Eine Erinnerung

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„Looohmann, komm wir gehen zu Lohmann!“, rief Nurredin von der anderen Seite der Straße. Es war kurz vor 18 Uhr, und ich hatte den Nachmittag über auf dem Mäuerchen gesessen, zusammen mit Gütter und Wenzel. Wir waren Kollegiaten, besuchten das Hessenkolleg, um auf dem 2. Bildungsweg das Abitur nachzuholen. Der Unterricht endete in der Regel um 13 Uhr, und meistens fuhren wir in Gütters Ente in die Stadt, ins Tchibo in der Wilhemsstraße. Die Tasse Kaffee kostete in jenen Jahren 10 Pfennige. Tchibo war neu und wollte Kunden in den Laden locken. Wir standen dort eine Weile herum, schlürften an unseren Tassen und brachten so unseren Kreislauf in Schwung, ohne diesen dann zu nutzen, denn unser nächstes Ziel war das Mäuerchen. Es befand sich im Zentrum der Stadt und trennte die Königsstraße, die Fußgängerzone, von der großen, freien, begrünten Fläche des Friedrichsplatzes.
„Looohmann, komm wir gehen zu Lohmann!“, rief Nurredin, und wir brachen unser Herumhängen auf dem Mäuerchen ab, um es bei Lohmann fortzusetzen. Lohmann war eine Kneipe in der Nähe der Innenstadt und öffnete abends um 6 Uhr. Aber Lohmann war nicht nur eine Kneipe, es war ein Zuhause, eines außerhalb von Zuhause, es war der Treffpunkt von Oberstufenschülern, Kunststudenten, Kollegiaten und anderen Jugendlichen, an deren „Herkunft“ ich mich nicht mehr erinnere. Betrieben wurde das auf einem Trümmergrundstück sich befindende Lokal von einem älteren Ehepaar, von Opa und Oma Lohmann. Der halbe Liter Bier kostete 60 Pfennige und ein Wellfleischbrot ebenso wenig. Im Winter wurde das Lokal von einem Kohleofen erwärmt, im Sommer konnte man draußen sitzen. Drinnen roch es das ganze Jahr über nach dem Öl der geschwärzten Fußbodendielen, und abends lief im Fernsehen „Mit Schirm, Charme und Melone“.

Ich habe natürlich nicht jeden Nachmittag auf dem Mäuerchen gesessen, oft verbrachte ich die Stunden auch im Fotolabor des CVJM, um Filme zu entwickeln und Bilder zu vergrößern. Ich hatte damals als Jugendlicher … ich suche nach dem Wort für einen positiven Teufelskreis … also keinen Teufelskreis …. sondern für etwas mich Beglückendes … für etwas, das sich gegenseitig verstärkte. Ich fotografierte Mädchen im Teenager-Alter, dem ich gerade mal seit drei Jahren entronnen war. Abends ging ich mit den frischen Prints zu Lohmann, zeigte die Bilder herum und fand so immer wieder neue Interessenten, meist waren es aber Interessentinnen, unter denen sich auch die Zwillinge befanden: Gisela und Jutta Schmidt, die später Getty und Winkelmann hießen.

Etliche Nachmittage, über die Jahre von 65 bis 68 verteilt, trafen wir uns zu Fotoshootings, vornehmlich an der Orangerie, die damals noch eine Ruine war; in der Karls-Aue, an der Gustav-Mahler-Treppe, die in den Sechzigern noch nicht so hieß, oder wir fuhren mit dem Auto zum städtischen Müllplatz außerhalb der Stadt, im Osten von Kassel zwischen Nieder- und Oberkaufungen.

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Ich kann über die Zwillinge wenig sagen, nichts über ihren Charakter oder über ihre Persönlichkeit. Es war ihre Schönheit, die mich anzog. Dennoch habe ich mich immer auf Distanz gehalten, denn sie hatten bereits Freunde. Andererseits waren sie mir zu naiv (ich war damals 23, die beiden waren 16). Es könnte aber auch sein, dass ich mich nicht attraktiv genug fühlte und befürchtete, ohnehin keine Chance zu haben. Ich trug bis Ende 66 eine Perücke, weil ich seit der Pubertät an Alopecia areata litt, die mich allerdings schon früh nötigte, über mich und das Leben intensiver nachzudenken. Darüber, warum ich nicht so wie alle anderen war. Im übrigen setzt das Tragen einer Perücke vor allem in jungen Jahren das Selbstwertgefühl drastisch herab.

Die Zwillinge begannen nach ihrem Abschluß an der Waldorfschule an der Werk- oder Kunsthochschule zu studieren, so genau erinnere ich das nicht mehr, ich weiß nur, dass ich mir eines Tages, es könnte 1967 gewesen sein, eine Kaltnadelradierung von Gisela in der Kunstakademie abholte, um sie als Illustration für unsere Kollegiatenzeitung namens „mistbeet“ zu verwenden, die wir professionell drucken ließen und für die ich als Layouter und als Verfasser literarischer Texte zuständig war (ich erwähne das, nicht um meiner Eitelkeit willen, sondern um auf einen Bruch hinzuweisen: Als unser Jahrgang – gemeint ist der am Kolleg – sich auf das Abitur im März 1968 vorbereiten musste, wurde die Redaktion von einem strammen 68er übernommen, der Schluss machte mit der Ästhetik und das „mistbeet“ auf ein paar hektographierte Blätter reduzierte).

Die Radierung von Gisela zeigte Vögel in kindlicher Linienführung, und als ich die Schwestern einmal zu Hause besuchte, sie wohnten damals noch bei ihren Eltern in der Nähe von Lohmann, brachte mir Jutta ein Glas Limonade mit den Worten: „Hier hast du dein Trinkzeug.“ Wie gesagt, die beiden waren noch sehr jung und evozierten am ehesten den Titel eines der Bände von Prousts Recherche: „Im Schatten junger Mädchenblüte“.

Meiner Erinnerung nach hatten unsere Fotoshootings in jenen Jahren absolut nichts mit Politik zu tun, sondern – von meiner Seite aus – am ehesten etwas mit der Sehnsucht nach Glück, nach Liebe und Erfüllung. Als ich 1968 an der Kunsthochschule zu Hamburg aufgenommen worden war und meine Mappe älteren Studenten zeigte, sagten diese, dass diese Art zu fotografieren nicht mehr zeitgemäß sei. Fotografie müsse politisch sein. Meine Antwort war, glaube ich: „Wenn man das Elend fotografiert, wirken die Bilder nur, wenn sie ästhetisch gelungen sind.“ Um diesen Widerspruch komme kein Kunstwerk herum.

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Jahre später, ich wohnte 1974 und 1975 ein Jahr an der Außenalster in der Agnesstraße, traf ich auf einem meiner regelmäßigen Sonntags-Nachmittags-Spaziergängen an der Alster unverhofft auf Jutta in Begleitung gut aussehender Männer. Vermutlich gehörten sie zur Filmcrew von Alexander Kluge, der damals in Hamburg den Film In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod drehte. Jutta war mit Fünfundzwanzig noch schöner geworden als die Jahre zuvor in Kassel.

Heute, m 23. Februar 2017, ist sie an einer Krebserkrankung gestorben.

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