Ein Beitrag von Christoph Butterwegge auf DR

Kann jemand arm sein, wenn er ein Auto besitzt? Armutsforscher Butterwegge warnt davor, diese Frage in Deutschland zu verneinen. Je entwickelter eine Gesellschaft ist, desto weiter sollte ihr Armutsverständnis sein.

„Armut“ war in der Bundesrepublik Deutschland jahrzehntelang ein Tabuthema, das von den Massenmedien höchstens während der Vorweihnachtszeit aufgegriffen, überwiegend zum Zweck der erfolgreichen Spendeneinwerbung behandelt und dann für die folgenden zwölf Monate wieder „vergessen“, verdrängt oder vernachlässigt wurde.

Nach dem Inkrafttreten des im Volksmund „Hartz IV“ genannten Gesetzespaketes avancierte die Armut zwar vorübergehend zu einem Modethema, das in zahlreichen Fernseh-Talkshows aber eher zerredet wurde. In jüngster Zeit hat der Streit darüber, was unter Armut in einer wohlhabenden, wenn nicht reichen Gesellschaft wie der unsrigen zu verstehen ist, nicht zuletzt durch die Zuwanderung vieler Flüchtlinge an Heftigkeit gewonnen.

Bei der Armut handelt es sich um ein mehrdimensionales und sehr komplexes Phänomen, dessen Wahrnehmung und Bewertung nicht bloß von den sozioökonomischen Rahmenbedingungen und den herrschenden Wertvorstellungen , sondern auch von dem Erfahrungshorizont, der gesellschaftlichen Stellung und dem weltanschaulichen, religiösen bzw. politischen Standort des jeweiligen Betrachters abhängen. Da es aus diesem Grund keine allgemein verbindliche Definition von Armut gibt, unterscheidet man zwischen absoluter, extremer oder existenzieller Armut einerseits sowie relativer Armut andererseits.

Absolute Armut und relative Armut

Von absoluter Armut ist betroffen, wer seine Grundbedürfnisse nicht zu befriedigen vermag, also die für das Überleben notwendigen Nahrungsmittel, genügend Trinkwasser, eine den klimatischen Bedingungen angemessene Kleidung, ein Dach über dem Kopf und eine medizinische Basisversorgung entbehrt. Von relativer Armut ist betroffen, wer sich mangels finanzieller Ressourcen nicht oder nicht in ausreichendem Maße am gesellschaftlichen Leben beteiligen kann, sondern den allgemein üblichen Lebensstandard für längere Zeit deutlich unterschreitet.

Diese Form einer „milderen“ Armut beruht auf einem Mangel an Teilhabe- beziehungsweise Beteiligungsmöglichkeiten. Lebt die Person im zuerst genannten Fall am physischen Existenzminimum, verfehlt sie im zuletzt genannten Fall das soziokulturelle Existenzminimum, ist also von normalen sozialen, kulturellen und politischen Aktivitäten ausgeschlossen. Deshalb kann hierzulande auch arm sein, wer ein Smartphone oder ein Auto besitzt, wie man auch reich sein kann ohne solche Statussymbole, die unter dem Gesichtspunkt der Teilhabe oder der Möglichkeit dazu oftmals eine wichtige Rolle spielen.

Kontroverse Debatte über „wirkliche“ Armut

In der Kontroverse darum, ob es sich bei uns „wirklich“ um Armut handelt oder nicht, geht es um Grundsätzliches, das herrschende Armutsbild und den Umgang mit Armut in einem reichen Land. Je entwickelter eine Gesellschaft ist, desto weiter sollte ihr Armutsverständnis sein, fördert ein hoher Lebensstandard doch die soziale Ausgrenzung von Menschen, deren Einkommen nicht hinreicht, um selbst beim „normalen“ Alltagskonsum mithalten zu können und sich gleichberechtigt am sozialen, kulturellen und politischen Leben zu beteiligen.

Erfolge im Kampf gegen die relative Armut sind viel schwerer zu erringen als im Kampf gegen die absolute Armut, weil die Einkommensverteilung so beeinflusst werden muss, dass niemand zu weit nach unten vom Mittelwert abweicht. Denn im Unterschied zur absoluten Armut, der man auf karitativem Wege, das heißt mit Lebensmitteltafeln, Kleiderkammern und Möbellagern begegnen kann, erfordert die Bekämpfung der relativen Armut, dass man den Reichtum antastet.

Hier dürfte auch einer der Gründe dafür liegen, warum die Existenz relativer Armut gerade von Personen in Abrede gestellt wird, die zu den Privilegierten, zu den Besserverdienenden und zu den Vermögenden gehören