Ein Beitrag von Lady Galanga

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Die Verleumdung, sie ist ein Lüftchen,
Kaum vernehmbar, in dem Entstehen,
Still und leise ist sein Wehen:
Horch, nun fängt es an zu säuseln –
Immer näher, immer näher kommt es her. –
Sachte, sachte! – Nah zur Erde!
Kriechend, schleichend! – Dumpfes Rauschen!
Wie sie horchen, wie sie horchen!
Wie sie lauschen, wie sie lauschen!
Und das zischelnde Geflüster,
Dehnt sich feindlich, dehnt sich feindlich aus und düster,
Und die Klugen und die Tröpfe
Und die tausend hohlen Köpfe
Macht sein Sausen voll und schwer! –
Und von Zungen geht’s zu Zungen –
Das Gerede schwellt die Lungen –
Das Gemurmel wird Geheule –
Wälzt sich hin mit Hast und Eile;
Und der Lästerzungenspitzen
Zischen drein mit Feuerblitzen,
Und es schwärzt sich Nacht und Schrecken
Schaurig immer mehr und mehr.
Endlich bricht es los das Wetter,
Unter grässlichem Geschmetter!
Durch der Lüfte Regionen
Tobt’s wie Brüllen der Kanonen,
Und der Erde Stoss und Zittern
Widerhallt in den Gewittern,
In der Blitze Höllenschlund! –
Und der Arme muss verzagen,
Den Verleumdung hat geschlagen. –
Schuldlos geht er dann, verachtet,
Als ein Ehrenmann zugrund.

Cesare Sterbini

(1784 – 1831), italienischer Opernlibrettist

Lothar Schirmacher

Geboren 1916 in Tilsit, Ostpreußen, als viertes Kind und einziger Sohn von Rudolf Schirmacher und Grete Schirmacher, geborene Bellmann. Rudolf Schirmacher war nach der Soldatenzeit ein kleiner Eisenbahner bei der Deutschen Reichsbahn. Mit Familie musste er 1921 nach Kassel umziehen – die Reichsbahnbehörde versetzte ihn dorthin. So wuchsen Lothar Schirmacher und seine Schwestern in Kassel auf. Einschneidendes Erlebnis für das Leben der Kinder wurde der Übertritt der Eltern zu den Zeugen Jehovas – danach gab es keine Weihnachts- und Geburtstagsfeier mehr, die Kinder wurden bald zum „Missionieren“ an Wohnungstüren gezwungen. Aus dieser frühen Zeit stammte die vehemente Empfindlichkeit Lothar Schirmachers gegenüber Dogmatismus, „alleinige Wahrheit gepachtet haben“ und organisierter Religion – er sah sich lebenslang als freidenkender Pazifist, Sozialist, Christ ohne Glaubensbindungen.

Wegen finanzieller Armut der Eltern musste er mit 14 Jahren von der Oberrealschule in eine Lehrstelle wechseln. Er lernte Schriftsetzer bei einem freundlichen, väterlichen Meister – Karl Eckerlin, der ihn politisch-gewerkschaftlich – sozialistisch beeinflusste. Sie blieben bis zum Tod Karl Eckerlins 1962 in tiefer Freundschaft verbunden, arbeiteten in den 50er Jahren zusammen im hessischen Landes- und Kasseler Stadtverband der IdK (Internationale der Kriegsdienstgegner).

Nach vier Lehrjahren ist er Schriftsetzer – doch sein Betrieb übernimmt ihn nicht, sondern entlässt ihn, weil er sich geweigert hatte, den „deutschen Gruß“ („Heil Hitler“ mit erhobenem Arm) anzuwenden. Er wird zum Arbeitsdienst eingezogen, dann umgeschult zum Maschinenarbeiter bei Henschel. Dort verhaftet man ihn von der Werkbank weg, weil er christliche Flugblätter gegen das Regime verteilt hatte, die vor Hitlers Kriegsabsichten warnten und die Misshandlung verhafteter Menschen geißelten.

Sein Leben lang sollte er dann erzählen, dass diese Verhaftung ihn daran gehindert hatte, in einem schon angekündigten Konzert Bratsche zu spielen.

Die Kasseler Gestapo foltert ihn schwer – er soll weitere Namen von Flugblattverteilern und Hitlergegnern verraten. Schwere Prügel zerstören einen großen Teil seiner Zähne.

Die Erinnerung an das Foltertrauma wird angesprochen in seinem „Novemberrequiem“, das die unterschiedliche Gedenkpraxis in Bundesdeutschland der 50er Jahre beklagt.

Er wird nach längerer Untersuchungshaft vor dem Freisler-Gericht verurteilt wegen „Hochverrats“ – da noch minderjährig zu Freiheitsstrafe – und wandert bis 1939 durch mehrere Kasseler und andere Gefängnisse und Lager, lernt viel von christlichen, sozialistischen, adventistischen, kommunistischen und gewerkschaftlichen Mithäftlingen, bringt sich im Gefängnis Französisch bei, bis er 1939 in Berlin entlassen wird . Ihm wurde verboten, nach Kassel und ins Elternhaus zurückzukehren. Zudem hatte er sich regelmäßig bei der Polizei zu melden. Sein Vater wird 1936 verhaftet, von den gesundheitlichen Folgen aus vier Jahren Haft im KZ Buchenwald erholt Rudolf Schirmacher sich nie wieder., stirbt 1955. Auch die Mutter Grete, ebenfalls Lothars Schwestern erhalten Gefängnishaft.

Seine Eltern enterben ihn in den 50er Jahren, da er als Erwachsener nicht bereit war, die ihm als Kind aufgezwungene Zeugen Jehovas – Mitgliedschaft aufrechtzuerhalten.

In seinen Berliner Jahren schließt sich Lothar – obwohl er zu den „unter Beobachtung“ stehenden „politisch Unzuverlässigen“ gezählt wird – den im Untergrund arbeitenden Menschenrettungsnetzen an, die jüdischen Menschen zur Flucht in die Schweiz verhelfen, und manchmal auch zu einem Leben im Untergrund mit Hilfe falscher Papiere. Mehrmals stellt er, wie andere auch, Untergetauchten seine Wohnung als Zwischenstation zur Verfügung, man sorgt – unter Kooperation eingeweihter Ärzte – für ärztliche Behandlung, sogar Operationen mit gefälschten „arischen“ Papiere, für Medikamente, und vieles mehr.

Tragisch: Lothars liebster Berliner Freund, ein Jude, schafft es mit Hilfe dieser Hilfenetzwerke, den Krieg in Berlin versteckt zu überleben. In den allerletzten Kriegstagen zum frische Luft Schnappen aus der Gartenlaube getreten, die sein letztes Versteck war, wird er von einem der letzten alliierten Tiefflieger aufs Korn genommen und erschossen.

Zur Wehrmacht eingezogen erlebte Lothar Schirmacher mehrere Front- und Lazarettstationen – als er erfährt, dass er nach Montecassino abkommandiert werden soll, sorgt er dafür, dass er – zu dem Zeitpunkt stationiert in Dänemark – „aus gesundheitlichen Gründen“ aus dem Dienst entlassen werden muss. Es war bekannt, erzählte er später, dass kein bei den Nazis als Regimekritiker registrierter Soldat aus Montecassino heimkehrte – man schickte sie dort absichtlich in „Selbstmord-Spähtrupps“.

Bei Kriegsende wird er – da als Verfolgter nachweislich nicht Nazi gewesen – von den Besatzungsbehörden zum kommissarischen Bürgermeister von Berlin-Mahlsdorf eingesetzt. Er engagiert sich für die hungernde Bevölkerung, leert heimlich nachts mit Freunden Lagerhallen, in denen die Nazis Lebensmittel gehortet hatten, sie beladen Pferdewagen und verteilen die Vorräte an hungernde Familien ohne Lebensmittel-Bezugsscheine. Die sowjetische Verwaltung stellt ihn dafür vor Gericht, er kommt jedoch glimpflich davon.

Nicht glimpflich erging es ihm durch die Begegnung mit einem Jeep voller betrunkener amerikanischer Soldaten – der Verkehrsunfall, den sie verursachten, zertrümmerte sein Bein, machte ihn monatelang bettlägerig mit Gips und mehreren Operationen und zum lebenslang Behinderten mit einem stark verkürzten Bein, chronischen Schmerzen, Bedarf orthopädischer Schuhe. Als Schriftsetzer zu arbeiten war danach nicht mehr möglich (außer ab und zu mal ein Flugblatgt setzen), denn damals mussten Schriftsetzer ihre Tätigkeit stehend verrichten. Seine weiteren beruflichen Wege zu erzählen würde hier zu weit abschweifen.

Die Nachkriegsjahre waren für ihn und meine Mutter (Berlinerin, ihr erster Mann im Krieg gefallen, sie heirateten 1948, lebten seit 1951 in Kassel) voller Hoffunung, dass nun „die Menschheit etwas gelernt hat“, dass alles nur noch besser werden könne, dass man auf eine gute Zukunft zugehe.

Die 50er Jahre sehen ihn politisch vielfältig engagiert: Gegen Wiederaufrüstung, in einer Gruppe „Christen gegen Atomgefahren“, in der SPD, aus der er später austritt, um mit anderen die „Vereinigung Unabhängiger Sozialisten und Sozialdemokraten°(VUS) zu gründen (vorübergehend arbeitet er für diese Organisation hauptamtlich als Sekretär), Kampage „Kampf dem Atomtod“, bei der IdK (Deutscher Zweig der War Resisters International). Er hält Vorträge (die er entwirft unjd seine Frau formuliert und tippt 😉 ), berät junge Männer zur Kriegsdienstverweigerung, (häufig füllten lebhafte Diskussionsrunden und dichter Zigarettenqualm unser Wohnzimmer), malt Plakatebilder und produziert Fotoausstellungen zu Atomgefahren, zu Hiroshima und Nagasaki – Materialien, mit denen er mit Freunden „Atommahnwachen“ gestaltet, stellt sich Diskussionen auf der Straße, schreibt Leserbriefe, Flugblätter, politische Poesien, stellt sich als Beistand zur Verfügung, um junge Männer zu den Prüfungsausschusssitzungen zu begleiten, wo über ihre Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer entschieden wurde. Das war in den 50er/60er Jahren ein Spießrutenlaufen, von Hetze und Diffamierungen umwogt, „nützliche Idioten Moskaus“, „Kommunisten“, Vaterlandsverräter“….

Nebenher bildet er autodidaktisch seine Stimme aus, zu einem Bassbariton höchster Qualität – aufgrund seiner Gehbehinderung darf er jedoch nur im Chor des Kasseler Staatstheaters singen, seine Stimme könne sich zwar mit den Großen messen, beschied man ihn dort und an anderen Opernhäusern, doch ein Gehbehinderter als Solist auf der Bühne sei nun mal nicht möglich….

Lothar Schirmacher und seine Frau Marie Elisabeth geb.Köhn, die gemeinsam mit ihm aktiv in der Friedensbewegung und in der Kampagne „Kampf dem Atomtod“ war , organisierten die – je nach politischer Sichtweise berühmte bzw. berüchtigte – Veranstaltung am 25.Januar 1959 in der Kasseler Stadthalle, auf der Kirchenpräsident Pastor Martin Niemöller jene „skandalöse“ Rede hielt, die zu einer Anzeige Franz Josef Strauß‘ gegen Niemöller führte. Niemöller nannte die Schulung junger Soldaten in der wiederbewaffneten Bundesrepublik , angesichts des Tötungspotentials der modernen Kriegswaffen, „Ausbildung zum Massenmord“.

Lothar Schirmacher und Freunde engagierten sich auch im „Ost-West-Dialog“ – hielten Kontakte mit „drüben“, ermöglichten Diskussionen zwischen jungen Leuten aus Ost und West – argwöhnischst beobachtet von Staatschützern beider Seiten.

Damit trieb er ohne es zu wissen nach und nach auf die Rufmord-Katastrophe zu, die ihn Anfang der 60er Jahre dann ereilte.

Er begann, sich kritisch zu äußern zu Unterwanderungsversuchen – während seiner Zeit als Kandidat der Deutschen Friedensunion, während Friedensgruppentreffen mit Ostdeutschen in den Jahren vorher, bei verschiedenen Gelegenheiten hatte er den Eindruck, dass Menschen beeinflusst und beauftragt wurden und nicht mehr eigenständige Haltungen zu äußern schienen. Es gab Anwerbeversuche ihm gegenüber, die er scharf zurückwies. Er wollte im Kalten Krieg seine eigene Haltung, stellte sich gegen antikommunistische Hetze und Diffamierung jeder Kritik in Westdeutschland als „moskauhörig“ ebenso wie gegen Wiederaufrüstung und starre Parteilinie in der DDR.

Nach dem Mauerbau und der Grenzschließung äußerte er Ost- „Friedenskontakten“ gegenüber seine grenzenlose Empörung über den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze. „Ihr verhängt über junge Leute und halbe Kinder die Todesstrafe, wenn Ihr es nicht schafft, sie von Eurem Sozialismus zu überzeugen…Jeder an der Grenze erschossene junge Mensch wiegt Tausend Eurer Kindergärten und sonstigen guten sozialen Leistungen auf! Wenn Ihr es nicht schafft, sie für Euch zu begeistern, ist das Eure und nicht ihre Verantwortung – statt das zu kapieren, bringt Ihr sie um, wenn sie weg wollen.“ Das bedeutete sein politisches Todesurteil: kurz darauf verbreitete die Stasi über ihn quer durch die damaligen Organisationen, in denen er aktiv gewesen war, er sei ein von der CIA und dem englischen Geheimdienst beauftragter Agent.

Und es wurde von vielen geglaubt, er wurde gemieden, Freunde zogen sich zurück, Informationen wurden nicht mehr geschickt, Einladungen zu Treffen, Versammlumgen, Vorträgen, auch private Kontakte hörten auf. Sein alter Meister Karl Eckerlin gehörte zu den wenigen, die treu zu ihm hielten.

Er hat das nie wieder verwunden. Das konnte nicht heilen. Auf dem Hintergrund seiner hier grob skizzierten Geschichte war dies eine so ungeheure Ehrverletzung und die Beeinflussbarkeit von für Freunde gehaltenen Mitaktiven eine so große Kränkung, dass er sich davon nicht erholen konnte.

Er war dann in manchen anderen Bereichen privaterer Art sehr aktiv – baute ein Haus mit uns, sang weiter viel, nahm Lieder und Arien auf (meine Schwester Tanja rettete ein bisschen davon vo n wiederaufgefundenem Tonband und digitalisierte es), sang in einem Chor, veranstaltete einige Liederabende, schrieb sogar einen frechen Karneval-Song, und Ähnliches, stellte noch mal ein Projekt auf die Beine (Versuch einer Gaststätte, dann ein kleines Altersheim zusammen mit seiner Frau), engagierte sich auch erneut mit uns jungen Leuten im kleineren Kreis in einer Kasseler Friedens-Apo-Gruppe vor 1968, in der Klaus Baum und ich dabei waren, doch verschmerzte er die Verleumdung und folgende Verfemung nie. Das mag mit beigetragen haben zu seinem allzu frühen Tod.

Anfang der 00-Jahre traf ich ergraute Menschen aus Kassel auf einem Seminar, frühere Friedensfreunde meines Vaters. Ich kam auf diese Sache zu sprechen – sie hatten zu denen gehört, die das Gerücht geglaubt hatten. Ich empörte mich: So ganz ohne Überprüfung habt Ihr das einfach geglaubt? „Ja, wir dachten damals, so etwas kann doch nicht vollkommen ohne Grund aufgekommen sein…“

Als eine der wichtigsten Lehren, die Lothar Schirmacher aus seinen Erfahrungen zog, bezeichnete er immer wieder, dass das Schlimmste „die alleinige Wahrheit gepachtet haben“ sei. Er habe das nun überall sehen können, die Dummen gebe es in jedem weltanschaulichen Lager, Zeugen Jehovas, Katholiken, Kommunisten, Stalinisten, Nazis sowieso – alle hätten sie für sich den Anspruch auf die alleinige Wahrheit. Davor müsse ich mich mein Leben lang hüten – das verursache alles Elend.

Unter den geretteten Aufnahmen mit seiner großartigen Stimme gibt es die „Verleumdungsarie“.

Die hat er mit ungeheurer Leidenschaft gesungen – direkt aus dem Innersten seiner großen Verletzung.

Da es im Augenblick technisch nicht möglich ist, Lothar Schirmachers gerettete Aufnahme der Verleumdungsarie hier einzustellen , verlinken wir zu einer Aufnahme, deren Stimmqualität der seinen nahekommt.