Postfaktisch: Erst einmal nur einige Gedankenfragmente zu diesem Begriff beziehungsweise zu diesem Attribut.

Der Begriff suggeriert durch die Verwendung der Vorsilbe „post“, die Leut hätten die Fakten bereits hinter sich gelassen, haben sie aber nicht, denn genaugenommen haben sie diese noch vor sich, wobei sie aber gar nicht realisieren (im englischen Sinne von realise), dass es sie, die fakten, überhaupt gibt.

Nehmen wir an, Fakten wären wie Berge, so müsste man zunächst hinaufsteigen, um wieder heruntersteigen zu können.

Ich fahre mit dem Rad eine Steigung hinauf, und oben angekommen, lasse ich mich dan mit leicht angezogener Handbremse hinabrollen.

Ungeachtet meines Einspruchs gegen die irreführende Vokabel postfaktisch, wird sie mittlerweile vielfach verwendet. Zum ersten Mal habe ich sie aus dem Munde von Christian Ehring (extra 3) gehört. Heute hat Michael Haas einen ZEIT-Artikel verlinkt, in dem im Journaille-Stil vom Zeitalter der Postfaktizität geredet, genauer, geschrieben wird.

Das ist reiner Unsinn oder so eine Art des Großmannstum, nach dem Motto: Wir von der großen Wochenzeitung, in der alles viel später kommt, dafür aber reflektiert und durchdacht, wir haben die Definitionsmacht. Denn das Meinen (eine Ansicht von Dingen haben, die man noch nie gesehen hat) ist eine uralte Geschichte, sie gibt es, seit es Menschen gibt, sie ist gleichsam eine Konstante der Geschichte.

So schrieb Epiktet (50 bis 138 nach Christus):
Nicht die Dinge selbst, sondern die Vorstellungen (Meinungen) über dieselben beunruhigen die Menschen.

Epiktet nimmt damit das voraus, was Jahrhunderte später die Psychoanalyse PROJEKTION nannte. Könnte zirka ein Jahrhundert her sein.

Ich las vor 20 Jahren aufgefordert von einem damaligen Nachbarn, er war Altnazi und hatte ein kritisches Buch über Adorno geschrieben, ich las eben dieses Buch und stellte fest, er hatte keine Zeile von Adorno verstanden.
Was er kritisierte, waren gleichsam seine Missverständnisse, er schlug auf seine eigenen Projektionen ein, ohne das aber zu merken.

Kleiner Ausflug zu Hegel:

Er schreibt, er schrieb: Was ich meine, gehört mir als diesem besonderen Subjekt an, es ist mein; Sprache aber ist allgemein, deshalb kann ich nicht sagen, was ich bloß meine.

Da ich Philosophie studiert habe, saß ich zwangsläufig jedes Semester aufs Neue in Philosophie-Seminaren. Was am meisten dort verpönt war, war der Versuch, die Allgemeinheit der Begriffe, genauer, ihre Abstraktheit mit Erfahrung zu verbinden. Begriffe durch Erfahrung zu konkretisieren. In einem Seminar von Gernot Böhme über Kants KRITIK DER PRAKTISCHEN VERNUNFT versuchte man, den KATEGORISCHEN IMPERATIV mit Inhalt zu füllen. Handle so, dass die Maxime deines Handelns stets zur allgemeinen Gesetzgebung dienen kann.

Es gelang nicht, keiner im Seminar, auch Böhme nicht, vermochte ein Beispiel aus dem Alltag zu finden. Das spricht nicht gegen Kant, sondern gegen die Unfähigkeit der Seminarteilnehmer, Philosophie mit Leben zu erfüllen oder umgekehrt das Leben mit Philosophie.

Dieser Text ist fortführbar. Nur noch ein kleiner Hinweis: Jeder Krimi hat es damit zu tun, Urteile, Schlüsse, Schlussfolgerungen mit den Fakten zu verbinden. Den Krimi gibt es nicht erst seit Pegida oder AfD.
Sherlock Holmes war ein Meister der Wahrnehmung von sinnlichen Spuren (rote Erde am Schuh) und der Schlussfolgerungen aus den wahrgenommenen Fakten.
Die Lupe ist das Symbol fürs genaue Hinschauen.

Und in jenen Zeiten, in denen man Frauen als Hexen verbrannte, hatten die Fakten keinen großen Wert.

Zu erinnern ist an die Dialektik der Aufklärung: Aufklärung sollte das Magische ersetzen, das wahre Wissen die Einbildung.

Um auf den gegenwärtigen Gebrauch des Attributs postfaktisch zurückzukommen: Verwendet wurde es von Christian Ehring, um PEGIDA und AfD zu charakterisieren. Doch im Hinblick auf diese Personenkreise müsste man von präfaktisch oder antefaktisch reden, denn sie vermeiden ja die Wahrnehmung der Fakten, wobei Fakten keine isolierten Phänomene sind, sondern sich stets einem Zusammenhang verdanken, der aber mit Vorliebe schon massiv zum Beispiel in der Hetze gegen Arbeitslose verleugnet wurde. Westerwelle oder Merkel, Springers BILD und RTL haben das Bild vom Schmarotzer gezeichnet, stets dick aufgetragen, ohne deutlich zu machen, wieso Menschen arbeitslos werden. Fakt ist, dass seit Jahrzehnten darüber reflektiert wurde, dass beispielsweise Automatisierung oder Rationalisierung Arbeitsplätze vernichtet – ein Fakt, der seitens dieser widerlichen Medien nicht zur Kenntnis genommen wurde. Anstatt die Tränen der Entlassenen von Nokia zu zeigen, publizierte man einen, der auf dem Sofa saß, rauchte, Bier trank und fünf Handys sein eigen nannte – letztere vermutlich Abfindungen von Nokia.

Die neoliberalen Hetzmedien haben vor Pegida und AfD den Boden bereitet für die Unfähigkeit, Fakten wahrzunehmen.
Ich erinnere noch, das mag nun 10 Jahre her sein, dass Merkel damals schon behauptete, Deutschland geht es so gut wie nie zuvor. Ich habe dieser Behauptung Fotos entgegengestellt, die Verwahrlosung im öffentlichen Raum zeigten.
Schon unter Schröder wurde die zunehmende Verkommenheit in der Gesellschaft zugekleistert mit Propaganda-Plakaten, die Optimismus verbreiten sollten: Deutschland ist Exportweltmeister, Du bist Deutschland usw.
Verdrängung der Realität wurde zum Programm einer lobbygesteuerten Politik, die einem das Foto eines Palastes zeigte, während sie einem das Haus hinter dem Rücken abriss.