Wenn ich auch letztens mich gegen das begründungslose Grundetikettieren ausgesprochen habe, so muss ich zugeben, dass auch ich einst ein Abtuer war, ein Verächter all dessen, worauf ich micht nicht einlassen wollte, zum Beispiel auf die documenta 7. Ich wohnte 1982 vorübergehend in Northeim und hatte einen kurzen Weg nach Kassel. Als ich das Fridericianum betrat, sah ich dort im ersten Raum rechts, eine goldene Säule, es könnte aber auch ein Garderobenständer mit Hut gewesen sein, genau weiß ich es nicht mehr. Jedenfalls rief ich aus, was ist denn das für’n Scheiß, und verließ die Ausstellung wieder. Erst Jahre später erfuhr ich, es handelte sich umein Werk von James Lee Byars. dem Liebhaber des Reinen und Gediegenen.
!987, als ich schon längst wieder in Kassel wohnte, arbeitete ich als Kunstvermittler in der documenta 8. Ich war genötigt, mich mit den einzelnen Werken eingehender zu beschäftigen, und das oberflächliche Abtun war nicht mehr möglich, es wich dem kritischem Verstehen.

Das Etikettieren, das ich oft hier auf dem Blog erlebt habe, vermittelt dem Etikettierer ein Gefühl der Überlegenheit über etwas, von dem er keine Ahnung hat.