Warum ich in meinem letzten Beitrag hier Brecht zitiert habe? Weil ich meine, eine Selbstgerechtigkeit zu spüren, in der Art, wie wir in der Regel andere kritisieren. Ich nehme mich nicht aus, obwohl ich sledgehammer im Gegensatz zu Ulli und dem Altautonomen keine Rechtslastigkeit vorgeworfen haben. Zunächst muss ich gestehen, ich habe keine Ahnung, was die Antifa sein soll, und ich weiß auch nicht, wo ich sie treffen kann. Ist es eine Gruppe? Hat sie einen Versammlungsraum? Ein Hinterzimmer? Trifft sie sich regelmäßig? Tritt sie irgendwo geschlossen als Phalanx auf?

Sollten mit Antifa allerdings Menschen gemeint sein, die gegen den Faschismus sind, dann kenne ich einige, also Menschen, mit denen ich infolge meiner Erkrankung überhaupt noch zu tun habe. Einen echten Faschisten, genauer gesagt, einen Altnazi, habe ich nur einmal getroffen, er war mein Nachbar in der zweiten Hälfte der 90er Jahre. Er war Öko-Gärtner geworden und hatte den Versuch unternommen, seinen Freunden Hans Jonas und dessen Buch Prinzip Verantwortung nahe zu bringen. Der Tenor war: Das Denken von Jonas sei wichtig, obwohl dieser ein Jude ist.

Warum das Brecht-Zitat? Ich hatte sledge nach einem Beispiel gefragt, nach einer konkreten Modifikation seiner Behauptung, es gäbe vielfach wieder den Faschismus. Er antwortete mit einem Hinweis auf die Antifa. Das veranlasste den Altautonomen, in sledge einen Rechten zu sehen.
Nun, die Antifa, die ich als Kollektiv nicht kenne, ist nicht sankrosankt, und ich sage das, weil ich der Meinung bin, kein Mensch ist frei von Falschem, Fehlern, Bösem. Oder, um es neutestamentarisch zu sagen, keiner ist ohne „Sünde“. Und wer das Gute will, bringt doch nur das Böse zustande (Paulus, Römer 7,15ff). Säkular gesagt: Das Gegenteil von Gut ist gut gemeint.
In den Brecht-Versen versteckt sich Adornos „es gibt kein richtiges Leben im Falschen“. Das sollte einen bescheiden machen und behutsam im Umgang mit anderen.

PS.: Unterwegs im Social-Media-Netz fällt mir auf, dass dort viel Selbstgerechtigkeit zugange ist, dass dort ein moralischer Rigorismus wütet. Wer nur den kleinsten Fleck auf seiner Weste hat, wird abgewertet und oft genug total abgelehnt. Auch das ist potentieller Faschismus. Wer Mundgeruch hat, wird erschossen. Als mein Hauswirt, der unter mir wohnte, sich in den 80er Jahren von meinem Schreibmaschinen-Geklapper gestört fühlte, hat er mir nicht gekündigt, sondern eine dicke Filzmatte geschenkt. Wir sollten mehr Zahncreme und -bürsten verschenken.