„The Western mind believes that it understands all world, since it is open to all ideas and closed to none. The paradoxical result of this deep-seated assumption is that the Western mind is actually unaware of the limits of its understanding.“ (Kishore Mahbubani, 1992)

 

Harald Kimpel erwähnt in seinem Radio-Interview zur d 14 das auf diversen documenta-Ausstellungen virulente Thema „Eurozentrismus versus die Sicht-aufs-Dasein-allüberall“. Womit wohl auch die sogenannten Dritten-Welt-Länder gemeint sind. Oder die Inuit oder die Indianer oder oder oder. Kimpel sagt, die Berücksichtigung der Nicht-Europäer beziehungsweise derjenigen Künstler, welche keine Westliche-Welt-Perspektive haben, machte die Rezeption ihrer Werke  schwierig, weil man zu ihrem Verständnis den kulturellen Kontext erarbeiten müsste, aus dem heraus sie erst verständlich werden. So allgemein gesagt, ist die Aussage Kimpels richtig. Aber sie gilt nicht nur für’s Fremde. Alles bedarf eines Kontextes, um verstanden zu werden.. Das fängt schon mit jedem einzelnen Wort an. Ecke Bonk hat das auf der documenta 11 gezeigt, indem er dem Besucher das Grimmsche Wörterbuch präsentierte, und zwar mit Hilfe einer Projektion der Wörter auf eine Museumswand. Ich habe vor zwei Tagen anlässlich der Arbeit von Bill Viola auf der d 14 nach der Bedeutung des englischen Begriffs RAFT gesucht und den Ausdruck THE RAFT OF MEDUSA gefunden. Demnach weist die Video-Arbeit Violas auf ein Floß hin, obwohl auf dem Bild, auf den Bildern kein Floß zu sehen ist.

Jedes Kunstwerk entstammt einem Kontext; doch nicht nur gegenüber diesem, sondern bei allem und jedem hilft die Erarbeitung eines solchen. In der Kunst ist offenbar noch immer das Vorurteil virulent, sie müsse, weil es sich um sinnliche Gegenstände handelt, unmittelbar verständlich sein. Dergleichen aber ist ein Irrtum. Brecht sagte einst sinngemäß, die Fotografie einer Fabrik sagt nichts über den Kapitalismus, über die Verdinglichung des Menschen aus, zumal, wenn die Fabrik ästhetisch daherkommt.

Gemeint haben könnte Brecht das berühmte Foto der Turbinenfabrik der AEG in Berlin, dessen Architekt Peter Behrens ist.

Es gibt eine Fülle von Äußerungen über die Notwendigkeit von Kontextualisierung einzelner Phänomene. Zum Beispiel Schillers Erzählung „Verbrecher aus verlorener Ehre“ oder Hegels früher Aufsatz „Wer denkt abstrakt?“ Beider Quintessenz ist, Menschen und ihre Handlungen aus gesellschaftlichen Einwirkungen heraus zu verstehen. Das Bemühen um ein solches Verständnis galt einst als Fortschritt, den eine regressive Politik gegenwärtig verteufelt, und zwar im Begriff des Putin-Verstehers oder im Errichten von Zäunen, die dazu dienen, die „Geister“, die man rief, die Kräfte, die man selbst entfesselt hat, sich vom Leibe zu halten.

Wer auf die documenta kommt und bereit ist, sich Kontexte zu erarbeiten, der ist – im Kontext verblödender Politik – revolutionär und ein ganz übler documenta-Versteher. („Kleiner Scherz“, so würde Georg Schramm hinzufügen.)

Dass man sich zum Verständnis von Kunstwerken ihre kulturellen Kontexte erarbeiten muss, ist kein Argument dafür, auf Kunst aus nichteuropäischen Ländern auf einer documenta zu verzichten (was Kimpel so nicht gemeint haben dürfte). Im übrigen sind eine Reihe nichteuropäischer KünstlerInnen (zum Beispiel auf der documenta 9 und 11) Immigranten, die stark vom „european mind“ beeinflusst sind.

Es bleibt die Frage: Gibt es überhaupt noch ein ursprüngliches, von Europa nicht beeinflusstes Denken? Sind die Ureinwohner unterschiedlicher Länder nicht längst vom „western mind“ überwältigt und an den Rand gedrängt worden? Zumindest sagt das Jeff Wall in seinem Bild „The Storyteller“.

 

 

 

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