Dieser Tage postete ich hier auf dem Blog eine kurze Ansprache im Rahmen einer Veranstaltung zum Lockdown von Dieter Hallervorden, in der er deutliche Worte zur undifferenzierten Politik (z.B. alle Theater schließen) der Regierung spricht. Hallervorden sagte unter anderem, dass er es unmöglich fände, wenn Künstler unverschuldet jetzt Hartz IV beantragen müssten. Einer meiner Leser, so mein Eindruck, fand die Rede von Hallervorden insgesamt nicht gut, weil er von „unverschuldet“ gesprochen hatte.
Ich möchte nun folgendes thematisieren: Oft wird etwas gänzlich abgelehnt, weil im Ganzen ein Teil missfällt. Mir ist das 1993 passiert. Ich hatte mich nach meiner Tätigkeit als Leiter des Führungsdientes der documenta 92 bei Rolf Tiedemann, dem Chef des Adorno-Archivs in Frankfurt, beworben. Er lehnte mich ab, weil er auf der ersten Seite des ersten Kapitels meiner Doktorarbeit eine fehlende Anmerkungsziffer entdeckt hatte. Der Rest der über 400 Seiten langen Arbeit interessierte ihn nicht mehr, auch nicht, dass in den ersten Benjamin-Bänden „Angelus Novus“ und „Illuminationen“, herausgeben von Adorno, sich eine Reihe Druckfehler befanden.
Nicht erst seit Tiedemanns Abweisung, aber seit dem ganz besonders, mag ich es nicht, wenn jemand eine gute Sache wegen eines nicht ganz gelungenen Details ablehnt. Und ich halte Hallervordens Rede für gut.