Rückschau

Ich habe gerochen alle Gerüche / In dieser holden Erdenküche;
Was man genießen kann in der Welt / Das hab ich genossen wie je ein Held!

Hab` Kaffee getrunken, hab` Kuchen gegessen / Hab` manche schöne Puppe besessen;
Trug seid`ne Westen, den feinsten Frack / Mir klingelten auch Dukaten im Sack.

Wie Gellert ritt ich auf hohem Ross / Ich hatte ein Haus, ich hatte ein Schloss.
Ich lag auf der grünen Wiese des Glücks / Die Sonne grüßte goldigsten Blicks;

Ein Lorbeerkranz umschloss die Stirn / Er duftete Träume mir ins Gehirn,
Träume von Rosen und ewigem Mai / Es ward mir so selig zu Sinne dabei,

So dämmersüchtig, so sterbefaul / Mir flogen gebrat`ne Tauben ins Maul,
Und Englein kamen, und aus den Taschen / Sie zogen hervor Champagnerflaschen

Das waren Visionen, Seifenblasen / Sie platzten – Jetzt lieg` ich auf feuchtem Rasen,
Die Glieder sind mir rheumatisch gelähmt / Und meine Seele ist tief beschämt.

Ach jede Lust, ach jeden Genuss / Hab ich erkauft durch herben Verdruss;
Ich ward getränkt mit Bitternissen / Und grausam von den Wanzen gebissen;

Ich ward bedrängt von schwarzen Sorgen / Ich musste lügen, ich musste borgen
Bei reichen Buben und alten Vetteln / Ich glaube sogar, ich musste betteln.

Jetzt bin ich müd` vom Rennen und Laufen / Jetzt will ich mich im Grabe verschnaufen.
Lebt wohl! Dort oben, ihr christlichen Brüder / Ja, das versteht sich, dort seh`n wir uns wieder.

Heinrich Heine 1851

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