alltagsrealität ist weit hinter den Sehnsüchten der Philosophie nach einem aufgeklärten Menschen, der sich von der Vernunft leiten läßt, zurück. Man kann diese Realität ignorieren, kann wie Parmenides sich von der tauben, blinden, blöden, urteilslosen Masse distanzieren (10), sich auf den Seminarbetrieb zurückziehen und sich gegenseitig die „Lesefrüchte“ in Vorträgen, Aufsätzen, Büchern mitteilen, aber dieses Zirkulieren des Wissens innerhalb seiner selbst hat doch etwas Irreales, Unwirkliches, gleicht jener Geschichte von Kafka, in der alle nur noch Boten sein wollen, und es deshalb keine Adressaten mehr gibt, so daß man sich gegenseitig die sinnlos gewordenen Botschaften zuruft. Etwas von dieser Absurdität hat Philosophie als institutionalisierter Erkenntnisbetrieb. Die Verbeamtung der Professoren sollte jeden einzelnen von ihnen schützen, seine Unkündbarkeit sollte ihm Sicherheit gewähren, Unabhängigkeit von der Willkür des Staates und der Politik. Wer unbequeme Wahrheiten sagt, sollte nicht dadurch seine gesamte materielle Existenz aufs Spiel setzen müssen. Wo einem aber nichts mehr passieren kann, ist man der Versuchung ausgesetzt, bequem zu werden, und Bequemlichkeit heißt hier, die Beschaffenheit seines Faches, etwa die Abstraktionstendenz des Begriffs als Entschuldigung für professionelle Unnahbarkeit, für Kälte, für die Ausgrenzung von Authentizität, für die Verleugnung von Erfahrung zu benutzen. Oder die handwerklich korrekte, möglicherweise sogar aktualisierte Darstellung des schon Gedachten als Maske für die eigenen Unzulänglichkeiten. Philosophie bleibt schal und bieder ohne das Ingredienz der Selbstrelativierung, ohne das Bewußtsein ihrer Mängel und Grenzen, ohne die Einsicht in ihre Vergeblichkeit. Ein Philosoph, der nicht zugeben kann, daß sein Denken auch eine Funktion seiner Triebe, seiner Ängste, seiner Abwehr narzißtischer Kränkungen, seiner Selbstidealisierung und seiner Selbstbehauptung ist, verliert an Biß, an Schärfe, an Engagement, an Mitgefühl für die, die auf der Strecke bleiben; er bleibt zwar Philosoph, aber seinem Denken fehlt Tiefe und Glaubwürdigkeit. Tief ist nur, wer zugeben kann, daß er ein Schurke ist, ein Intrigant, Taktiker, Lügner, ein potentieller Dieb und Brandstifter, daß sein Inneres einem Abgrund gleicht, einer Jauchengrube. Nur der Misanthrop, der sich als solcher weiß, kann ein Menschenfreund sein. Philosophie beginnt erst in der Entfaltung des Scheins, im Hinweis darauf, daß der Denkende, Schreibende, Reflektierende nicht identisch ist mit dem Handelnden, daß zwischen den beiden Daseinsweisen ein Widerspruch besteht, hier und jetzt und für immer.

 

(1)

Ende der sechziger Jahre äußerte Kilian Breier, Fotografieprofessor an der Hochschule bildende Künste in Hamburg, über Bazon Brock, der ebenfalls an dieser Schule lehrte: „Brock ist uns immer gerade um ein Buch voraus, so daß wir nicht mitreden können.“ Dieser Satz ist einerseits Ausdruck eines Ressentiments, andererseits trifft er objektiv die   Arroganz von Brock, der auf andere nicht eingeht, sondern ihnen das Gefühl vermittelt,   sie können mit ihm nicht mithalten. Wissen wird zum Dünkel.

 

(2)   Ich zitiere hier nach der von Siegfried Unseld herausgegebenen Sonderausgabe in der   Reihe >>Die Bücher der Neunzehn<< Band 78, Walter Benjamin, Illuminationen, Ffm.    1961, S. 270

 

(3)  Der Vorgang des Zitierens ist mindestens doppeldeutig: Es gibt das autoritäre Zitat, das denjenigen, der von einer Doktrin abweicht, bei der Stange halten soll. Die Bibel sagt, Lenin, Mao usw. hat gesagt. Vergiß dein eigenes Denken, deine eigene Wahrnehmung, füge dich ein in die von den Machthabern gesetzten, kollektiv verbindlichen Regeln; der zweite Modus des Zitierens ist eine Art des Sich-zur-Wehr-Setzens: das Ich findet in den Gedanken anderer Anteile von sich selbst wieder, die seine Individualität bestärken, ihm helfen, seinen eigenen Sinnen, seinem eigenen Denken mehr zu vertrauen.

 

(4)  Siehe Kafkas Erzählung Eine Gemeinschaft von Schurken; dieser Text findet sich unter anderem in: Franz Kafka, Die Erzählungen, S. Fischer Verlag, Ffm. 1961, S. 302

 

(5)  Klaus Heinrich, Dahlemer Vorlesungen, tertium datur. Eine religionsphilosophische Einführung in die Logik, Basel und Ffm. 1981

 

(6)  Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Ffm. 1962, S.7ff.

 

(7)   Unreglementierte Erfahrung oder Konsenszwang? Ein Gespräch mit Hermann  Schweppenhäuser (Gesprächspartner ist Georg Sagriotis und Fotis Terzakis), in:  Zeitschrift für kritische Theorie, 6/98, Lüneburg 1998, S. 113

 

(8)  1968 war ein Datum, das sowohl die den Professor stützende Institution als auch seine Autorität in Frage stellte, und so mancher der Professoren erlebte sein Golgatha.

 

(9)       Eine weitere Funktion des Zitierens besteht darin, deutlich zu machen, daß in der Tat etwas, das heute geschieht, als Problem im Grunde genommen in ähnlicher Form schon einmal existierte.

Die Kritik Büchners im Lenz am idealistischen Menschenbild war auf der DOCUMENTA  IX vertreten in der Polarität u. a. zwischen Gerhard Merz und Ilya Kabakov. Merz protzte mit „Idealarchitektur“, Kabakov hatte hingegen ein windschiefes Toilettenhäuschen  zusammen mit Kunststudenten erbaut. Im Lenz ist davon die Rede, daß der am Idealismus orientierte Maler keine wirklichen Menschen darstellt, sondern nur Holzpuppen, und dieser  Maler sei gleichzeitig unfähig, eine Hundehütte zu zeichnen.

Das Bewußtsein, daß etwas schon einmal da war, sollte die Erkenntnis der eigenen Geschichtlichkeit befördern, aber nicht den Wert der eigenen Erfahrungen herabsetzen.

Die Anstrengung, derer es bedarf, um Geschichte nicht blind zu wiederholen, erfordert einerseits das Studium historischer Strukturen und andererseits die präzise Wahrnehmung der gelebten Situationen. In dieser Anstrengung und in der mit dieser Anstrengung verbundenen Erfahrung liegt das Authentische. Wer gegen den Konformismus seinen kritischen Stachel richtet, wird mit der Erkenntnis belohnt, daß der Charakter des Menschen sich leider sehr wenig geändert hat.

 

(10)   Parmenides, Ontologie, in: Die Vorsokratiker, hrsg. von Wilhelm Capelle, Stuttgart  1968, S. 165f.